Neustadt Wenn Bordsteine zu Hürden werden

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Jürgen Hess und Willi Weidenbach, die beide seit Jahren auf den Rollstuhl angewiesen sind, bleiben nicht hinterm Ofen sitzen, sondern sie „haben den Mut sich zu zeigen“, wie sie im Gespräch mit der RHEINPFALZ betonen. Es habe allgemein ein Umdenken stattgefunden, findet Hess, was man auch an der weiterentwickelten Rollstuhltechnik sehen könne. Sicher gibt es viele Hürden zu überwinden, Barrieren für Rollstuhlfahrer lauern überall, was vielen „Fußgängern“ gar nicht bewusst ist. Willi Weidenbach, der seit 37 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, reist gerne. Da fängt es aber schon am Haßlocher Bahnhof an, dass er die Steigung zum und von Gleis 2 ohne Hilfe nicht bewältigen kann. Von Haßloch in Richtung Ludwigshafen zu kommen, sei kein Problem, doch zurück sei die zu steile Steigung ein Hindernis, beklagt der 62-Jährige. Auslandsreisen müssen gut geplant sein, damit behindertengerechte Hotels und Plätze im Flieger und Zügen rechtzeitig reserviert sind. Er ist schon weltweit unterwegs gewesen und hat gute Erfahrungen gemacht. Auch mit dem Auto sind seine Frau und er viel in Europa unterwegs. Der 54-Jährige Jürgen Hess hat auf Reisen festgestellt, dass auf Bahnhöfen öfter die Aufzüge defekt sind. Bahnreisen gefallen ihm, man werde in der 1. Klasse verwöhnt, und die Begleitperson fahre kostenlos. Hess wurde vor sechs Jahren durch einen Infarkt von heute auf morgen querschnittgelähmt. „Es kann jeden treffen innerhalb von Minuten“, sagt er. Hess ärgert sich darüber, dass Nichtberechtigte Behindertenparkplätze belegen – und über das seiner Ansicht nach geringe Bußgeld von 35 Euro. In manchen Ländern zahlten Parksünder 350 Euro. Der gelernte Orgelbauer hat einen Aufkleber entworfen: „Sie haben meinen Parkplatz, nehmen Sie auch meine Behinderung!“ Angesichts der Ignoranz mancher Mitbürger hat Weidenbach „einen breiten Buckel bekommen“. Man brauche Jahre, um mit seiner Behinderung fertig zu werden. Auch für die Familie sei es schwer. Dazu komme, dass beruflich umgeschult und das Haus umgebaut werden müsse. In Haßloch beklagt er das kantige Pflaster auf dem Rathausplatz bei den Behindertenparkplätzen, das einen Rollstuhl zum Kippeln und Wegrollen bringen könne, was beim Umsteigen aus dem Auto nicht lustig sei. Das Umsetzen bedeute ohnehin einen Kraftakt für die Arme, die anatomisch nicht dafür ausgelegt seien, findet Hess. Viele Bürger wollten zwar behilflich sein, hätten jedoch Angst vor einer eventueller Haftung, wenn etwas schiefgehen sollte. Im Rathaus gibt es seit einiger Zeit einen Fahrstuhl, doch Zwischenstockwerke sind weiterhin nur per Treppe erreichbar. Mittlerweile seien alle Wahllokale in Haßloch barrierefrei, nachdem Hess sich beschwert hatte, dass im Sängerheim im Sägmühlweg eine Türschwelle zum Stolperstein geworden war. In vielen Haßlocher Arztpraxen gebe es weder Fahrstuhl noch behindertengerechte Zugänge, was sicher auch baulich begründet sei. Doch man könne Zuschüsse für einen Umbau beantragen (www.nullbarriere.de), erläutert Hess. Auch bei seiner Bank habe er angeregt, dass die Rampensteigung verändert wird. Er will nicht meckern, sondern konstruktive Vorschläge machen, sagt er. Viele Gaststätten seien zwar im Außenbereich per Rollstuhl erreichbar, doch der Gang zur Toilette könne unmöglich werden. Einige Lokale in Haßloch verfügten über behindertegerechte Toilettenanlagen, manche Rampen seien jedoch zu steil ausgelegt. In öffentliche Behinderten-Toiletten kommen Rollstuhlfahrer mit einem sogenannten „Euro-Schlüssel“ der europaweit und manchmal gar in Übersee die Türen öffnet. Häufig seien Bordsteine zu hoch, besonders im „Vogelviertel“, so dass die Rollstuhlfahrer lieber auf der Straße fahren, berichtet Weidenbach, der seit einem Autounfall querschnittgelähmt ist. Er fährt auch gerne Handfahrrad. Taxifahren funktioniere im Rollstuhl, oft sogar ohne Umsetzen, loben die beiden. Sie besuchen regelmäßig den Behindertenstammtisch, ein lockeres Zusammentreffen von bis zu 20 Leuten mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Die Gemeinde Haßloch hat den Stammtisch 2014 initiiert und ehrenamtliche Mitarbeiter engagiert, berichtet Franz Krätschmer, Behindertenbeauftragter im Ehrenamt. Der Sozialarbeiter organisiert das Programm und Ausflüge für die Teilnehmer.

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