Neustadt
Wieso keine Figuren den Brunnen am Bahnhof schmücken
Am 24. September 1937, einen Tag nach der feierlichen Einweihung des Springbrunnens auf dem Bahnhofsvorplatz in Neustadt, schrieb der Pfälzische Anzeiger: „Wenn nun diese schöne Anlage auch in ihrem zweiten Bauabschnitt, nämlich der Aufstellung der verschiedenen Figuren, zu deren Erlangung die Stadt einen Künstlerwettbewerb ausgeschrieben hatte, fertig sein wird, dann erst wird die Fontäne eine wirkliche Sehenswürdigkeit Neustadts sein.“ Zur Aufstellung der Figuren, die in dem Bericht angesprochen wird, kam es jedoch nie. Wieso nicht?
Nach einem Blick in die eigens zu diesem Thema angelegten Akte im Neustadter Stadtarchiv lässt sich die Frage beantworten, wieso die angeforderten Figuren nicht ihren vorgesehenen Platz am Brunnen einnehmen konnten. In dem Ordner befinden sich zahlreiche Originaldokumente, darunter Briefe, Ratsprotokolle und Zeitungsartikel.
Wie eines zum anderen führte
Im März 1937 hatte der Neustadter Stadtbaurat Hans Neher seinen Freund und Bildhauer Ottmar Schrott-Vorst aus München beauftragt, Modellskizzen für zwei Brunnenfiguren für die Stadt zu entwerfen. Als die Reichskammer der bildenden Künste Saarpfalz, die alle öffentlichen Aufträge der Region an Künstler prüfte, von der Auftragsvergabe an einen ortsfremden Künstler erfuhr, wendete sie sich in einem Brief an den Neustadter Oberbürgermeister Richard Imbt. Darin mahnte die Kammer, dass es bei einem „derartigen repräsentativen pfälzischen Auftrag“ vielmehr um „das kulturelle Können aus eigener Kraft des pfälzischen Volkes“ ginge als um die Erledigung der Arbeit durch einen außerhalb der Pfalz lebenden Künstler. Der OB wurde gebeten, den Auftrag im Rahmen eines Künstlerwettbewerbs zu vergeben. Imbt folgte der Bitte.
Als der Wettbewerb ausgeschrieben wurde
Noch im Sommer 1937 schrieb die Stadt den Wettbewerb aus. Regionale Künstler, die von der Reichskunstkammer Saarpfalz empfohlen wurden, wurden dazu aufgerufen, Entwürfe von Brunnenfiguren einzureichen. Die Preisgelder für die ersten beiden Plätze beliefen sich auf 450 und 250 Reichsmark. Das Geld stammte unter anderem vom Reichspropagandaministerium unter Führung von Reichsminister Josef Goebbels, der zugleich Präsident der Reichskulturkammer war und somit der Reichskunstkammer vorstand.
Zwischenzeitlich hatte Bildhauer Schrott-Vorst seine Entwürfe fertiggestellt und Neher übersandt. Doch dann die schlechte Nachricht: Völlig überrascht berichtete der Stadtbaurat seinem Freund in München, dass ihm der Auftrag quasi über Nacht entzogen worden sei, da die Reichskunstkammer andere Pläne hatte. Das einzige, was er Schrott-Vorst stattdessen anbieten könnte, sei eine Entschädigungszahlung für die bereits erbrachten Leistungen. „Ich bitte dich aber, nicht den Mut sinken zu lassen, sondern teile mir umgehend mit, welche Summe wir als Entschädigung an dich auszuzahlen haben“, schrieb Neher an Schrott-Vorst.
Bildhauer möchte Arbeit zu Ende bringen
Der Münchner Bildhauer lehnte eine Entschädigungszahlung ab. Er wollte sich direkt mit der Reichskulturkammer in Berlin in Verbindung setzen, da er die Arbeit in erster Linie zu Ende bringen wollte. Neben dem finanziellen Verlust befürchtete er einen Schaden seines Rufs und dass es zu Problemen mit der Reichskulturkammer bei weiteren Auftragsvergaben kommen könnte. Schrott-Vorst geriet dann in eine zwei Jahre andauernde Auseinandersetzung mit der Reichskulturkammer und der Stadt Neustadt.
Erfolglos wendete er sich an Reichsminister Goebbels mit der Bitte, die Ungerechtigkeit ins Lot zu bringen. Auch seine Verweise in der Korrespondenz mit dem Neustadter Oberbürgermeister auf seine Beziehungen zu hochrangigen Nationalsozialisten und seine langjährige Parteizugehörigkeit brachten ihm den Auftrag nicht zurück. „Bereits im Jahr 1923 sah ich mich als Kämpfer der Bewegung und ich gehörte bereits der Partei an, als es noch schwer war, als Künstler für den Nationalsozialismus einzutreten.“
Wer beim Wettbewerb das Rennen macht
Die Akten über den Streit mit dem Bildhauer versieht Imbt mit einer Notiz im August 1939 und der Bitte an Neher, „die Sache derart zu erledigen, dass Schrott-Vorst auf seine Forderungen verzichtet“. Zwei Monate später sieht Neher die Auseinandersetzung als beendet, als er Imbt schreibt: „Von Schrott-Vorst sind keine Nachrichten eingegangen. Ich nehme an, dass er seine Forderungen einstellt.“
Währenddessen wurde der Wettbewerb wie geplant durchgeführt. Insgesamt wurden elf Gipsmodelle eingereicht. Den ersten Preis erhielt der Künstler Franz Lind aus Freinsheim mit seinem Entwurf „Wald und Wein“. Eine Figur stellte ein Mädchen mit einem Reh im Arm dar. Bei der anderen Skulptur handelte es sich um ein Mädchen, das ein Füllhorn voller Trauben im Schoß hatte. Zweiter Preisträger wurde der Bildhauer Otto Rumpf aus Kaiserslautern mit seinen Modellen eines Mannes mit Trinkschale und einem badenden Mädchen.
Sieger erhalten doch keinen Zuschlag
Obwohl die Gewinner bestimmt waren, wurde keines der eingereichten Modelle für eine Aufstellung in Betracht gezogen. Denn: Das Preisgericht bemängelte bei Franz Lind die Beigaben Reh und Füllhorn und die Ausfertigung der Mädchengesichter. Der Zweitplatzierte Otto Rumpf hätte das Thema Pfalz nicht getroffen. Andere Entwürfe schieden aus, weil es stehende Figuren waren. Zudem kamen die Verantwortlichen zu dem Schluss, dass diese zum völlig flach angelegten Brunnen nicht passten.
Im Sitzungsprotokoll des Preisgerichts vom 23. August 1937 heißt es: „Eine mühsame, zweieinhalb Stunden in Anspruch nehmende Arbeit hatte das Preisgericht zu bewältigen und dabei kam es zu der Ansicht, dass keine der Arbeiten vollkommen den Wünschen, die gestellt waren, entspricht.“ In der Ratssitzung vom 13. Dezember 1937 wurde schlussendlich beschlossen, dass der Brunnen so zu belassen sei, wie er ist. Einen Tag später war in der Neuen Arbeiter Zeitung zu lesen, dass anstelle der geplanten Brunnenfiguren nunmehr zwei Blumenschalen angebracht werden sollen.