Haßloch
Vor 60 Jahren: Das Inferno am Bahnhof
Dienstag, 27. April 1965. In der Vorderpfalz findet ein Manöver der US-Streitkräfte mit dem Namen „Weinbrand“ statt. Am späten Nachmittag rattert eine Panzerkolonne in nördlicher Richtung durch die Haßlocher Bahnhofstraße. Gegen 17.30 Uhr überqueren die schweren Kettenfahrzeuge den schienengleichen Bahnübergang, der damals noch in der Nähe des Bahnhofs besteht.
Plötzlich schrecken die Menschen in Haßloch auf: Ein gewaltiger Knall erschüttert das Dorf, gleich darauf folgt ein zweiter Donnerschlag. Fensterscheiben bersten, Trümmer und Munitionssplitter schlagen wie Geschosse in umliegende Häuser ein, eine riesige schwarze Rauchsäule steigt auf. Es ist ein Inferno, das von einer Sekunde auf die andere über einen friedlichen Ort hereinbricht. Mitten auf dem Bahnübergang ist ein mit scharfer Munition bestückter US-Panzer explodiert.
Erst 20 Jahre sind damals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Schlagartig werden an diesem 27. April 1965 bei vielen Menschen Erinnerungen an den 17. November 1943 wach, als beim schwersten Luftangriff auf Haßloch Bomben fielen und 29 Menschen ums Leben kamen. „Wir saßen gerade bei Tisch, als es plötzlich einen ungeheuren Knall gab. Die Scheiben platzten, und der Putz kam von den Wänden“, schildert eine Anwohnerin dem damaligen RHEINPFALZ-Redakteur, wie sie den Panzerunfall hautnah erlebt hat. „In den Zimmern sah es wüst aus. Es war wie nach einem Bombenangriff im letzten Krieg.“
Kleine Ursache, große Wirkung
Ein Panzer explodiert mitten in Haßloch: Wie kann denn so etwas passieren? Kleine Ursache, große Wirkung: Als der Stahlkoloss den Bahnübergang überquert, ist die Funkantenne nicht eingezogen. Das ist ein verhängnisvoller Fehler. Denn die Antenne berührt den Fahrdraht, die Oberleitung der elektrifizierten Bundesbahnstrecke. Im Panzer gibt es einen Kurzschluss. Dadurch entzündet sich der Treibstoff. Der Panzer fängt sofort Feuer. Soldaten springen aus dem brennenden Fahrzeug und bringen sich in Sicherheit.
Ihre Kameraden aus der Panzerkolonne versuchen zwar sofort, den Brand zu bekämpfen. Aber mit ihren Schaumlöschgeräten können sie nicht viel ausrichten. Kurz darauf trifft auch die Haßlocher Feuerwehr ein. Der inzwischen verstorbene Norbert Schnurr, der später Wehrleiter werden sollte, gehört zur Besatzung des ersten Tanklöschfahrzeugs, das ausgerückt ist. „Brand beim Bahnhof“ hieß die Meldung, erinnert er sich 2005 im RHEINPFALZ-Gespräch an seinen spektakulärsten Einsatz. Als die Wehr am Bahnübergang ankommt, steht mitten auf den Gleisen ein qualmender Panzer, so Schnurr. Von der Besatzung ist nur ein wild gestikulierender Soldat zu sehen, alle anderen haben schon das Weite gesucht und sich in Sicherheit gebracht.
Verhängnisvoller Irrtum
Zunächst nehmen die Feuerwehrmänner an, dass der Panzer keine scharfe Munition an Bord hat, weil er sich auf einer Übungsfahrt befunden hat. Also entscheidet sich der damalige Wehrleiter Horst Kastenholz für einen „Schaumangriff“. Dabei soll der Panzer mit Löschschaum gefüllt werden, um das Feuer innen zu ersticken. Was die Wehrleute zu diesem Zeitpunkt aber nicht wissen können: Der Panzer hat 70 Granaten und scharfe MG-Munition an Bord.
Eine gewaltige Explosion erschüttert Sekunden später den Bereich am Bahnübergang. Kurz darauf folgt eine zweite, noch heftigere Detonation. Der Explosionsdruck reißt den Panzerturm mitsamt dem Geschütz vom Panzer. Norbert Schnurr und sein Wehrkamerad Dieter Stahler bekämpfen in dieser Sekunde das Feuer mit einem Schaumrohr vom Heck her. Sie stehen etwa sechs Meter hinter dem Panzer, als Turm und Geschütz mit einem Gewicht von 15 Tonnen unmittelbar neben dem brennenden Fahrzeug aufschlagen. Glück im Unglück: Die Druckwelle zieht über die beiden Feuerwehrmänner weg. Beiden platzen jedoch dabei beide Trommelfelle. Alle Einsatzkräfte gehen in volle Deckung. Sofort riegeln die US-Soldaten den Bereich rund um den Bahnübergang hermetisch ab.
Glück im Unglück
Der Explosionsdruck lässt zahlreiche Fensterscheiben der umliegenden Häuser zu Bruch gehen. Panzertrümmer und Munitionssplitter schlagen in umliegenden Gebäuden ein. Vor allem die später abgerissene Gastwirtschaft „Zum Bahnhof“ wird erheblich in Mitleidenschaft gezogen: Die Hausfassade ist stark beschädigt, das Dach zum Teil abgedeckt, Fenster und Läden hat es aus der Verankerung gehoben. Die Gaststube ist völlig verwüstet: Gläser und Flaschen sind zerborsten, Tische und Stühle sind zertrümmert. Einem kleinen Wunder kommt gleich, dass es dort keine Verletzten oder Todesopfer gibt: „Von Glück konnten die im Lokal sitzenden Gäste sagen, dass keiner von den umherfliegenden Splittern getroffen wurde“, heißt es im damaligen RHEINPFALZ-Bericht.
Flammen schlagen aus dem Stellwerk, das heute nicht mehr steht. Die gewaltige Hitze lässt die Kabel, die vom Stellwerk zu den in Richtung Ludwigshafen liegenden Weichen und Signalen führen, schmelzen. Die Oberleitung haben die Explosionen zerfetzt, und auch die Gleise sind beschädigt. Dadurch kommt der Zugverkehr völlig zum Erliegen. Genau zu dieser Zeit haben viele Arbeitnehmer Feierabend und sind gerade auf dem Nachhauseweg. Busse werden eingesetzt, um die Menschen an andere Bahnhöfe zu transportieren. Viele „Aniliner“ laufen vom Böhl-Iggelheimer Bahnhof aus auf den Bahnschwellen in Richtung Haßloch. Unterdessen beginnen an der Unglücksstelle die Aufräumarbeiten. Die gröbsten Schäden an den Bahnanlagen sind gegen Mitternacht beseitigt.
Schaulustige behindern Einsatzkräfte
Insgesamt kommt Haßloch aber noch glimpflich davon. Die Bilanz: fünf Leichtverletzte, darunter zwei US-Soldaten der Panzerbesatzung, die mit einem Hubschrauber ins US-Lazarett in Landstuhl geflogen werden. Der Sachschaden wird auf weit über 300.000 Mark geschätzt.
Damals bereits ein Problem: die vielen Schaulustigen. Am Tag nach dem Unglück zitiert die RHEINPFALZ einen Polizeibeamten: „Wir hatten alle Hände voll zu tun, um die Neugierigen von der Unfallstelle abzuhalten. Man kann sich kaum vorstellen, mit welcher Disziplinlosigkeit manche versuchten, trotz Warnungen die Absperrkette zu durchbrechen und unsere Arbeit erschwerten.“