Neustadt „Wir stoßen in eine Lücke“: Peter Tilling, Organisator des Neue-Musik-Festivals in Haardt, im Interview

Peter Tilling, hier bei einem Konzert im August in der Speyerer Dreifaltigkeitskirche, ist Cellist, Dirigent und Komponist in ei
Peter Tilling, hier bei einem Konzert im August in der Speyerer Dreifaltigkeitskirche, ist Cellist, Dirigent und Komponist in einer Person. Beim Festival in Haardt wird man ihn in allen drei Funktionen erleben können.

Peter Tilling ist ein Macher. Um der Corona-Krise etwas entgegen zu setzen, hat er kurzerhand ein „Festival für aktuelle Musik“ in seinem Geburtsort Haardt aus der Taufe gehoben. Andrea Zimmermann hat vorab mit ihm gesprochen – über dessen Vorbereitungen, die aktuelle Lage von Musikern und Komponisten und Vorurteile gegenüber der sogenannten „Neuen Musik“

Herr Tilling, ist das gutbürgerliche Neustadt wirklich ein geeignetes Pflaster für Neue Musik?
Ich halte Neustadt, ja die ganze Pfalz, für eine extrem interessierte Region und erlebe ein sehr offenes Publikum. Zudem gibt es in der Vorderpfalz kein Festival für Neue Musik, wir stoßen also in eine Lücke. Es ist wichtig zu sagen, dass wir die gesamte Vielfalt und Schönheit der Musik unserer Zeit abbilden wollen, ganz offen.

Neue Musik wird oft als kompliziert empfunden. Wie wollen Sie den Musikgeschmack des Publikums treffen?
Ich denke als Dirigent, Organisator und Musiker immer an das Publikum. Man entwirft Programme nicht im luftleeren Raum, sondern überlegt, für wen und mit wem man spielt. Wir sagen ganz bewusst „Aktuelle Musik für die Region“, denn wir präsentieren nicht nur einen kleinen Ausschnitt musikalischer Kunst, sondern begeben uns auch in verschiedene Länder, von Ägypten bis Brasilien. Wir präsentieren zwei junge Komponistinnen, die Stars sind – es braucht keine spezielle Haltung. Unsere Intention beinhaltet aber auch einen sozialen Gedanken: Die Corona-Krise hat uns auseinandergebracht, Publikum und Musiker. Jetzt fangen wir wieder an und wollen dabei alle Zuhörergruppen begeistern. Es soll eine Veranstaltung sein für die Haardt, für das interessierte Neustadter Publikum, für die Region und natürlich für das überregionale Publikum. Im Moment gibt es keine Schwellenängste: Die Leute sehnen sich nach Musik, die Seele braucht Zuwendung.

Warum gerade die Haardter Kirche?
Eine wunderschöne Kirche, ein perfekter Kammermusiksaal mit toller Akustik! Zum anderen hatte Chorleiter und Organist Martin Schletz schon länger nachgefragt, ob „Risonanze Erranti“ nicht einmal dort spielen wollen. Jetzt ist die Chance da: In Corona-Zeiten ist es schwer, geeignete Räumlichkeiten für Konzerte zu finden. Wir sind Pfarrerin Anette Leppla und der Kirchengemeinde sehr dankbar für diese Unterstützung! Und ich bin ja persönlich mit der Haardt verbunden, da ich hier aufgewachsen bin. Außerdem entfällt das Haardter Weinfest – wir hoffen, diese Lücke zu füllen.

Was finden Sie persönlich so toll an Neuer Musik?
(Lacht). Ich mag fast alle Musik, von der Antike, über das Mittelalter bis in die Gegenwart. Orlando di Lasso zählt zu meinen Lieblingskomponisten. Für mich ist es aber auch selbstverständlich, sich für die Musik der eigenen Zeit zu engagieren – und diese mitzugestalten. Deshalb ist mir der persönliche Kontakt zu Komponisten so wichtig. Es ergeben sich spannende Dialoge, oft entwickeln sich langjährige Arbeitsbeziehungen und Freundschaften. Musik ist für uns eine leidenschaftliche Angelegenheit, das sehen die Komponisten genauso, sie wünschen sich Feedback. Wenn man als Musiker die Vorstellung des Komponisten kennt, wird alles besser und genauer. Ich möchte aber betonen, dass ich universaler Musiker bin, ich bin genauso Operndirigent, dirigiere Beethoven und Wagner.

Die Corona-Krise hat freiberufliche Musiker extrem gebeutelt. Wie geht man damit um?
Ja, die Probleme sind gewaltig und existentiell. Es war ein schwerer Schlag, plötzlich ohne Arbeit zu sein, sich nicht mitteilen zu können – und wir sind immer noch mittendrin. Wir hoffen, dass die Folgen zu revidieren sind! Nach einigen Wochen des Innehaltens habe ich mich entschlossen, Eigeninitiative zu entwickeln. So kam die Idee für das Festival. Ich halte es für sehr wichtig, live für Menschen zu spielen. Es kann nun eine große Chance für unsere Gesellschaft sein, wenn viele Leute in die Kirchen strömen. Weiterhin muss man auch an junge Komponisten denken: Sie sind auf Aufführungen ihrer Werke angewiesen. In der jetzigen Situation habe ich deshalb gezielt Aufträge vergeben, gegen das Verstummen.

Wie kommen die Mitglieder Ihres Ensembles zusammen?
Nach dem Studium an der Musikhochschule Karlsruhe wollte ich im Kontakt mit diesen wunderbaren Musikern bleiben. Einige unserer Mitglieder kommen aus Karlsruhe oder der Pfalz, es gibt langjährige Freundschaften. Zum anderen haben wir einen Schwerpunkt in München. Dort proben wir meist, deshalb sind viele Kollegen aus München. Unsere Projekte planen wir gemeinsam, im regen Austausch.

Wie ist Ihr Ensemble aufgestellt?
Unter normalen Umständen spielen wir mit bis zu 20 Musikern, ich dirigiere. In der Haardter Kirche spielen wir Kammermusik mit zehn Leuten. Bei einigen Stücken spiele ich Cello, andere sind dirigiert. Jeder der fantastischen Musiker ist auch Solist. Man muss hören, wie Franziska Hölscher Luciano Berios „Sequenza“ für Violine spielt! Oder die selten aufgeführte „Sequenza“ für Stimme, gesungen von Verena Usemann – alleine deswegen lohnt es sich, zu kommen.

Ist das Festival für die Gruppe auch eine Gelegenheit zur „Musikfreizeit“?
Wir können hier in Ruhe arbeiten und inmitten wunderschöner Natur und Landschaft den „genius loci“ spüren. Über mehrere Tage vertiefen wir uns in die Musik. All dies wollen wir den Zuhörern mit der wunderbaren Musik vermitteln. Sehr dankbar sind wir für die tatkräftige Unterstützung, die wir hier erfahren.

Das Programm bietet auch sechs Uraufführungen. Was ist das Reizvolle an diesen Werken?
Ich reise viel fürs Dirigieren. Es ist mir wichtig, andere Kulturen zu erleben. Dabei schaue ich immer nach interessanten Komponisten. Die Aufträge waren mit der Bitte verbunden, den mittelalterlichen Codex Bamberg als Vorlage zu nehmen. In dieser Sammlung befindet sich die vermutlich früheste gedruckte Instrumentalmusik. Dort ist schon Distanz das Thema: Hoqueti, deutsch: „Schluckauf“, sind mittelalterliche Formen, bei denen zwei Stimmen über den Raum hinweg eine Melodie bilden – es geht sozusagen nur gemeinsam. Die Komponisten reagierten darauf sehr unterschiedlich, geprägt vom Kulturkreis und der derzeitigen Situation. Entstanden sind persönliche und berührende Werke von einzigartiger Schönheit. Wir staunen selber noch.

Und wie ist bisher die Resonanz im Vorverkauf?
Der Kartenverkauf läuft extrem gut, aber es gibt noch Plätze für das Abschlusskonzert am Sonntag. Eine echte Entdeckung ist da die Musik des armenisch-stämmigen Mystikers Alan Hovhaness. Dazu gibt es drei Uraufführungen – und späte Kammermusik von Claude Debussy, der mit seiner französischen Raffinesse und Leichtigkeit sehr gut in die spätsommerliche Landschaft passt. Vor allem das zauberhafte Trio für Flöte, Bratsche und Harfe, ein selten zu hörendes Meisterwerk, sollte man sich nicht entgehen lassen. Einzigartig wird aber auch das zweite Konzert am Samstag mit Musik aus dem Film „La grande bellezza“. Dort fangen wir italienische Atmosphäre ein mit Musik vom Mittelalter bis zu Arvo Pärt – fast alles Werke aus Filmen.

Termine

Das „Festival Risonanze Erranti“ bietet von Freitag bis Sonntag drei Konzerte in der protestantischen Kirche in Haardt. Karten gibt es aber nur noch für das letzte am Sonntag, 13. September, um 17 Uhr, das den Titel „Enchanted ground“ trägt. Vorverkauf (16/10 Euro) unter 0173-6343484 oder haardter.kirche@t-online.de.
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