Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Witzig und traurig zugleich: Film „Danke tote Katze“ feiert im Neustadter Roxy-Kino Weltpremiere

„Penner Beate“ lebt mit ihrem schwerstbehinderten Kind auf der Straße – ein Unding in den Augen der Behörden. Der Speyerer Filme
»Penner Beate« lebt mit ihrem schwerstbehinderten Kind auf der Straße – ein Unding in den Augen der Behörden. Der Speyerer Filmemacher Benjamin Martins drehte das skurrile Sozialdrama mit der Wiesbadener Schauspielerin Beate Krist und deren Sohn Nicholas, der auch im richtigen Leben ein »Liegekind« ist.

Neustadt kommt nicht oft in den Genuss einer echten Kino-Welt-Premiere, aber am 19. Juni ist es soweit. Dann startet exklusiv im Roxy-Kino das skurrile Sozialdrama „Danke tote Katze“ des Speyerer Filmemachers Benjamin Martins – wie es sich gehört mit rotem Teppich und vielen Schauspielern. Und auch eine Hündin mit Namen Müsli darf aus gegebenem Anlass nicht fehlen.

Neustadt. Dass sich in Martins’ Film Witz und Tragik auf eine ganz eigentümliche Weise miteinander verknüpfen, zeigt schon die erste echte Spiel-Szene in diesem nicht ganz anderhalbstündigen Film: Eine Obdachlose (Beate Krist) wickelt da in ihrem Zelt im Schatten der Kühltürme von Philippsburg ihr Baby, doch als sie dann die Windel wegschmeißen will, trifft sie die Sch... mitten im Gesicht. In seiner lakonischen Komik erinnert das fast ein wenig an Aki Kaurismäki. Und es ist auch ein Symbol.

Das Leben von „Penner-Beate“ ist ziemlich trostlos – und doch auch ziemlich lustig

Denn ziemlich trostlos ist das Leben von „Penner-Beate“ auch im weiteren Verlauf – und das nicht nur, weil sie sich meist an „Nicht-Orten“ wie Parkdecks, Gewerbegebieten, Unterführungen oder zugemüllten Straßenrändern aufhält. Die Baby-Milch für ihren schwerstbehinderten Sohn muss sie klauen, sich eines übergriffigen Fernfahrers erwehren, und auch mit den Behörden läuft es alles andere als glatt, denn die wollen ihr ihr Kind wegnehmen. Allerdings finden alle Behördengespräche – ob im Bürgerbüro, Sozialamt oder Jobcenter – auf engstem Raum in Umzugskartons statt, die dann auch noch an skurrilen Orten wie der Pegeluhr an der Parkinsel in Ludwigshafen oder direkt an einem Felsabgrund stehen. Auch ein höchst bizarres Personal, zu dem unter anderem eine flippige Kiosk-Betreiberin und ein Gangster im rosa Prinzessinnen-Kleidchen gehören, unterstreicht, dass es Martins in seinem Film nicht oder zumindest nicht nur um harte Sozialkritik geht. Ein ausgesprochen poetisches Moment kommt beispielsweise durch eine Schneekugel ins Spiel, die der gebeutelten Beate ganz real als Rückzugsort dient. Dass Spezialeffekte wie dieser wie gebastelt aussehen, ist gewollt, wie Martins unterstreicht. Denn die phantasievolle Geschichte wird aus der Perspektive von Beates inzwischen erwachsen gewordenem Sohn erzählt, der mit seiner Behinderung eben immer noch etwas sehr Kindliches an sich hat.

„Danke tote Katze“ war zunächst eigentlich nur als „Übungsfilm“ gedacht

„Danke tote Katze“ ist Benjamin Martins erster Langfilm. Der 34-Jährige stammt ursprünglich aus Dudenhofen, studierte Schauspiel in Köln und Berlin und wurde vor allem durch die Kika-Endlosserie „Schloss Einstein“ bekannt, bei der in zwei Staffeln den geistig behinderten Aaron Zuckmeyer spielte. Auch auf Bühnen der Region wie dem Frankenthaler Theater Alte Werkstatt, dem Oststadt-Theater in Mannheim oder dem Schwetzinger Theater am Puls war und ist der Speyerer zu erleben. Bei „Die Glasmenagerie“ in Schwetzingen lernte er auch seine Wiesbadener Kollegin Beate Krist kennen. 2013 wechselte der Schauspieler dann erstmals das Fach und erreichte mit dem Kurzfilm „Ameisenpakt“, in dem es um jugendliche Stricher geht, Einladungen zu diversen Festivals. Inzwischen hat er mit „Herbsthund-Filme“ sein eigenes Filmlabel in Speyer gegründet. „Danke tote Katze“ war eigentlich als „Übungsfilm“ für dieses neue Projekt gedacht, wuchs sich dann aber zu etwas ganz eigenem aus, das durchaus ein größeres Publikum verdient hat.

Der kleine Nicholas ist Beate Krists eigener Sohn und auch im echten Leben behindert

De facto ist „Danke tote Katze“ allerdings ein No-Budget-Film – die Kosten beziffert der Filmemacher auf etwas mehr als 1000 Euro –, und er entstand im Grunde aus einem Experiment heraus. Denn der kleine Nicholas ist Beate Krists eigener Sohn und auch im echten Leben blind, stumm und bewegungsunfähig. Die Dreharbeiten zogen sich über anderthalb Jahre hin – ohne Filmteam und zunächst auch ohne festes Drehbuch, bestimmt von dem Rhythmus, den Beate Krists Sohn vorgab. Martins selbst führte die GoPro-Kamera. Den Erzählstrang mit dem behinderten Kind verknüpfte der Speyerer dann mit der Geschichte der Obdachlosen, die um das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben kämpft. Auch dies sei von einer persönlichen Erfahrung inspiriert, erzählt der 34-Jährige: der Begegnung mit einem Obdachlosen, der sein Zelt in Speyer ausgerechnet an einer stark befahrenen Straße aufgeschlagen hatte. Reden wollte der Mann aber nicht mit Martins. So habe er begonnen, sich selbst eine Antwort auszudenken, erläutert der Filmemacher. „Dies ist vielleicht eine wahre Geschichte“, heißt es daher zu Beginn des Films.

Auch Benjamin Martins’ eigene Oma kommt zu einem Einsatz – mit Colt

Gedreht wurde „Danke tote Katze“ 2016/17 vor allem in der Pfalz und in Mannheim. Ortskundige werden viele Schauplätze wiedererkennen. Die Schauspieler sind Kollegen oder Laien. Sie wirkten alle ohne Bezahlung mit und mussten vor allem eines sein: extrem uneitel. Denn Martins filmt sie oft in so extremer Nahsicht, dass selbst echte Schönheiten wie Karikaturen aussehen. Auch fast die komplette Familie Martens kommt zum Einsatz – bis hin zur Oma, die mit einem Colt im Rollator die Szene kreuzt. Der Schluss führt Beate dann an die Nordseeküste, wo sie in gewisser Weise zu sich selbst findet.

Erstmals in einem Kino gezeigt wurde der Film schon 2017 in Mannheim – allerdings nur einem Testpublikum. Im April 2019 war er dann auch in einer Sondervorstellung beim Kurzfilmfestival „Hollyworms“ in Worms zu sehen. Die ganze Zeit hoffte Martins noch, einen Verleih zu finden. Weil das nicht geklappt hat, bot er seinen Film deshalb auf eigene Faust bei Kinos in der Pfalz an – und Michael Kaltenegger vom Roxy-Kino war der erste, der zuschlug.

Der nächste Dreh beginnt für „Herbsthund Filme“ schon im Juli, doch das Genre ist ganz anders

Und warum nun wirkt bei der Premiere am Mittwoch auch ein Hund mit? Weil die Australian-Shepherd-Hündin Müsli so etwas wie das Maskottchen von Martins’ Filmfirma ist und auch bei jeder seiner Filmproduktionen einen Cameo-Auftritt hat. In „Danke tote Katze“ ist sie gleich mehrfach zu sehen. Und die nächste Gelegenheit für einen Einsatz besteht für sie schon im Juli. Denn dann dreht „Herbsthund Filme“ seinen nächsten Film, ein auf authentischen Tagebuch-Aufzeichnungen beruhendes Biopic des Theologen und Schriftstellers Jochen Klepper, der sich 1942 zusammen mit seiner jüdischen Frau und Stieftochter das Leben nahm, weil diesen die Deportation drohte. Beate Krist spielt dabei die Ehefrau. Und das Budget liegt mit 75.000 Euro ein bisschen höher als bei „Danke tote Katze“.

Termin

„Danke tote Katze“ feiert am Mittwoch, 19. Juni, um 20 Uhr Welt-Premiere im Roxy-Kino in Neustadt. Der Sektempfang beginnt um 19.30 Uhr. Bei der Vorführung sind der Regisseur, die Hauptdarstellerin Beate Krist und drei weitere Schauspieler anwesend. FSK: ab 12. Karten (10/8/7 Euro) unter 06321/ 2659 oder www.roxy.de.

Benjamin Martins mit Australian-Shepherd-Hündin Müsli, die am Mittwoch auch bei der Film-Premiere dabei sein wird.  Foto: Lenz
Benjamin Martins mit Australian-Shepherd-Hündin Müsli, die am Mittwoch auch bei der Film-Premiere dabei sein wird.
Stilmittel Künstlichkeit: Die Spezialeffekte in „Danke tote Katze“ sind so skurril wie die ganze Handlung, die aber auch erschüt
Stilmittel Künstlichkeit: Die Spezialeffekte in »Danke tote Katze« sind so skurril wie die ganze Handlung, die aber auch erschütternde Momente bereit hält.
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