Geschichten aus der Geschichte
Wie die neue Eisenbahn den Tourismus nach Neustadt brachte
Während an der Bahnstrecke zwischen der Rheinschanze und Neustadt fleißig gearbeitet wurde und westlich von Neustadt für die erstmalige Durchquerung eines Mittelgebirges neue Strategien für den Bau einer Bahnlinie entwickelt werden mussten, machten sich die Bürger und die Redaktion des „Neustadter Wochenblatts“ im April 1847 Gedanken über die Zukunft der Stadt im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau. Es gab viele Fragestelllungen, zumal die Pfalz bis dato über kein solches Verkehrsmittel verfügt hatte.
Zwar erwartete man nicht, dass die Bahn, wie viele hofften, jedem Einzelnen „Glück bringen wird“, doch man war sicher, dass die Stadt „größten Gewinn“ haben werde. Was auch dem Herrscherhaus in München zugeschrieben wurde. Es hatte dafür gesorgt, dass es in der Pfalz vorangeht, angefangen mit der neuen Ausmalung des Speyerer Doms bis hin zu den Plänen, bei Rhodt eine königliche Villa zu errichten. Vor allem aber für die Maxburg, schon damals auch Hambacher Schloss genannt, erhoffte man sich eine vollständige Wiederherstellung. Nachdem die Anlage im Pfälzischen Erbfolgekrieg im 17. Jahrhundert von den Franzosen niedergebrannt worden war.
Fremde nach Neustadt locken
Daneben setzte man auf die Schönheit der Landschaft. Man hoffte, diese werde zahlreiche Fremde nach Neustadt locken. Gelobt wurden daher die Anstrengungen der Stadt, stadtnahe Fußwege auszubauen und mit Bänken zu versehen und sich nicht nur um die Wege ins Haardtgebirge zu kümmern. Manche Gäste wollten ohne große Steigungen laufen. Daher sollten die aus der Stadt führenden Straßen mit Obstbaumalleen verschönert werden. Dass die Pflanzungen an Straßen und Wingerten schon damals bei den Winzern nicht unumstritten waren, lässt sich ebenso einem Zeitungsbericht von damals entnehmen wie die Tatsache, dass der Autor der Weinqualität mit Skepsis begegnet sein muss. Nach seiner Aussage erwirtschafteten die Obstbäume mehr Erlöse als die darunter liegenden Weinberge.
Ein Ausbau der Gasthaus-Kapazitäten schien im damaligen Neustadt wohl ebenfalls angebracht, hatte man doch schon lange den Eindruck, dass Dürkheim als Ort der Traubenkur im Herbst überlaufen sei, so der Zeitungsredakteur. Wenn man dann die Innenstadt durch farbliche Gestaltung noch etwas attraktiver gestalte, habe man sicher gute Karten, um neue Gäste zu gewinnen – die Neustadter Trauben seien ja schließlich nicht schlechter.
Aussteigen statt vorbeifahren
Es wurde angeregt, eine Kommission einzurichten. Deren Ziel müsse es sein, die Gäste dazu zu bewegen, nicht mit der Bahn an Neustadt vorbeizufahren, sondern dort aussteigen. Wie der Heimatkundler Friedrich Jakob Dochnahl berichtete, wurde dann sogar einiges umgesetzt, insbesondere im Bereich der Wolfsburg. Und was besonders hervorgehoben wurde: eine neue Stadtuhr, hergestellt vom berühmten Uhrmacher des Straßburger Münsters, Jean-Baptiste Schwilgué.
Wenige Tage später – Mitte April 1847 – lud der örtliche Handwerksstand „ sämmtliche Meister aller Professionen“ zu einer Generalversammlung ins Schießhaus ein, bei der über die Gestaltung der Eröffnungsfeier zum Auftakt des Bahnbetriebs gesprochen werden sollte. Ein Festumzug sollte den auswärtigen Gästen die Angebote des Neustadter Handwerks näherbringen.
Neue Verkehrsregeln eingeführt
Der Bau der Bahn und die sich abzeichnenden neuen Reise- und Transportmöglichkeiten hatten bereits zu einer Umorganisation des bisherigen Kutschen- und Omnibusverkehrs geführt, da die Fuhrleute den Anschluss an das neue Verkehrsmittel suchten. Das höhere Verkehrsaufkommen brachte auch die Polizei in „Bewegung“: Über eine Bekanntmachung mahnte sie zu vorsichtigerem Fahren auf den engen Straßen und wies auf die „civilrechtlichen Folgen“ bei Unfällen hin. Angekündigt wurde eine „strenge Aufsicht und ein unnachsichtiges Einschreiten bei Übertretungen“. Es war zum Beispiel verboten, Fuhren auf den Straßen und vor Wirtshäusern ohne Aufsicht stehen zu lassen. Und wer einen Bahnübergang überquerte, so die Vorschriften für den Kreuzungsverkehr, durfte auf dem Kutschbock nicht schlafen.
Die für den Bahnbetrieb notwendigen Regularien wurden von der Regierung in Speyer bereits Ende März im „Amts- und Intelligenzblatt“ veröffentlicht. So waren an den niveaugleichen Kreuzungen von Straßen und Schienen beschrankte Bahnübergänge einzurichten, die fünf Minuten vor Durchfahrt des Zuges zu schließen waren. Die Regeln beschränkten sich jedoch nicht nur auf Fahrzeuge und Strecke – für das die Schaffner wurden am 1. Mai 1847 die Arbeitsregeln aufgestellt.
Auch damals gab es schon eine Art Beschwerdemanagement: Nach Auflage der Regierung in Speyer war mit Betriebsaufnahme in den großen Stationen ein entsprechendes Buch für die Eintragungen vorzuhalten. Im Mai 1847 starteten dann die Probefahrten.