Neustadt / Landau
Wenn Schüler fehlen: So funktionieren die Meldeketten in Schulen
Der Fall
Es ist der Fall, den Eltern nie erleben möchten. Das Kind ist Richtung Schule verabschiedet worden. Doch dann ruft das Sekretariat an und fragt, warum das Kind nicht im Unterricht sei. Kurzes Schlucken. Das Kind ist mit Freunden am Bahnhof, der Zug hat Verspätung. Die Zugprobleme sind in der Schule schon bekannt, die Situation entspannt sich. Dennoch: Kaum ist das Kind in der Schule angekommen, soll es sich im Sekretariat melden. Denn ein Lehrer hatte sich bei der Kontrolle große Sorgen gemacht und das Kind als fehlend gemeldet.
Dass hinter solchen Fällen nicht immer nur Zugverspätungen oder sonstige Missgeschicke stecken, wurde am 11. September in Edenkoben deutlich. Da soll ein vorbestrafter Neustadter ein zehnjähriges Mädchen entführt und missbraucht haben. Am Edenkobener Gymnasium hatte ein modernes Hilfsmittel dafür gesorgt, dass das Fehlen der Zehnjährigen rasch aufgefallen war: das digitale Klassenbuch. Statt auf Papier wird auf dem Bildschirm vermerkt, wer nicht anwesend ist. Meldet ein Lehrer einen Schüler als abwesend, wird das im Sekretariat direkt sichtbar. So können schnell Sorgeberechtigte kontaktiert werden, sofern keine Entschuldigung vorliegt.
Die Schulleiter
Das Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium in Neustadt nutzt für die morgendlichen Kontrollen Teams. „Im Kollegiumsteam gibt es eine Excel-Liste, in der für jeden Tag vom Sekretariat die Krankmeldungen eingetragen werden. Diese Liste können die Lehrkräfte über ihr Tablet oder Smartphone einsehen. Wenn jemand in der ersten Stunde fehlt, der nicht in der Liste steht, wird der Name von der jeweiligen Lehrkraft in eine zweite Spalte eingetragen. Die Einträge in dieser Spalte werden vom Sekretariat abtelefoniert“, erläutert Schulleiter Friedrich Burkhardt. Er betont: „Dieses Verfahren funktioniert gut, sodass wir im Moment keine Notwendigkeit sehen, etwas zu ändern.“
Für das Neustadter Leibniz-Gymnasium beschreibt Schulleiter Ulf Boeckmann das Verfahren wie folgt: „Grundsätzlich kontrollieren die Lehrkräfte zu Beginn jeder Unterrichtsstunde – nicht nur zu Beginn des Unterrichtstages – die Anwesenheit der Schülerinnen und Schüler. Sollte ein Fehlen festgestellt werden, wird von der Lehrkraft die ,Meldekette’ in Gang gesetzt.“ Dies bedeute, dass sofort das Sekretariat informiert werde. Gebe es dort keine Informationen über das Fehlen eines Schülers, werde umgehend das Elternhaus kontaktiert. Boeckmann: „Sollte der Verbleib eines Kindes ungeklärt sein, wird direkt ein Mitglied des Schulleitungsteams sowie die Klassenleitung informiert. Insofern gehe ich von sehr kurzen Zeiten von der Feststellung des Fehlens und der Rückfrage bei den Eltern aus.“ Der Leibniz-Schulleiter räumt ein, dass der Vorteil eines digitalen Klassenbuchs darin liege, „die Meldekette zu verkürzen“. Aus seiner Zeit am Ludwigshafener Carl-Bosch-Gymnasium wisse er, dass ein digitales Klassenbuch zudem Vorteile bei der Schul- und Unterrichtsorganisation biete. „Dennoch möchte ich betonen, dass auch ohne ein digitales Klassenbuch die Anwesenheitskontrolle und die Nachverfolgung bei uns am Leibniz-Gymnasium sehr gut funktioniert“, so Boeckmann.
„Am Käthe sind wir gerade bemüht, das Entschuldigungsverfahren zu digitalisieren. Dazu nutzen wir die Möglichkeiten unseres Schulmessengers Sdui und starten voraussichtlich in der kommenden Woche in die Testphase“, sagt Stefan Vogt, Schulleiter des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums. Bislang funktioniere die Kontrolle „über Information der Lehrer und Abgleich mit dem Klassenbuch beziehungsweise den anwesenden Schülerinnen und Schülern. Werden Unterschiede festgestellt, wird das Sekretariat informiert. Die Sekretärinnen fragen dann unmittelbar bei den Eltern nach. In aller Regel lässt sich das Fehlen direkt klären“, so Vogt.
„Das ist gut gelaufen“, findet Ralf Haug, der Schulleiter der IGS in Landau, mit Blick auf die Ereignisse am 11. September in Edenkoben. Seine Schule nutzt ebenfalls das digitale Klassenbuch. Auch wenn er darin einen hohen Nutzen sieht, warnt er davor, sich darauf zu verlassen. Denn bei 91 Lehrkräften und 950 Schülerinnen und Schülern – „alles Individuen“ – sei das nicht wirklich kontrollierbar, und es gebe Lücken, sagt Haug. Beispielsweise könne ja auch der Lehrer fehlen oder sich verspäten. Nicht jeder nehme die Kontrolle gleich zu Beginn der Stunde vor, unter anderem, weil auch mal Schulbusse im Stau stehen oder Züge Verspätung haben könnten. Manchmal werde die Abwesenheit erst mal auf einem Zettel notiert und erst später im digitalen Klassenbuch eingetragen.
Dass die Anwesenheit nicht immer zu Beginn des Unterrichts kontrolliert und entsprechend dokumentiert wird, kann Pete Allmann, Schulleiter des Gymnasiums im Alfred-Grosser-Schulzentrum in Bad Bergzabern, bestätigen. Es könne ja tatsächlich sein, dass ein Bus zu spät komme oder ein Schüler schlicht verschlafen habe, sagt er.
Die Schulaufsicht
Nach Angaben der Schulbehörde bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier muss die Anwesenheit der Schülerinnen und Schüler jeden Morgen durch die Lehrkräfte kontrolliert werden, egal ob analog oder digital. Unentschuldigt abwesende Schülerinnen und Schüler würden Sekretariat oder Schulleitung gemeldet. Dann müssten die Schulen unverzüglich Kontakt mit den Sorgeberechtigten aufnehmen. So sei es in den Schulordnungen vorgeschrieben. Indes: Es bleiben Lücken. Laut ADD gestalten die Schulleitungen „gewissenhaft und verantwortungsvoll in Zusammenarbeit mit den Lehrkräften“, wie die Verpflichtung zur Anwesenheitskontrolle organisiert wird.
Nach Ansicht der ADD hat sich schon das Standardverfahren zur Erfassung und Dokumentation der An- und Abwesenheit mittels Papier-Klassenbuch bewährt. Auch das habe bei unentschuldigten Abwesenheiten zu einer zügigen Kontaktaufnahme mit den Sorgeberechtigten geführt. Digitale Klassenbücher gebe es seit rund zehn Jahren von verschiedenen Anbietern. Es gebe jedoch weder eine einheitliche landesweite Lösung noch eine Pflicht, sie zu nutzen, so die ADD. Sie hebt hervor, dass das Land seit diesem Schuljahr für die direkte und schnelle Kommunikation zwischen Sorgeberechtigten, Schülerinnen und Schülern sowie Schulen den Messenger „Schulchat“ bereitstellt. Darüber könnten Krankmeldungen erfolgen, aber auch unentschuldigte Abwesenheiten rasch geklärt werden, auch mit Lesebestätigung.