Neustadt Wohl zum letzten Mal Braut
Als Elsbeth Kölsch spielt Tanja Frieß seit 1997 an der Seite ihres Bühnenpartners Jakob die jungvermählte Braut, die kurz nach der Hochzeit vom Brauch überrascht wird, den Tributbock am Dienstag nach Pfingsten nach Deidesheim führen zu müssen. Der Bräutigam wurde im Lauf der vergangenen Jahre von unterschiedlichen Darstellern gespielt, die Braut blieb dieselbe. Dabei begann ihre Geißbockkarriere viel früher: „Es gibt Fotos von 1977, dem Jubiläumsjahr der Stadt Lambrecht, da bin ich als Zweijährige an der Hand meines Papas auf dem großen Umzug mitgelaufen.“ Vater Karl Glaß spielte damals einen Landsknecht. Begeistert vom Geist des heimatlichen Kulturbrauchtums, blieb sie auch danach der Geißbockbühne in der Reihe der Statisten treu. Ihre erste Sprechrolle hatte sie 1992: Als Klosterschülerin durfte Frieß den Prolog aufsagen. Bei der Aufführung fünf Jahre später wurde ihre Karriere als Elevin der Nonnen ausgebremst. Aber es war ein Aufstieg, denn man hatte eilig einen Ersatz für die Rolle der Braut Elsbeth Kölsch gesucht. „Es war der ausdrückliche Wunsch von Günter Lauer, unter dessen Regie ich meist gespielt habe“, sagt Frieß. „Ich sprang kurzfristig ein, dann ist es dabei geblieben.“ Damals sei sie noch in der Ausbildung gewesen, es habe kein Geld für aufwendige Kostüme gegeben. Ein schlichtes Kleid aus dem Fundus habe sie getragen und ein Kränzchen auf dem Kopf. Für den nachfolgenden Auftritt fertigte Ute Hinrichs, Leiterin des Verkehrsverein-Theaterfundus’, ein echt wirkendes Sträußchen mit haltbaren, farbenfrohen Seidenblumen, das Frieß auch beim diesjährigen Geißbockspiel wieder in ihren Händen halten wird. Zweimal, 1997 und 2002, hat sie für die Inszenierung Gregor Michme, auf der Bühne Jakob Kölsch, geheiratet. Und immer wieder mit ihm gestritten und durchgesetzt, dass sie bei der Überführung des Tributbocks nach Deidesheim mitmarschiert. „Das Jahr 2002 war besonders spannend, denn das große Bühnenspiel, damals noch im Beerental, fand 14 Tage vor der echten Hochzeit mit meinem Mann Markus statt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon mein Brautkleid. Es aber vor der Hochzeit öffentlich auf der Bühne zu tragen, das ging gar nicht!“ So hielt wieder ein Brautkleid aus dem Fundus her, jedoch zum letzten Mal. Eine Verbindung zur eigenen Hochzeit gab es dann aber doch: Der damalige Verbandsbürgermeister Herbert Bertram, der auf der Bühne die Rolle des Lambrechter Bürgermeisters gab, traute das Paar im Lambrechter Standesamt am 7. Juni 2002. „Das war für uns eine große Ehre“, sagt Frieß. Bei aller Begeisterung seiner Tanja für die Geißbockspiele: Markus zog es vor, erst nach dem Pfingstspektakel zu heiraten. Offenbar wollte er nicht dem Kreis der Jüngstvermählten angehören, von dem eines für den langen, medienträchtigen Geißbockmarsch am Dienstag nach Pfingsten nach Deidesheim auserkoren wird. Bei den Spielen 2008 und 2013 heiratete sie dann in ihrem seidig schimmernden, mit feinen Stickereien besetzen Gewand Hans-Werner Herrmann. Dieses Jahr ist Thomas Hanke, ebenfalls aus Lambrecht, neuer Bräutigam. Zur mehrfachen „Bigamie auf der Bühne“ seit 1997 meint sie: „Einer wie der andere heißt für mich Jakob. Der beste Ehemann ist und bleibt mein eigener, nämlich Markus.“ Das Brautkleid passt nach 16 Jahren immer noch, gewandte Hände haben es der Protagonistin angepasst. „Ute Hinrichs hat das Kleid 2013 geändert und die Säume herausgelassen. Letztes Jahr nahm meine Mama noch eine kleine Erweiterung durch ein Band vor, kaschierte es im Rücken mit einer Rosenschleife“, erklärt die Mutter zweier Söhne. „An der Rolle gefällt mir am besten, dass ich mein eigenes Hochzeitskleid trage. Welche Frau kann ihr Brautkleid so oft anziehen? Das ist etwas Außergewöhnliches.“ Die ewig jung gebliebene Braut will die 42-Jährige aber nicht spielen: „Ich glaube kaum, dass ich in fünf Jahren noch einmal in dieser Rolle auftrete.“ Und so hofft sie, dass der Nachwuchs in den Startlöchern steht. Erste Interessenten sollen sich schon gemeldet haben, wie aus den Reihen der Spieltruppe des Verkehrsvereins Lambrecht zu hören ist.