Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Landesgartenschau 2027: Müllberg wird Aussichtspunkt

Auf dem Hügel werben schon Fahnen für die Landesgartenschau. Hier oben wird eine Panoramabar gebaut.
Auf dem Hügel werben schon Fahnen für die Landesgartenschau. Hier oben wird eine Panoramabar gebaut.

In gut zwei Jahren öffnet die Landesgartenschau in Neustadt ihre Tore. Star der Veranstaltung wird ein Aussichtshügel. Der einstige Müllberg hat eine bewegte Geschichte.

Manche Neustadter werden richtig emotional, wenn sie erstmals auf dem Monte Scherbelino stehen, wie der Deponiehügel im Osten der Stadt im Volksmund genannt wird. Die Einheimischen kennen die Erhebung natürlich, erklimmen konnten sie sie bisher nicht. Logisch, schließlich wuchs sie über Jahrzehnte als Müllberg in die Höhe. Der Müll ruht immer noch im Innern des abgedichteten Hügels.

Öffentlich zugänglich ist das Gelände weiterhin nicht, aber die Landesgartenschaugesellschaft hat schon bei mehreren Führungen Interessierte nach oben geführt – die dann zum Teil sehr emotional wurden. Viele sind überrascht, wie weit man von dort sehen kann, obwohl der Hügel gerade mal rund 30 Meter hoch ist. Und dann die Perspektive! Neustadt von oben sehen zu können, ist an sich nicht ungewöhnlich. Der Pfälzerwald bietet mehrere schöne Aussichtspunkte. Doch der Blick von Osten auf die Stadt, vor allem aber auch den 360-Grad-Blick, das kennen die Neustadter eben nicht.

Sonnenuntergang und Drinks

2027 werden hier die Besucher der Landesgartenschau (LGS) mit einem Getränk in der Hand in einem Liegestuhl die Sonne hinter dem Pfälzerwald versinken sehen. Dieses Szenario führen jedenfalls Anne Pieper und Tobias Dreher, die Geschäftsführer der LGS-Gesellschaft, bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor Augen. Auf dem Plateau des Hügels wird nämlich noch eine Panoramabar gebaut. Über das Gartenschaujahr hinaus wird es dort oben zwar keine Gastronomie geben, doch die Bar soll als Ausschankmöglichkeit auch künftig immer wieder einzelne Veranstaltungen begleiten. Das Gelände wird also dauerhaft zugänglich sein als Freizeit- und Erholungsstätte. Damit soll endgültig ein neues Kapitel in der bewegten Geschichte des Areals aufgeschlagen werden.

Während des Zweiten Weltkriegs befand sich auf dem Haidmühle genannten Gelände von 1942 an ein Lager für Zwangsarbeiter, die vorwiegend aus Osteuropa kamen. Mehr als 2000 Menschen lebten dort unter schwierigen Bedingungen, wie es in einer Untersuchung der Universität Mainz heißt.

Schock bei der Sanierung

1949 begann man nach Angaben der Stadt, dort Hausmüll zu deponieren – bis 1972. Danach wurde die Deponie noch für Bauschutt und Erdreste genutzt. Daneben entstand eine Bauschuttaufbereitungsanlage. 1986 wurde ein Teilbereich stillgelegt, zur Jahrtausendwende folgte der übrige Teil. 2012 wurde festgestellt, dass die Abdeckschicht stellenweise weniger als zehn Zentimeter dick war. Die notwendige Sanierung begann zwei Jahre später. 2017 dann der Schock: Die Behörden stellten fest, dass während der Sanierung illegal Hausmüll und gewerbliche Abfälle, manche davon gefährlich, in die Deponie eingebaut wurden. Es sollte bis 2023 dauern, bis mehrere Tausend Tonnen Abfälle lokalisiert, geborgen, entsorgt und die Abdichtung des Bergs wieder hergestellt waren.

Der Fall wird vor dem Amtsgericht Neustadt aufgearbeitet, allerdings mit einem für viele unbefriedigenden Ergebnis. Zwei Mitarbeiter einer Entsorgungsfirma müssen sich wegen des Vorwurfs verantworten, Abfälle illegal in zuvor ausgehobenen Gruben deponiert zu haben. Doch das Verfahren wird im Februar 2023 eingestellt, einer der Angeklagten muss lediglich als Auflage 7500 Euro an das Kinderhospiz Sterntaler in Dudenhofen zahlen. Der für die beiden Männer glimpfliche Ausgang wird unter anderem mit der langen Verfahrensdauer begründet.

Speyerbach wird renaturiert

Von dem Müll im Innern des Hügels geht indes keine Gefahr mehr aus. Das bestätigt die Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd. Allerdings sind der gärtnerischen Gestaltung Grenzen gesetzt, tiefwurzelnde Bäume dürfen nicht gepflanzt werden, damit die Abdeckschicht nicht durchbrochen wird.

Die Deponie-Vergangenheit hat dennoch dazu geführt, dass ein ursprünglicher Plan vor Kurzem zumindest ein bisschen geändert werden musste. So ist ein weiterer zentraler Bestandteil der Schau die Renaturierung des Speyerbachs. Aktuell fließt er im Osten der Stadt schnurgerade durch eine Betonrinne. Die soll einer naturnahen Gestaltung weichen, in einigen Wochen beginnen die Arbeiten: Der Bach wird breiter, er wird sich winden und langsamer fließen. An abgeflachten Uferböschungen sollen die Bürger Zugang zum Wasser erhalten, neue Orte zum Verweilen entstehen.

Bach darf nicht am Berg nagen

Am Fuße des Monte Scherbelino bleibt der Speyerbach aber auf einer Länge von etwa 200 Metern in seinem Betonbett. Denn wie sich herausgestellt hat, reichen die Deponie-Altlasten bis dorthin. Solange sie dort im Boden blieben, sei das auch kein Problem, sagt Martina Annawald, die bei der Stadtverwaltung für Stadtentwicklung zuständig ist. Baggere man dort aber auf, müsse man das Material teuer entsorgen. Kosten und Nutzen stünden in keinem vertretbaren Verhältnis.

Zum Aussichtspunkt auf dem Deponiehügel wird bei der Gartenschau ein 600 Meter langer, barrierefreier Weg führen. Im April 2027 ist es soweit. Dann können die Besucher für sich eine Frage klären, die so bei den bisherigen Führungen für die ein oder andere Diskussion gesorgt hat: In welche Richtung ist der Ausblick am schönsten?

Bis vor einigen Jahren wurde hier noch Bauschutt abgeladen, im Kern findet sich auch noch Hausmüll.
Bis vor einigen Jahren wurde hier noch Bauschutt abgeladen, im Kern findet sich auch noch Hausmüll.
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