Neustadt Was das Leben bereithält
Deidesheim. Manchmal sind es die Widrigkeiten des Lebens, die uns drängen, Dinge zu tun, die wir sonst vielleicht nie in Angriff genommen hätten. Bei dem in Deidesheim lebenden Psychologen und Psychotherapeuten Peter Lechler war es der Tod seiner geliebten Ehefrau Renate, der ihn zum Schreiben brachte. Doch was als Selbsttherapie gedacht war, verselbständigte sich. Mittlerweile hat der langjährige Leiter einer Einrichtung für psychisch Kranke in Mannheim schon sein drittes Buch veröffentlicht.
Er habe damals, vor mehr als zehn Jahren, überhaupt nicht an eine Publikation gedacht, erklärt Lechler die Entstehung seines ersten Buches „Auf den Schwingen der Eule“. „Ich hatte das Bedürfnis zu retten, was verloren war, für mich Erinnerungen festzuhalten, und es sollte auch eine Hommage an meine verstorbene Frau sein“. Dass diese sehr persönlichen Gedanken schließlich vier Jahre später, im Jahr 2008, doch noch den Weg an die Öffentlichkeit fanden, ist Lechlers Hoffnung geschuldet, die Beschreibung seines Leidensweges könne anderen Trauernden Hilfe sein. Seitdem ist das Schreiben von Gedichten und Geschichten für den inzwischen 65-jährigen gebürtigen Schwaben zu einer echten Leidenschaft geworden, die ihm auch schon Preise bei Literaturwettbewerben eingebracht hat. In seinem nun erschienenen dritten Buch „Im Alltag und auf Reise, mal heiter und mal scheiße“ beschreibt er, seelisch gesundet und glücklich mit seiner neuen Liebe Gaby verheiratet, Alltagsbegebenheiten und Reiseerlebnisse. Dabei verzichte er bewusst auf „verbales Showbusiness“, wie er sagt, möchte vielmehr sensibilisieren für das, was das „stinknormale Leben“ an Erlebnissen bereithält für den, der innehält und gut genug hinsieht: „Blues und Sirtaki, Wehmut und Lebenslust, wird den packen, der sich auf das Geschehen vor seiner Tür einlässt...“. Ihr Mann sei ein so liebevoller, feinfühliger Mensch, bricht es an dieser Stelle aus Gaby Lechler heraus. Und plötzlich ist da einer dieser besonderen Alltagsmomente, auf die ihr Mann mit seinen Erzählungen aufmerksam machen will: Peter Lechler wird still, dann betrachtet er gerührt seine Frau und bedankt sich sichtlich bewegt für das schöne Kompliment. Seit Juni 2015 ist Lechler nun im Ruhestand und kann sein mühevoll und langwierig restauriertes ehemaliges Winzerhaus in Deidesheim, in dem er seit 1988 wohnt, in vollen Zügen genießen. Das Atrium hinter der Haustür wird im Winter zu einer Art botanischem Garten für zahllose, großenteils mediterrane Pflanzen. Viele Erlebnisse seines bewegten Berufslebens liegen hinter ihm. Für seine erste Berufswahl, Realschullehrer, studierte Lechler zunächst in seiner Heimatstadt Stuttgart und in Ludwigsburg die Fächer Englisch, Geschichte und Gemeinschaftskunde, legte auch das zweite Staatsexamen ab, entschied sich dann aber um und begann das Studium der Psychologie. Jahrelang arbeitete er als Telefonseelsorger, engagierte sich beim Evangelischen Fachverband für Behindertenhilfe, betreute psychisch kranke Menschen in Heimen und war beinahe 30 Jahre lang selbst Leiter des Elisabeth-Lutz-Hauses für psychisch Kranke in Mannheim. Ausgleich zum inzwischen nicht mehr ganz so bewegten Alltag suchte Lechler schon immer auf seinen Reisen. Neun solcher Reiseerlebnisse hat er in seinem neuen Buch niedergeschrieben. Im Gegensatz zu seinen Alltagsgeschichten geht es hier nicht nur um persönliche Erfahrungen, auch religiösen, kulturellen, politischen und historischen Aspekten wird viel Platz eingeräumt. Besonders bewegend war für den Geschichtskundigen offensichtlich eine Reise durch Israel, ein Land, das seit Jahrhunderten unter kulturellen und religiösen Spannungen zu leiden hat. Ja, gesteht Lechler, er sei im Laufe seines Lebens, unter anderem durch persönliche Erfahrungen, religionskritisch geworden. „Ich bin von Herzen Humanist“, bekennt er. Und als solcher kann er seinen Mitmenschen einiges verzeihen, nimmt`s lieber mit Humor. Den haben Lechler und seine Frau im Kapitel „Der Reichste auf dem Friedhof“ dringend nötig, denn der Vermieter ihrer Ferienwohnung in der Lombardei entpuppt sich als leicht skurriler und aufdringlicher Zeitgenosse. Auch bei den 13 Alltagsstories, beginnend mit der Pleiten-Pech-und-Pannen-Kennenlerngeschichte seiner jetzigen Ehefrau, ist die gesamte Gefühlslagenbandbreite vertreten von heiter bis traurig, ganz wie das Leben eben so spielt. Und als die Haustür aufgeht, wird die Geschichte „Es geht um die Wurst“ lebendig, denn hinter dem Zaun auf der gegenüberliegenden Straßenseite wedelt deren Hauptdarsteller, Hund Felix, freudig mit dem Schwanz und stellt sich auf die Hinterbeine. Aber die Wurst bleibt diesmal im Kühlschrank: „zu kalt“, befindet Gaby Lechler. „Dann hol` ich eben Kekse“, sagt ihr Mann und verschwindet im Nebenraum. Ja, auch Felix` Alltag kann sehr heiter sein. Lesezeichen Peter Lechler: „Im Alltag und auf Reise, mal heiter und mal scheiße“, Erzählungen, Books on Demand, Taschenbuch, 290 Seiten, 13,90 Euro. Das Buch ist ebenso wie „Auf den Schwingen der Eule. Eine Selbsterfahrung“ (2008) und „„Alpentouren, Löwenspuren. Reiseerzählungen“ im normalen Buchhandel erhältlich.