Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn Politiker im Wahlkampf als Bäcker gefordert sind

Fünf Landtagskandidaten beim Backen: Am Ende wurden ihre Werke von einer Jury verkostet.
Fünf Landtagskandidaten beim Backen: Am Ende wurden ihre Werke von einer Jury verkostet.

„Back dich zur Wahl“ – mit dieser Einladung lockte die Volkshochschule fünf Wahlkreiskandidaten an. Sie erbrachten den Beweis, dass Politik auch Süßes verheißen kann.

Martina ist geflasht. „Wow“, haucht sie. Jürgen springt ihr bei: „Ich bin so der Ess-Typ, das hier begeistert mich.“ Die beiden gehören zur Jury, und was sie so entzückt, sind die Werke von Politikern. Und wo hätten jene in jüngerer Vergangenheit derartigen Jubel für ihr Tun ausgelöst, außer vielleicht bei unverbesserlichen Parteigängern? Es geschah also, einmal mehr, Historisches an diesem Abend zu Neustadt an der Weinstraße. Die Volkshochschule feiert in diesem Jahr ihr 80. Wiegenfest und wünschte sich von der Politik – nein, ausnahmsweise nicht Geld aus Fördertöpfen – sondern Geburtstagstorten. Dass es nun ausschließlich Männer waren, die an diesem denkwürdigen Freitagabend in der gut sortierten Küche der VHS unter den unbestechlichen Kamerablicken des Offenen Kanals, der live zum Publikum in einen Nebenraum überträgt, Süßes in Angriff nehmen, nun, das gereichte dem Naschwerk letztlich nicht zum bitteren Wermutstropfen.

Moderator als Zuchtmeister

Ihr Bestes gaben fünf, die am 22. März bei der Landtagswahl im Wahlkreis 43 (Neustadt, Haßloch, Deidesheim) ins Rennen gehen, in alphabetischer Reihenfolge, um keine Wahlwerbung zu machen: Matthias Frey, FDP, Sascha Ruffer, Volt, Claus Schick, SPD, Dirk Schrader, Grüne, und Philip Sprenger, Freie Wähler. Nein, es wird keine Torten-, geschweige denn eine Küchen- oder gar Schlammschlacht. Alle bekommen es souverän gebacken, schaffen die Fünf-Kalorien-Hürde, sind freundlich miteinander, zwar nicht gerade so, dass man sich – mental – Puderzucker in den Allerwertesten geblasen hätte, aber man findet sogar zu neuen ad-hoc-Koalitionen zusammen, angeblich zwecks Koordinierung. So kommen Frey, Schick und Schrader zueinander und nennen sich „Ampel 3.0“. Sprenger und Ruffer, nun, Freie Volt-Wähler fiele einem da ein.

Es erwies sich, dass die Herren der Torten nervenstark sind und offenkundig nicht zum ersten Mal kreative Hand an Delikates legten. Frey ist Hobby-Imker. Schrader verkündet die unerschütterliche Wahrheit: „Wer mit Drillingen gesegnet ist, den bringt nichts aus der Ruhe.“ Schick ist als ehemaliger Ortsvorsteher ohnehin Experte für alles. Ruffers Hobby ist American Football, das stählt, und er wäre gerne Schauspieler geworden, was den überaus umtriebigen Moderator Jonathan Danigel dazu verführt, ihm frei nach Hamlet die Frage unterzujubeln: „Schwein oder nicht Schwein…?“. Was Ruffer kühl kontert: „Nicht Schwein, ich esse vegetarisch.“ Überhaupt Danigel: Er schien sich, was dem Abend ein spannendes, fast atemloses Tempo verleiht, als Zuchtmeister alter Schule zu verstehen: ein Hauch von Herbert Wehner (SPD) – die Älteren unter uns erinnern sich. Beispiele: „Wir haben noch zwei Minuten, Zeit genug, alles gemütlich zu Ende zu bringen.“ Und, an den Ex-Ortsvorsteher gerichtet: „Sie gelten nicht so als der belesenste, ich schenke Ihnen mal ein Buch von Albert Schweitzer über Menschlichkeit.“ Der gute Schick, dessen Torte als einzige den Parteinamen – SPD – auf sich trug und zudem deutliche grüne Applikationen zur Schau zeigte, nimmt es gelassen. Wer mit Alexander Schweitzer (SPD, Ministerpräsident) zurecht kommt, der kann sich gewiss auch in Albert Schweitzer (1875 – 1965, Arzt, Friedensnobelpreisträger) hinein versetzen.

Dem Grünen Schrader rückte Danigel mit dem Rubik-Zauberwürfel zu Leibe: backen, antworten, nicht am Rad, aber am Würfel drehen, Multi-Tasking, obwohl das doch landläufig nur Frauen zugetraut wird – das wurde fast zum „Kitchen Impossible“, frei nach einer berühmten Reihe von „Vox“ (analoges TV). So betrachtet waren die politischen Statements, die der Moderatoren-Zuchtmeister seinen Patissiers zwischen Schokolade und Nusscreme entlockte, durchaus nicht von schlechten Eltern. „Als Lehrer“, sagt Sprenger, „bin ich täglich in Kontakt mit jungen Leuten. Die sind nicht uninteressiert an Politik. Aber die wollen mit ihren Themen abgeholt werden!“ Wer an Bildung spare, spare an Demokratie. „Politik darf sich nicht abkapseln“, betont Schick, „wir müssen mit allen Menschen auf Augenhöhe sein.“ Ruffer fordert: „Die Parteien dürfen ihre Ziele nicht nur an den nächsten Wahlen orientieren.“ Schrader warnt: „Ohne Schutz von Minderheiten gibt es keine Demokratie.“

Am Ende entscheidet die Jury

Einhellig wird der Mangel an bezahlbarem Wohnraum beklagt („In Hambach stehen Häuser leer, die Preise sind teilweise wahnsinnig“) und Entbürokratisierung gefordert. Der Moderator provoziert: „Die Deutschen sind schon so reich, sollen die noch reicher werden?“ Frey, Staatssekretär im Mainzer Justizministerium, sagt: „Eigentum verpflichtet, so steht es im Grundgesetz. Aber Umverteilung wäre der falsche Weg, wir müssen für Chancengerechtigkeit sorgen.“ Dass die Bewahrung der Natur und die Sicherung von Arbeitsplätzen Dauerziele bleiben, auch darin ist man sich einig.

Wer hat die beste Torte kreiert? Nach einer guten Stunde – die zu backenden Teile der Torte waren vorgefertigt worden, von einer Frau: Beate Dahl – der große Moment. VHS-Chefin Ilirjana Haas hat den Umschlag parat. And the winner is: Sascha Ruffer von Volt! Zuvor hatte Gudrun, an der musikalischen Untermalung des Abends entscheidend beteiligt, noch gefragt: „Was waren denn da für Zutaten drin? Zucker?“ Jonathan Danigel moderiert das charmant weg: „Man darf auch mal schlemmen.“

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