Neustadt Wie ein altes Ehepaar

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Das Jahr 1977 gilt bei vielen älteren Geißbockspiel-Freunden als das schönstes Festjahr. Denn damals feierte die Stadt ihr 1000-jähriges Bestehen mit großen Spielen und bunten Umzügen. Annemarie Paulus, die dieses Jahr wieder Kathrin Dietz, resolute Gattin des notorischen Stotterers (dargestellt von Wilfried Denig) spielt, erinnert sich begeistert an ihre erste Sprechrolle: „Schon als Kind war ich dabei. Ich bin ein Lambrechter Mädel mit Leib und Seele.“ Ihren ersten großen Auftritt hatte sie 1977, als Hildegard Sauer und deren Bruder Josef Schäfer – verwandt mit dem Verfasser des Geißbockspiels, Ernst Schäfer – als jüngstgetrautes Lambrechter Ehepaar von der Schauspielbühne abtraten. Für Paulus war es eine große Ehre, dass die Regisseure Günther Lauer und Alois Stöhr sie baten, die Rolle der Braut Lisbeth Kölsch im Bild Sieben zu übernehmen. Werner Karrer war auch 1982 als Bräutigam an ihrer Seite. „Die Stadt hat bei der 1000-Jahr-Feier geblüht. Wir haben tolle Stunden miteinander verbracht, bei den Vorbereitungen und Proben und auch an den Festtagen“, so Paulus. „Wir kannten uns gut untereinander, auch wegen der Fasnacht. Nach den Proben kehrten wir stets in eines der Lambrechter Lokale ein.“ Die Gaststätten gebe es heute fast alle nicht mehr, bedauert sie, die viele Jahre unter Regisseur Lauer gespielt hat, ebenso bei der Theatergruppe Lambrechter Daalböck. Seit 45 Jahren ist sie bei Fasnachtsveranstaltungen aktiv. Gerne erinnert sie sich an die Geißbock-Aufführungen im Beerental am Waldrand, ehe die Veranstaltung aus praktischen Gründen auf den Tuchmacherplatz an der Wiesenstraße verlegt wurde. Dort oben seien Akteure und Besucher von der ganz besonderen idyllischen Atmosphäre begeistert gewesen. Von der Braut wechselte Annemarie Paulus dann zur Rolle der Deidesheimer Ehefrau Dietz über. Nicht auf den Mund gefallen, maßregelt sie im achten Bild ihren tölpischen Ehemann, spornt die Deidesheimer Räte an und beschimpft die Lambrechter Abgesandten. „Meine schönste Rolle war die der Braut, die witzigste ist die als Kathrin Dietz“, so Paulus. Ihr Bühnen-Ehemann Dietz alias Wilfried Denig ist ebenfalls mit Herzblut seit 1977 dabei. Bereits 1952, damals gerade zehn Jahre alt, sammelte er im Spielmannszug Erfahrungen bei Veranstaltungen in der Stadt. Zunächst spielte Denig mit Käthe Löffler, seit 1987 bildet er mit Annemarie Paulus ein eingeschworenes Duo. Denigs Rolle ist recht speziell, muss er doch seinen Text fortwährend in gebrochenen Silben herauswürgen. „Als Stotterer ist Wilfried ein Naturtalent“, meinen seine Mitspieler anerkennend. Das siebte und achte Bild, der Marsch der jungen Brautleute und die Übergabe an die Deidesheimer, sei bei den Proben und Aufführungen schon immer gesellig gewesen. „Wir hatten immer Essen und Trinken mitgebracht, uns hinter der Bühne gelabt. Die anderen waren neidisch“, erzählt Denig. Gute Gemeinschaft und Organisationstalent hätten eben ihre Vorteile. „Im Beerental sind uns zweimal Gäsböcke abgehauen“, erinnert sich Denig. „Wir rannten mit unseren Kostümen in den Wald, konnten die Tiere erst knapp vor Spielbeginn atemlos zurück zur Bühne ziehen.“ Diese aufreibenden Jagden sind aber gar nichts gegen den Coup in Deidesheim 1977: Man brachte den gut gehörnten und gebeutelten Bock am „Pfingstdienstag“ nach Deidesheim. Dort spielte die Lambrechter Truppe anlässlich ihres eigenen Stadtjubiläums die Szenen der Bockübergabe. Währenddessen raubten Lambrechter, darunter auch Feuerwehrleute und Förster, den Tributbock. „Sie haben ihn im Lambrechter Bauhof versteckt. Erst als die Deidesheimer bereit waren, den Bock gegen 20 Flaschen Wein einzulösen, wurde er rechtzeitig zur Versteigerung um 17 Uhr zurückgebracht“, so Denig. Auch seine Spielpartnerin Paulus bezeichnet die Auftritte zur Geißbocklieferung als mit die schönsten, findet aber ebenso die Wallonen-Szene beachtenswert: „Die Leute aus den Niederlanden und Frankreich mussten wegen ihres Glaubens fliehen. In Lambrecht wurden sie aufgenommen. Sie brachten die Stadt zum Blühen.“ Neue Erwerbszweige entstanden, aus denen letztlich die Tuchfabriken hervorgingen. Noch heute künden Straßennamen von der Geschichte, so die Wallonen- und die Fabrikstraße. Auf alte Handwerkstraditionen weisen unter anderem die Färber-, Gerber- und Walkstraße hin.

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