Neustadt „Was fragen oder auch nur schauen“

Ganz ungezwungene Begegnung mit der Kunst: Besucherinnen betrachten im Foyer des „Kulturvierecks“ Portraits des Haßlocher Fotogr
Ganz ungezwungene Begegnung mit der Kunst: Besucherinnen betrachten im Foyer des »Kulturvierecks« Portraits des Haßlocher Fotografen Klaus D. Litzel.

HASSLOCH. Mit Besuchern ins Gespräch kommen, Kunst lebendig machen und die Verbindung zu Musik und Schauspiel auf der Bühne meistern, das war die Essenz der ersten „Haßlocher Kunst- und Kulturtage“ von Freitag bis Sonntag im Bürgerhaus „Kulturviereck“. Organisiert wurde das Wochenende mit 17 Ausstellern von der Gemeinde Haßloch mit dem 2017 neu belebten Arbeitskreis Kunst sowie mit dem Kulturverein „Ältestes Haus“.

Weit kamen die Besucher erst mal nicht, die sich von Freitag bis Sonntag nicht in riesigen Strömen, aber sehr kontinuierlich und interessiert über den Hof des Bürgerhauses in das Haßlocher „Kulturviereck“ aufmachten: „Der da ist echt, aber sie daneben ist es nicht.“ Gemeint ist neben einem sich kurz ausruhenden Fotokünstler eine lesende Schönheit mit Flechtzopf, die es sich auf der Bank in der Nachmittagssonne gemütlich gemacht hat – eine verblüffend echt anmutende Plastik der Haßlocher Künstlerin Gabriele Köbler. Die „Kunst- und Kulturtage“ bedeuten für sie damit, „endlich mal wieder ein Heimspiel zu haben“, betont sie. Lebensgroße Figuren wie die junge Frau aus Feinzement stellt die seit 14 Jahren freischaffende Künstlerin mit Hang zu langen und schmalen Figuren „vielleicht dreimal im Jahr“ her. Ansonsten hat sie Kopfplastiken mitgebracht, auch eine Hommage an die verstorbene mexikanische Künstlerin Frida Kahlo, die sie mit den markanten zusammengewachsenen Augenbrauen in drei Stadien ihres Lebens zeigt. Mit der Resonanz des Wochenendes ist die 1963 geborene Köbler zufrieden und kann sich eine Fortsetzung vorstellen – sie plant aber auch einen „Tag der offenen Tür“ in ihrem eigenen Atelier in der Kirchgasse. Köblers lebensgroße „Schwimmerin“ mit Einteiler und Badehaube erscheint durch eine Kreisskulptur betrachtet wie ein Fotomotiv, das in den Fokus gerückt wird: Hiltrud Kissel arbeitet für ihre „Fragile Art“ mit schwerem Edelstahl, Stahl und Holz, was zunächst in der Materialkunde gar nicht so „zerbrechlich“ klingt, es aber in der Umsetzung doch ist. Innere Befindlichkeiten formen nicht ganz symmetrische Kreise, oder das von Regen veränderte Material changiert zunehmend in der Farbe, dem gewollten Rost von unten geschuldet. „Mich fasziniert das auch selbst“, so die Künstlerin. Seit über 30 Jahren wirkt sie in Köln als Theaterregisseurin und verbringt erst seit einigen Jahren den Sommer im früheren Haus der Großeltern in Haßloch, um sich ganz der Bildenden Kunst sowie der Malerei zu widmen. Die Kunst- und Kulturtage sieht sie als „die Chance, sich neben den regionalen Künstlern vorzustellen und bekannter zu machen“. Ein Triptychon auf gelbem, intensiver werdendem Hintergrund und zunehmendem Gipsauftrag im Foyer beschreibt eine abstrakte Frauengestalt, die immer präsenter wird und wörtlich erstrahlt. „Werden meine Aussagen erkannt, bin ich glücklich“, resümiert Kissel Gespräche mit Besuchern, die „was fragen oder auch nur schauen möchten“. Kissels Acrylbilder im Eingangsbereich sollen eine Verbindung zur Kunst im Gebäude schaffen, wo auch Hobbykünstler ausstellen: Hans Sattel, 75-jähriger Haßlocher und ehemaliger Chemielaborant, malt Landschaften aus Pastell und regionale „Berühmtheiten“ wie das Hambacher Schloss, den Teufelstisch oder die Limburg. Eckard Gehrke zeigt Fotokunst, und in direkter Nachbarschaft setzt Rita Thiel „Das kleine Format“ mit umso kräftigeren Farben groß in Szene, während Christina Gehrig zwei imposante Schiffe in See stechen lässt. Die 44-jährige ehemalige Kunstlehrerin arbeitet bis zu vier Wochen an einem 1,20 Meter hohen und 1,50 Meter breiten Boot, das mit lockerem, selbst gefilzten, an Kupferstäben befestigten Segel aus Schafshaar ausgestattet ist. Sie freut sich über „das Ambiente mit inhaltlicher Aufwertung durch sehr gute Musik“, unter anderem durch die Haßlocher Musikschüler. Veronika Pommer lobt ebenfalls die musikalische Umrahmung, von der Musikschule bis zum „Mark Selinger Duo“: Die Künstlerin aus Weisenheim am Berg zeigt im Großen Saal Cyanotypien, ein fotografisches Edeldruckverfahren mit typischen Blautönen. Im Obergeschoss erhält die Juristin für „Cityscapes“- Stadtmalerei um fotografische Ausschnitte viel Aufmerksamkeit: „Aber nicht jeder erkennt die Fotos darin.“ Werkzeugmacher Norbert Hirschinger aus Haßloch beeindruckt mit nachgebauten steinzeitlichen Werkzeugen, die er gern mal „Taschenmesser der Steinzeit“ nennt, und erklärt das frühe Feuerschlagen mit Pyrit oder Markasit und Zunderpilzen. Aus Rehhaut und Fell – die er nach Verkehrsunfällen über Jäger bekommt – hat Hirschinger aber auch überaus authentisch den in Bozen ausgestellten Rucksack von Gletschermumie „Ötzi“ nachgestaltet. Die Entstehungsweise ihrer Bronzeplastiken, die sie vorwiegend als Frauenkörper aufwendig aus Wachsplatten vorformt, erklärt die Böhl-Iggelheimer Künstlerin Birgit Löwer geduldig. Sehr spannend ist auch das Langzeit-Fotoprojekt „T.I.M.E“ von Klaus D. Litzel, das der in Haßloch geborene und mittlerweile auch wieder dort lebende Medienkünstler in den 1980er Jahren analog begann und das inzwischen digitale Portraits mit akustischen Einspielern übers Smartphone, abrufbar per QR-Code-Scanner, beinhaltet. So begeistert, wie der Kulturvereins-Vorsitzende Tommy Schmidt an allen drei Tagen im Stundentakt moderiert, Comedy und Theater vorstellt und dazwischen die Künstler betreut, gewinnt auch die Verbindung aus Bildender Kunst auf der einen und Musik und Schauspiel, den bisherigen Hauptgebieten des KV Ältestes Haus, auf der anderen Seite an Glaubwürdigkeit: „Es ist einfach nur absolut und rundum gelungen“, schwärmen er und seine Vorstandskollegin Annika Weiss. Im Januar, wenn die Ausstellungen und Aufführungen des Herbstes und Frühwinters vorbei sind, wollen die Veranstalter erste Bilanz ziehen und die weitere Zukunft der „Kunst- und Kulturtage“ planen.

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