Neustadt
Von Stein und Holz im Mittelalter
Steine wurden im mittelalterlichen Neustadt stets gebraucht, wenn irgendwo gemauert wurde, auf der Stadtmauer, den Türmen oder im Stadtgraben – und natürlich auch im privaten Kontext, der aber in den kommunalen Rechnungen naturgemäß nicht auftaucht. Immer wieder wird dort Transportlohn erwähnt („von steynen wider off die mure zu dragen“). Zusammen mit den Steinen wurden meist auch die anderen zum Mauern benötigten Materialien Kalk und Sand zu den Baustellen gebracht.
Die Steinmetze wurden gelegentlich zu Sammlern
Zuvor mussten die Steine allerdings gebrochen werden („von den steinen zu brechen“). Das war vorrangig Aufgabe der Steinmetzen, konnte aber auch von den Bürgern in Fronarbeit geleistet werden („die froner haben steyn gebroch by konigsbronnen“). Danach waren die Steine zu beschlagen („do die steinmeczen die stein beslugen“). Steine wurden dabei in der Regel in größerer Zahl beschafft. Wenn einzelne Steine genannt sind, kann man davon ausgehen, dass sie eine besondere Größe oder Funktion hatten. So ist in der Stadtrechnung von 1496/97 ein Exemplar erwähnt, das in das Bachbett eingebaut wurde („eyn stuck steyns in das bechel by Pemppen huß“). Mit dem allgemeinen Begriff Stein konnte durchaus auch ein Türgewände gemeint sein („dru stuck steyns zu eyner dyrn“).
Es musste aber nicht unbedingt mit gebrochenem Material gebaut werden. Zum Bau von Mauern oder Wegen wurden auch Steine verwendet, die man im Gelände sammelte. Auch dieses Sammeln war offensichtlich Aufgabe der Steinmetze. In der Stadtrechnung von 1410/11 ist eine Ausgabe vermerkt „den steinmeczen daz sie stein suchten zu dem wege“. Solche Lesesteine vom Feld wurden auch bei so genanntem Feldsteinmauerwerk verwendet. Sie waren billiger zu beschaffen als Bruch- und Hausteine. In den Stadtrechnungen findet sich für diese Lesesteine auch der Ausdruck ganze Steine („gantz steyn“).
Besonderen Arbeitsaufwand erforderten die rechteckigen Quadersteine. Sie wurden „beschyden“, also nach dem Richtscheid behauen. Verwendung fanden Quadersteine bei höherwertigen Arbeiten, etwa beim Bau der Schießscharten auf den Türmen („habent quadersteyn gebrochen zu den schoßlochern uff die thorn“). Auch der Weg am Bachufer wurde mit Quadern gefasst. Mauern unter den Brücken wurden mit Quadersteinen errichtet.
450 neue Ziegel für das Rathaus stehen 1410 im Buch
Eine andere Art von Steinen, nämlich Backsteine („gebacken stein“) produzierten die Ziegler. Aus Backsteinen bestanden etwa der Schornstein im Rathaus und der Estrich auf dem Kirchturm. Von diesen Handwerkern bezog man ferner die Ziegel. Die Stadtrechnung von 1410 nennt den Kauf von 450 Ziegeln für das Rathaus und einen Schuppen beim Hambacher Tor. Ob es sich um Dach- oder Mauerziegel handelte, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Bei den in der Stadtrechnung von 1496/97 genannten „breyden ziegeln“ für die Kohlenkammer auf dem Kirchhof ist die Funktion klar. Als Breitziegeln wurden breite Dachziegeln bezeichnet. Auch der Bildstock vor dem Hambacher Tor wurde mit solchen Ziegeln eingedeckt. Besondere Dachziegel-Formen waren die „kelziegeln“, die Hohlziegel in der Kehle des Dachs, und das „oberdach“, in einem Wörterbuch als eine Art Ziegel bezeichnet.
Ein anderer Baustoff, der vielfältige Verwendung fand, war das Holz. Bretter („bort“) wurden oft benötigt. Auch Latten werden in den Stadtrechnungen häufig genannt. Wie die Latten eher schmal und bandartig war das Riemenholz. Neben diese schmalen Hölzer traten die balkenartigen Sparren. In der Stadtrechnung von 1501/02 nennt eine Ausgabeposition eine „muerlatte“ auf der Stadtmauer. Die Mauerlatte war ein langes Holz, das der Länge nach auf eine Mauer gelegt wurde. Ein massives Stück Holz war das Schwartenbrett. Eingesetzt wurde es etwa im Brückenbau („umb XXIIII swartten zu den brucken“). Kräftig war auch der „driling“, ein Brett von drei Zoll Dicke. Weniger wert war ein „endebortt“, das Endbrett als äußerstes Brett an den Enden eines Sägeblocks.
Dass die Stadt erst verspätet zahlt, ist kein ganz neues Phänomen
Hölzer wurden auch nach ihrer Funktion benannt. Das für den Brückenbau verwendete Holz war das „bruckenholcz“. Bauholz, also Holz zum Hausbau, wurde als „buweholtz“ oder auch „zymmerholcz“ bezeichnet. Beim „gruntholtz“ handelte es sich um das Fundamentholz eines Hauses. Der „dragebalcken“ war dazu bestimmt, eine Last zu tragen.
Von Peter Lyninger aus Lambrecht hatte die Stadt Rüststangen bezogen. Für diese Trägerstangen zu einem Baugerüst sind in der Stadtrechnung von 1494/95 fünf Schilling Pfennig verbucht. Das Holz war jedoch schon einige Zeit vor diesem Rechnungsjahr geliefert worden. Bei der Ausgabeposition ist nämlich vermerkt, dass es sich um eine Altschuld („alter schult“) handelte. Unter Altschuld wurde üblicherweise eine länger als zwei Jahre rückständige Schuld bezeichnet. Auch zum Gerüstbau verwendet wurden im Jahr 1528 „stangen“, also langes, gerade gewachsenes Holz. Im Zusammenhang mit dem Aufbau eines Gerüstes stand die Errichtung von Buggestellen („XVII holczer zum gerust und zu buggestellen“). Das Buggestell war ein Unterbau oder eine Stützvorrichtung aus Holz.
Stickholz, Stroh, Schragen – und fertig ist das Fachwerk
Im Rechnungsjahr 1476/77 wurde am Markttor ein „dyll“, ein Fußboden aus Brettern, aufgebaut. Niclaus Walter hatte im Jahr 1502 auf seinem Tor den Fußboden durch Einbau von Brettern erhöht, also eine so genannte Fußbühne („fußbyn“) errichtet. Zum Bau einer Wand in Fachwerk wurden Stickholz und Stroh eingesetzt („umbe stickholtz und stroe zu derselben wende“). Den Begriff Stickholz erklärt das Pfälzische Wörterbuch als mit Lehm und Stroh umwickeltes Spaltholz im Fach des Fachwerks. In zwei Stadtrechnungen werden im Zusammenhang mit einer Holzkonstruktion am Stadtgraben zudem Schragen genannt („haben holtz gefelt zu dem schragen uber den statgraben“). Dieser Fachausdruck aus dem Holzbau steht für schräg oder kreuzweise stehendes Holzwerk.
Die Serie
Mit den mittelalterlichen Neustadter Stadtrechnungen hat Heimatforscher Johannes Weingart nach dem „Roten Buch“ 2020 nun in kurzer Folge bereits den zweiten wichtigen Quellenbestand zur frühen Stadtgeschichte erschlossen. Sie vermitteln nicht nur wirtschaftshistorische Einblicke, sondern auch ein farbiges Bild der Lebensumstände der Menschen jener Zeit. In dieser kleinen Serie stellt Weingart in loser Folge interessante Aspekte daraus vor. Das stattliche Buch mit seinen 931 Seiten und einem Gewicht von 2,8 Kilogramm ist zum Preis von 44 Euro im Buchhandel oder über die „Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung“ in Neustadt zu beziehen.