Neustadt Weißwein will Weile haben
100 Winzer aus ganz Europa, 300 Weißweine – aber fast kein 2015er: Dass es nicht immer reflexartig um die jüngsten Tropfen gehen muss, beweist die Premiere der Messe „InBianco“ am Samstag im Saalbau. Rund 400 Besucher haben sich auch an reifen Produkten erfreut.
Bei zwölf Grad im Stahltank vergoren, frisch, fruchtig, nicht zu trocken: So liest sich das Anforderungsprofil des trendigen Weinkunden, an der Verkostungstheke meist mit der Frage „Ist der aktuelle Jahrgang schon abgefüllt?“ verbunden. Und in der Tat – sie schmecken ja wirklich ganz gut, die jungen Tropfen; sie sind angenehm leichte Begleiter zu mediterraner Küche, schöne Terrassenweine für laue Sommerabende. Und damit auch für die Winzer eine betriebswirtschaftlich gute Sache, denn die Kosten für lange Lagerung entfallen und die Logistik wird einfacher. Der Nebeneffekt aber ist, dass die Weine sich immer ähnlicher werden – und das ist weniger schön. Zumindest wenn man sich die Ruhe und Muße nimmt, nicht einfach nur ein Schöppchen zu trinken, sondern sich den edlen Tropfen intensiver widmen will. Individualistische Winzer wie Dirk van der Niepoort aus Portugal brachte es bei seinem Neustadt-Besuch im Sommer 2015 denn auch so auf den Punkt: „Weniger Technik und mehr eigener Stil täten den Weinen aus der Pfalz gut.“ Was er damit meinte, hat die Messepremiere „InBianco“ jetzt im Saalbau deutlich gemacht. Individuell waren sie alle, die Weine und die Typen, die dahinter stehen und die man trotz regen Messeandrangs bei der Verkostung ihrer Produkte problemlos befragen konnte. Beispielsweise am Stand des Mußbacher Weinguts Weik, wo mit einem Riesling Löwenherz trocken 2014 gegen eine 2009er Eselshaut Spätlese – beides sortentypische Spitzenweine – sehr schön zum Ausdruck kam, wie die Jahre auf der Flasche den Aromen guttun: Kommt der junge Riesling doch erfrischend mineralisch, dicht und stahlig daher, kontert sein gereifter Bruder mit feinen Geschmacksnuancen, die den sensiblen Gaumen des Weinfreunds herausfordern und schlicht Spaß machen. „Weißwein will Weile haben“ ist auch das Credo von Steffi Weegmüller: der 2015er darf noch ein paar Monate reifen, bevor er auf die Flasche kommt. „Das tut den Tropfen gut“, ist sie überzeugt. Dass es bei der „InBianco“ auch um die Lagerfähigkeit von Weißweinen geht, haben die Veranstalter – das auf Weinmessen spezialisierte Turiner Studio „Artevino“ und die Neustadter Tourist, Kongress und Saalbau GmbH (TKS) – im Vorfeld kommuniziert. Entsprechend sensibilisiert war auch das Publikum im Saalbau. „Interessiert und informiert“, fasst TKS-Büroleiter Martin Franck zusammen. Für ihn war das Experiment, die Messe nach Neustadt zu holen, ein Erfolg: „Die Resonanz der Winzer wie der Besucher war gleichermaßen positiv.“ Beeindruckt habe ihn aber auch die offene Atmosphäre unter den Produzenten: „Als es am Abend etwas ruhiger wurde, herrschte ein reger Flaschen- und Meinungsaustausch.“ Für den Besucher war die Messe eine wunderbare Gelegenheit, sich von der Vielfalt der Weinstile und Sorten zu überzeugen. Beispielsweise bei der Vertikalverkostung der Tomorassi – einer alten Rebsorte, die der piemontesische Winzer Walter Massa seit einigen Jahren wieder kultiviert und von der er sogar noch einen 1997er im Gepäck hatte: ein Erlebnis ... Die TKS zieht denn auch eine positive Bilanz des Experiments: „Wir haben es geschafft, internationales Publikum nach Neustadt zu holen und unser Profil zu schärfen“, sagt Franck. (hox)