Neustadt
Wie ein Überraschungsei-Tüftler in der Pfalz heimisch wurde
Von seiner Wohnung in der Villenstraße aus hat Franz Rothbrust ganz Neustadt im Blick, sogar das Hambacher Schloss kann er sehen, wie der 77-Jährige schnell ergänzt. Neustadt sei inzwischen auf jeden Fall seine Heimat, sagt er. Zur Veranschaulichung erzählt er eine Anekdote: „Vor ein paar Tagen musste ich zum Arzt in die Stadt. Eigentlich ein Weg von ein paar Minuten. Doch ich war viel länger unterwegs, weil ich so viele Bekannte getroffen habe.“ Der Witwer genießt dieses Gefühl. In Neustadt sei er ohnehin in der Regel zu Fuß unterwegs, die Wege seien ja kurz.
Als Kind war er gewissermaßen ständig auf Achse. Sein Vater arbeitete als Sprengmeister in der Ölindustrie und war für seine Auftraggeber immer auf der Suche nach neuen Vorkommen. Entsprechend viele Umzüge bedeutete dies für die Familie. So erblickte Rothbrust zwar in Heidelberg das Licht der Welt, gelebt hat er dort aber nie. Dafür ging es für ihn im Alter von sechs Jahren nach Kanada. Allein viermal wechselte Rothbrust die Grundschule. Erst etliche Jahre später ging es zurück nach Deutschland – mit Stationen in der Vorderpfalz, in Offenbach am Main und im Spessart. „Neustadt ist mein 17. Wohnsitz“, verdeutlicht der 77-Jährige.
Zweisprachig aufgewachsen
Die vielen Umzüge habe er nie als Nachteil empfunden. „Ich bin ja auch zweisprachig aufgewachsen.“ Und doch habe ihn ein Schlüsselerlebnis während des Studiums zum Nachdenken gebracht. Mit einem Unifreund war Franz Rothbrust in dessen Heimatdorf. „Er wurde von jedem dritten, vierten Menschen begrüßt. Das kannte ich gar nicht. Ich habe meinen Freund beneidet und wollte auch Wurzeln schlagen.“ Dass ihm das in Neustadt gelungen sei, und er heute hier an der Weinstraße viele bekannte Gesichter treffe, mache ihn sehr glücklich.
Dabei hat Neustadt Rothbrust im Prinzip gleich gefesselt, als er vor 40 Jahren vor einer Umzugsentscheidung stand. Er wollte in der Nähe seiner Eltern leben. Heidelberg und Neustadt standen zur Auswahl. Das hübsche Heidelberg kannte er, es war ihm aber touristisch sehr überlaufen. Und in Neustadt zeigte ihm eine Bekannte ganz am Anfang einer Rundtour den Elwetritschebrunnen. „Ich war begeistert und meine Entscheidung für Neustadt gefallen.“
„Quengel-Ware-Designer“
Einmal zog Rothbrust dann noch innerhalb Neustadts um, aber seit über 25 Jahren ist nun die Wohnung in der Villenstraße sein Zuhause. Hier hat er auch über viele Jahre als Industriedesigner Spielzeug entwickelt. Rothbrust hat für ganz viele sehr namhafte Firmen Aufträge erfüllt. Unter anderem war er für Ferrero tätig und entwickelte die berühmten Spielzeuge, die in den Kinder-Überraschungseiern sind. Weitere Auftraggeber kamen aus der Lebensmittelindustrie, etwa Kellogg’s, Bahlsen oder Nestle. Rothbrust entwickelte viel kleine Spielzeuge, die die Unternehmen als Geschenke zu ihren Produkten hinzufügten. Lachend meint der Neustadter zu seinem Job: „Ich war Quengel-Ware-Designer. Immer wenn ein Kind im Supermarkt schrie, sagte ich, das war meine Schuld.“
Inzwischen könnte Rothbrust längst seinen Ruhestand genießen, aber er möchte nicht mit der Arbeit aufhören. Aus der Herstellung von Spielzeug hat er sich zurückgezogen, stattdessen ist der Neustadter nun als Berater tätig. Aktuell kümmert er sich im Auftrag der Vereinten Nationen (UN) um mehrere Spielzeughersteller aus Georgien. „Ich mache die fit für den europäischen Markt.“ Und Franz Rothbrust hat noch einen ganz bodenständigen Job. Als seine Frau vor zwei Jahren starb, war zufällig die Stelle als Hausmeister in der Villa Böhm frei. Er griff zu: „Das mache ich immer noch gerne.“ Er wollte damals nicht zu viel allein sein und genießt die vielen persönlichen Begegnungen rund um die Villa Böhm. Sein genauer Job? „Ich schließe morgens auf und abends zu, bereite Veranstaltungen vor und bin zur Stelle, wenn etwas klemmt.“
Über die Jahrzehnte in Neustadt hat sich der 77-Jährige zudem vielfach engagiert – er unterrichtet Migrantenkinder in Deutsch, Englisch und Mathe. „Alle schimpfen, aber ich packe mit an“, beschreibt er seine Motivation. Zudem leitete er den Fotokreis in der Volkshochschule, rief Slowfood in Neustadt ins Leben und gründete die Historische Tauchergesellschaft. Aufgrund all seiner Aktivitäten könne er überzeugt sagen: „Neustadt ist quicklebendig, es ist viel los, es gibt viele schöne Veranstaltungen.“ Ganz besonders liebe er die Konzerte rund um den Neustadter Herbst, den Wochenmarkt („Mein Wochenhöhepunkt: Ich gehe da nicht nur zum Einkaufen hin, sondern um Leute zu treffen“) und das bunte Treiben am Marktplatz. Als Hobbykoch und Weinfreund mag er die Pfälzer Genusskultur. Rothbrust ist begeistert: „Ich habe hier meinen Platz gefunden.“
