Neustadt Von wegen Softie

Tolles Zusammenspiel: Gitarrist Ross Bellenoit, Schlagzeuger Sven Hansen, Frontmann Joseph Parsons und Bassist Freddi Lubitz (vo
Tolles Zusammenspiel: Gitarrist Ross Bellenoit, Schlagzeuger Sven Hansen, Frontmann Joseph Parsons und Bassist Freddi Lubitz (von links).

«Neustadt». Seinen Ruf, vorwiegend für sanfte Balladen zuständig zu sein, dürfte der in Deutschland lebende, aber in Pennsylvania und Louisiana aufgewachsene Singer/Songwriter Joseph Parsons zumindest in Neustadt nach seinem Auftritt am Freitag in der „Suite“ endgültig los sein. Denn da ging es zur Freude der teils von weit her angereisten Fans richtig rockig zu.

Zu seinem Softie-Image gekommen war Parsons als einer von fünf gleichberechtigten Frontleuten der amerikanischen Erfolgsgruppe „US Rails“, der er über Jahre angehörte, bevor er sich aus logistischen Gründen – das Hin- und Herpendeln zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten war einfach zu anstrengend und zu kostenintensiv geworden - komplett aus der Combo zurückzog, um mit seiner eigenen „Joseph Parsons Band“ durchzustarten. Bei den „Rails“ hatte er mit seiner schönen Baritonstimme tatsächlich meist die ruhigeren Stücke gesungen. Auch heute noch steht in seinen dem Americana-Stil zuzuordnenden Songs zuerst die Melodie im Vordergrund, die instrumentale Begleitung dazu ist im Laufe der Zeit aber deutlich rockorientierter geworden. Das liegt vor allem an seinem Gitarristen Ross Bellenoit, wie Parsons auch ein Amerikaner. Der Bassist Freddi Lubitz, der in Köln lebt, aufgrund seiner Aktivitäten in den Niederlanden aber oft als Holländer geführt wird, und der ebenfalls deutsche Schlagzeuger Sven Hansen vervollständigen die Parsons-Band, die in dieser Zusammensetzung inzwischen schon seit mehr als zehn Jahren „on the road“ ist. Bevor diese Topmusiker aber auf die Bühne gingen, hatte Joseph Parsons unangekündigt eine Überraschung für seine Fans vorbereitet, die von überall her nach Neustadt angereist waren, um ihr Idol wieder einmal live erleben zu dürfen: Als sogenannten „Support Act“ hatte er den Schotten Paul Tasker eingeladen, der beim letzten Parsons-Gig in der Gegend, 2016 in Gimmeldingen, schon einmal mit von der Partie war. Tasker ist eigentlich Teil des Folk-Duos „Doghouse Roses“, präsentierte sich diesmal aber als Solist. Er erwies sich als versierter Gitarrist, Banjospieler und Sänger und spielte unter anderem Titel aus seiner Soloveröffentlichung „Cold Weather Music“, darunter das einfühlsame Instrumentalstück „Blooms In The Autumn“. Daneben wusste er noch mit einer außergewöhnlichen, da nur auf dem Banjo gespielten Interpretation des „Fleetwood Mac“-Klassikers „Oh Well“ zu gefallen. Die „Joseph Parsons Band“ startete mit einem ihrer ältesten Songs, „Skipping Stone“, den sie bereits 2008 auf dem Doppelalbum „Slaughterhouse Live“ veröffentlicht hat, der aber mit seinem mitreißenden Tempo auch heute noch gut zündet. Mit „Berlin“ schloss sich eines von Parsons’ persönlichen Lieblingsstücken an, dem Ross Bellenoit mit ein paar gelungenen Gitarrenlicks ein wenig Countrygeschmack beifügte. Erst danach folgten mit „Coming Around“, „Wide Awake“ und „Beautiful Lie“ drei Stücke aus der erst am 15. dieses Monats erschienenen 13. Studioplatte die Parsons unter seinem Namen herausgebracht hat, „Digging For Rays“. Neben seiner früheren Tätigkeit bei den „US Rails“ und seiner aktuellen Beschäftigung mit seiner eigenen Band hat Parsons auch noch im Duo mit Todd Thibauth und - besonders erfolgreich - als Mitglied der Gruppe „Hardpan“ Alben auf den Markt gebracht. Sein Freund und „Hardpan“-Mitmusiker Chris Borroughs ist nun aber im November 2018 im Alter von 60 Jahren völlig unerwartet verstorben. Ihm zu Ehren schickte Parsons im Mittelteil seines Konzerts seine Band für ein paar Minuten in die Pause, um ganz alleine den Song „Accidents“ zu Gehör zu bringen, den er gemeinsam mit Borroughs geschrieben, und den er jetzt seinem toten Kumpel mit einem „Rest in peace“ am Ende gewidmet hat. Im Anschluss gab es noch weitere Nummern aus dem neuen „Digging For Rays“-Album, die alle von dem überragenden Ross Bellenoit mit unglaublicher Gitarrenarbeit veredelt wurden. Mit ihm als Sideman hat Parsons einen Glücksgriff gelandet. Der kleingewachsene Musiker und Produzent aus Massachusetts ist ständig am improvisieren und scheint dabei über einen unerschöpflichen Ideenreichtum zu verfügen. Er treibt seine Mitmusiker mit immer neuen Varianten seiner Soli zu eigenen Höchstleistungen an und schiebt sich damit auch in der Publikumsgunst ganz nach oben. Unaufhörlich gab es für ihn Beifall auf offener Szene, wenn er mit einem ganz eigenwilligen Gitarrensound und Flitzefingern, denen das Auge kaum folgen kann, zu virtuosen Alleingängen aufbrach. Sein Spiel in Kombination mit Parsons’ markanter Stimme, dazu die eingängigen Melodien der Songs und die treibenden Grooves der Rhythmussektion Lubitz und Hansen machen die Faszination der „Joseph Parsons Band“ aus. Die Hinwendung zum Rock hat der Gruppe zusätzlich gut getan. Das Quartett wurde nach Abschluss des offiziellen Konzertteils für mehrere Zugaben zurückgeholt und erlaubte sich dabei sogar eine knackige Version von „Pinball Wizard“ der Gruppe „The Who“, natürlich wieder mit einem bis an die Grenzen gehenden und im Pete-Townsend-Stil mit den Armen rudernden Ross Bellenoit an der Klampfe, was verdiente Pfiffe und Jubelrufe zur Folge hatte.

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