Deidesheim
Weinkerwe: Auftakt mit kritischen Tönen
Die Bedingungen hätten diesmal nicht besser sein können. Bei hochsommerlichen Temperaturen zum Auftakt der Deidesheimer Weinkerwe waren diesmal auch die Stände in der Woigass, den Winzerhöfen und in den Restaurants wieder gut besucht.
Um 19.08 Uhr rief am Samstagabend Samuel Groß vom hohen Wagen der Kerwebuwe direkt am Andreasbrunnen in die Menge: „Losst uns de Schobbe hewwe, die Deisemer Kerwe soll lewwe, hoch, hoch, hoch…“. Binnen weniger Minuten waren in der Woigass aber auch in den Höfen fast alle Plätze belegt. Das zehntägige Spektakel konnte offiziell beginnen.
„Ich bin sehr zufrieden mit dem Besuch, es hat alles gut geklappt. Bei der Weinprobe hätten es einige Besucher mehr sein können“, sagte Stadtbürgermeister Manfred Dörr. Dass es auch Lücken in der Woigass gab, bedauerte Dörr. Er machte auch deutlich, dass solch ein Fest nach der Pandemie einen Wandel durchläuft und auch neu aufgebaut werden musste. Dass es Kritik an der sehr großzügigen Absperrung bei der Eröffnung gab, bestätigte Dörr.
Umdenken gefordert
Die Kerwebuwe waren auch mit so mancher Entscheidung der Gemeinde nicht einverstanden. Diese bekam bei der Kerwered „ihr Fett ab“. „Den Schwund an Woiständ versucht man zu kaschiere, in dem mer Gutzelständ in de Woigass dut platziere“, kritisierte Groß die Lücken auf der Bahnhofstraße. „An Stelle wus hot gewwe Weck, Worscht und Woi, kriegt mer jetz Churros un gebrannte Mannle, ach wie foi. De besondre Charm der Woigass geht dahin.“ Die Veränderungen, die die Tourist Service GmbH angestoßen hatte, gefällt den Junggesellen nicht. „Zelte und Schirme an jedem Eck. Vom schänschde Woifeschd zum größde Zeltlager der Pfalz, Deisem macht´s vor, wie mer des hiekriegt in weniche Johr. Mir hoffen do findt ä Umdenke statt“.
Noch ehe Samuel Groß als Kerweredner „der Obrigkeit den Marsch blies“, begrüßte Julian Seckinger die vielen Gäste am Marktplatz und wies auf die 52 Jahre alte Tradition der Kerwebuwe hin. Er freute sich, dass gemeinsam mit der neuen Weinprinzessin Anna III. wieder ein Baum mit einer Länge von 22,54 Metern, der mit bunten Bändern geschmückt war, gefunden wurde. So sprach auch die Weinhoheit „vom wunderschönsten Kerwebaum, den man am frühen Morgen schlagen konnte“ und sie wünschte eine friedliche und schöne Kerwe. Dabei erinnerte sie an den Absatzrückgang beim Wein und bat die Gäste, „auch eine angemessene Menge den Winzern bei der Kerwe abzunehmen“.
Lob für Lena II.
Am Vorabend war die bisherige Hoheit Lena II. aus dem Hause Wehner verabschiedet worden. Über 90 Termine absolvierte die gelernte Zahntechnikerin in ihrer Amtszeit und erwies sich als „tolle Würdenträgerin“. „Sie hatte stets ein Lächeln auf den Lippen und hat eine tolle Arbeit für den Weinbau in der Verbandsgemeinde geleistet“, würdigte Charlotte Weihl, die amtierende Pfälzische Weinkönigin, das Engagement.
Auch der bald scheidende Stadtbürgermeister Manfred Dörr brach angesichts der laufenden Diskussion um die Pfälzische Weinkönigin eine Lanze für die Weinhoheiten. „In meinen über 20 Jahren als Stadtbürgermeister haben unsere Weinhoheiten einen tollen Job gemacht, sie haben sich alle toll weiterentwickelt und ihr Fachwissen unter Beweis gestellt“. Dörr weiter: „Wir sollten darauf achten, dass solch ein tolles Ehrenamt nicht weiter beschädigt wird. Ansonsten kann ich da nur den Kopf schütteln.“
Dann kam der besondere Moment für Anna Cölsch. Sie wurde zur neuen Weinprinzessin gekrönt. Dass die 18 Jahre alte Abiturientin, die im Oktober ihr Studium der Internationalen Weinwirtschaft in Geisenheim beginnt, überhaupt zu ihrem Amt kam, daran hatte Joachim Scheuermann, der langjährige Mitarbeiter des Weingutes Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan, wesentlichen Anteil. Er hatte ihr das Amt schmackhaft gemacht. Anna III. hat in den vergangenen Monaten in dem Traditionsweingut ein Praktikum durchlaufen. Und so hatte sie auch ihren Lieblingswein, einen 2022er „Auf der Mauer Riesling trocken“ aus dem Weingut, auserkoren, den sie in launigen Worten vorstellte. Damit leitete sie den Übergang zur Weinprobe „Melodie des Rieslings“ ein, durch die Ludwig Meier nicht nur als Probensprecher, sondern auch als Gitarrist führte.