Neustadt Weltmeister, ein König und ein Spion
Das eigentliche Buch beginnt mit den Unterschriften Mitte der 60er-Jahre. Auch damals waren es schon viele Gäste aus dem Ausland, die Deidesheim besucht und ihren Schriftzug im Buch hinterlassen haben. Anlässlich eines Fecht-Länderkampfes Deutschland gegen Frankreich haben sich der damalige Präsident des Deutschen Fechterbundes, Otto Adam, und Sportwart Kurt Noé dort verewigt. Ein koreanischer Bischof wünschte in dem Buch „ewige Freundschaft zwischen den Völkern von Deutschland und Korea“. Generäle der US-Army, türkische Polizeioffiziere: Es ging auch damals schon multikulturell zu. Eigentlich geht es schon früher los. Einige Einträge aus einem früheren Buch hat man nämlich an den Anfang geklebt. Erster Eintrag: Paul von Hindenburg besuchte im Juli 1930 Deidesheim. Eine Aufnahme vom Marktplatz dokumentiert die Visite des damals ersten Mannes im Deutschen Reich. Hindenburg, der frühere Generalfeldmarschall, war immerhin der einzige vom deutschen Volk direkt gewählte Präsident und zu dem Zeitpunkt oberster Repräsentant eines demokratisch regierten Deutschland. Drei Jahre später allerdings hat er Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Dann war es mit der Demokratie schnell zu Ende. Aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft findet man wohlweislich nichts im Goldenen Buch. Weiter geht es mit Politikern der Nachkriegszeit wie dem Kultusminister Adolf Süsterhenn im Jahr 1949 und mit Klerikern, die den Prälaten Hartz in Deidesheim besucht haben. „Für den freundlichen Empfang“ anlässlich der Übergabe des Geißbocks „Oskar“ an den 1. FC Köln dankten Repräsentanten des Vereins, der 1964 erster deutscher Meister in der Bundesliga wurde. Die Unterschriften sind leider kaum zu entziffern. An Sportlern mangelt es nicht im Goldenen Buch. Da ist der Radfahrer Stefan Steinweg, der es über den Titel des Juniorenweltmeisters bis zum Olympiasieger im Bahnradfahren gebracht hat. Fritz Walter, Ehrenspielführer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, dankte 1998 für die Ehre, Rebstockpächter im Deidesheimer Paradiesgarten zu werden. Und brachte eine Autogrammkarte aller Fußball-Weltmeister von 1954 mit. Weltschiedsrichter Markus Merk nennt Deidesheim „einen seiner Lieblingsorte“ in der Pfalz. Seinen Besuch nutzte der damalige Lehrer an der Regionalen Schule, Manfred Dörr, und nahm ihn gleich mit zu seinen Schülern: Wer bekommt schon mal von solch einem berühmten Mann seine Urkunde von den Bundesjugendspielen überreicht? Auch ein anderer Fußball-Weltmeister war da: Horst Eckel feierte 2007 mit der Deidesheimer Mannschaft, die 1976 Meister der A-Klasse geworden war. Dörr hatte ihn bei einem Vorbereitungstreffen zur Fußball-WM 2006 in der Pfalz kennengelernt und eingeladen. Und dann natürlich hochrangige Politiker: Kanzler Willy Brandt wurde 1973 von Bürgermeister Erich Gießen empfangen. Der damalige Kanzlerberater Günter Guillaume war auch dabei, weiß Dörr noch. Es gab Aufregung, denn Guillaume hatte seinen Mantel in der „Kanne“ vergessen. Ob man darin wohl was Interessantes gefunden hätte? Kurz danach wurde Guillaume als DDR-Spion enttarnt. Illustre Persönlichkeiten gehörten auch zur rheinland-pfälzischen Landesregierung, die 1974 in Deidesheim war: Helmut Kohl (später Bundeskanzler), Bernhard Vogel (später Ministerpräsident in zwei Bundesländern) und Roman Herzog (später Bundespräsident). Zwei amtierende Bundespräsidenten reihten sich in die Liste der Unterzeichner ein: Karl Carstens, der sich damals Deutschland erwanderte, im Jahr 1982. Und Christian Wulff, der im Jahr 2011 mit dem diplomatischen Korps Station bei einer Pfälzer Vesper im Weingut von Winning machte. Die große Zeit kam in den späten 1980er- und 1990er-Jahren, als Kanzler Helmut Kohl reihenweise ausländische Staatsmänner und -frauen nach Deidesheim brachte, um sie im Feinschmeckerrestaurant „Schwarzer Hahn“ bewirten zu lassen: die britische Premierministerin Margaret Thatcher, der tschechische Staatspräsident Vaclav Havel, der kanadische Premierminister Brian Mulroney. Am meisten Aufsehen aber erregte der Besuch des sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow am 10. November 1990. Gorbatschow war damals in Deutschland einer der populärsten Politiker aus dem Ausland. Denn seiner Zustimmung war es letztendlich zu verdanken, dass die deutsche Wiedervereinigung zustande kam. Wann darf eine Weinprinzessin mal richtige Könige willkommen heißen? 1992 war das der Fall, als das spanische Regentenpaar Juan Carlos und Sophia am Marktplatz zahlreichen Pfälzern, aber auch in Deutschland lebenden Landsleuten zuwinkte. Zu den Einträgen aus jüngster Zeit gehört wieder der einer Sportlerin: Elisabeth Seitz, die Turnerin, die bei Olympia 2016 nur knapp eine Medaille verpasste und kürzlich bei der Europameisterschaft Bronze holte. Ihre Bundestrainerin Ulla Koch notierte: „Toller Ort, nette Menschen.“ Eigentlich wäre das das beste Schlusswort für so ein Goldenes Buch, oder nicht? Inzwischen ist das Buch mit Einträgen gefüllt. Das neue Buch soll wie das alte schlicht sein, aber mit Deidesheimer Wappen und Ledereinband. Wichtiger als die Aufmachung ist aber der Inhalt. Viele Gäste, die gesehen haben, wer sich hier schon vorher verewigt hat, haben das Buch mit großer Ehrfurcht behandelt, sagt Dörr. Was nicht verhinderte, dass doch gelegentlich ein Weinfleck auf die Seiten geriet, der dann schnell und schonend entfernt werden musste ... Aber was charakterisiert ein Deidesheimer Buch besser als solcherlei Rückstände?