Neustadt Wenn der Vater mit dem Sohne
Deidesheim. „Palatia Jazz“ lieferte als Nachschlag zur diesjährigen Konzertsaison einen echten Weltstar: Larry Coryell. Eigentlich hätte der Ausnahmegitarrist, der als einer der Erfinder des Jazzrock, auch Fusion genannt, gilt, bereits im Juli in Herxheim auf der Bühne stehen sollen. Ein Krankenhausaufenthalt zwang den 73-jährigen aber, das Konzert abzusagen. Zusammen mit seiner Band „The Eleventh House“ holte Coryell diesen Gig nun in Deidesheim nach.
Leider wurde die Freude darüber erneut durch einen Wermutstropfen getrübt, denn nun hat es Alphonse Mouzon, den legendären Originaldrummer von „The Eleventh House“, erwischt. Er musste sich einer Operation unterziehen, deren Folgen er derzeit auskuriert. Ersatzmann war der in Bad Reichenhall geborene Schlagzeuger Guido May, der seine Sache mehr als gut machte und so grandios aufspielte, dass sich Coryell mit den Worten „Guido, I’m very, very impressed“ vor ihm verneigte – quasi der Ritterschlag für May. Neben den beiden komplettierten der seit 1973 zur Band gehörende Bassist Danny Trifan, Organist und Trompeter Joey DeFrancesco und Coryells jüngster Spross Julian das „elfte Haus“. Letzterer wurde für diejenigen, die ihn vorher noch nie gehört hatten, zur Entdeckung des Abends. Der 43-jährige Gitarrist steht keineswegs deshalb mit der Band auf der Bühne, weil er „der Sohn“ ist. Ganz im Gegenteil: Er weiß mit sicherem Auftreten und stilistischer Eigenständigkeit zu überzeugen und steht seinem berühmten Vater an handwerklichem Können in nichts nach. Im Gegensatz zu diesem rückt er in seinen Soli die rockigere Seite in den Vordergrund, während Coryell sen. inzwischen öfter dem Jazz den Vorzug gibt. Das dadurch entstehende Wechselspiel erzeugt einen Spannungsbogen, der selbst überlange Stücke – und das sind eigentlich alle Songs des „Eleventh House“ – in keiner Sekunde langweilig werden lässt. Dafür sorgt auch der ebenso virtuos wie die Coryells auftrumpfende Joey DeFrancesco an der Hammond B3. Nicht nur die Leibesfülle, sondern auch sein Wirken innerhalb der Band macht ihn zu einem Schwergewicht. Mit ihm hat sich die Band um einen Musiker verstärkt, der mit seinem Orgelspiel Akzente setzt und keineswegs gewillt ist den Gitarristen alleine das Feld zu überlassen. So brilliert er schon beim Eröffnungsstück „The Covergirl“, komponiert von Mouzon, mit einen virtuosen musikalischen Alleingang, während Larry und Julian, auf Stühlen sitzend, sich vorläufig noch zurückhaltend geben. Das ändert sich aber schnell, als Julian aufsteht und die Zuhörer mit einem phantastischen Solo erstaunt. Das wiederum kann Papa Coryell nicht ungerührt lassen, und so erhebt er sich ebenfalls und lässt seine Klasse erstmals aufblitzen. Vater und Sohn jammen jetzt frei improvisierend auf höchstem Niveau, während Trifan und May im Hintergrund einen mächtig treibenden Groove beisteuern. Mit dem nächsten Stück, „Yin“, erweist Coryell Wolfgang Dauner, aus dessen Feder der Titel stammt, seine Ehrerbietung. Coryell hat früher in der Gruppe „Et Cetera“ des deutschen Jazzrockers, der Ende letzten Jahres 80 Jahre alt geworden ist, mitgewirkt und hält heute noch große Stücke auf ihn. Auch hier glänzen DeFrancesco und die beiden Coryells mit außergewöhnlichen solistischen Leistungen. Hinter ihnen weiß aber auch Guido May ganz besonders zu gefallen. Nach einer weiteren Nummer begeben sich die Musiker – außer Larry – in die wohlverdiente Pause. Der Meister selbst bleibt alleine zurück, wechselt von der E-Gitarre zur Konzertgitarre über, und kündigt „a little acoustic piece“ an. Von „little“ kann dabei allerdings keine Rede sein, Coryell improvisiert nämlich zu Maurice Ravels „Bolero“ und zieht alle Register seines Könnens. Völlig in sich und seine Musik versunken, taucht er sichtbar ab in eine andere Welt, lächelt zufrieden, wenn ihm ein Fragment besonders gut gelungen ist, verzieht aber auch selbstkritisch das Gesicht, wenn er mit einem von ihm erzeugten Ton nicht ganz zufrieden ist. Der „Bolero“ wird zu einem absoluten Spitzenerlebnis während des Konzertabends, der in der zweiten Hälfte ein wenig mehr Tendenz zu jazzigen Themen aufweist und mit „Joyride“, geschrieben vom Original-„Eleventh House“-Keyboarder Mike Mandel, und dem „Funky Waltz“, wieder von Alphonse Muzon komponiert, weitere Höhepunkte aufweist. Als Zugabe gibt es „Old Folks“, laut Coryell in der „Eleventh House“-Uraufführung: ein Stück, das besonders durch Miles Davis bekannt gemacht, und glänzend von Joey DeFrancesco an der Trompete umgesetzt wird.