Deidesheim
„Von Beschimpfungen bis zu Drohanrufen“: Was ein Flaschenetikett ausgelöst hat
Auf den Flaschenetiketten deutscher Qualitäts- und Prädikatsweine muss eine Amtliche Prüfungsnummer stehen, die dem Kunden bestätigen soll, dass er einen fehlerfreien und vom Weinbauamt geprüften Wein gekauft hat. Bei einfachen Weinen ist das nicht erforderlich. Hier kann eine sogenannte Losnummer zur Identifizierung eines bestimmten Weins frei gewählt werden.
Das Deidesheimer Familienweingut Mehling suchte sich für die Kennzeichnung einzelner Produkte eine Buchstabenfolge aus, die auch eine klare Botschaft vermitteln sollte: FCKAFD. Gemeint ist damit ein deutlicher Protest gegen eine Partei, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird. „Uns ging es darum, Haltung zu zeigen. Wir wünschen uns für die Zukunft ein menschenfreundliches, tolerantes Deutschland, in dem wir miteinander und nicht gegeneinander leben“, erläutert Kathrin Mehling im Gespräch mit der RHEINPFALZ.
Die Losnummer FCKAFD1224 steht nicht erst seit kurzem auf einzelnen Produkten aus dem Weingut Mehling. Schon seit drei Jahren stehe diese Kennzeichnung auf den rückseitigen Flaschenetiketten von insgesamt fünf Weinen und Traubensäften. Aber um diese eher dezent platzierte Form des Protestes gegen die AfD sei in der ganzen Zeit nicht viel Aufhebens gemacht worden. Weil die Beschriftung des kleinen Klebetiketts vielen wohl nicht aufgefallen sei, vermutet Kathrin Mehling.
Volle Wucht des Shitstorms
Das änderte sich schlagartig kurz vor Heiligabend des vergangenen Jahres. Eine Kundin, die das aus sechs Buchstaben bestehende Statement des Weinguts auf einer Flasche 2022er Riesling offensichtlich gut fand, versah das Etikett mit einem gemalten roten Herz und teilte das Foto auf Facebook. In sehr kurzer Zeit sorgte das gepostete Bild für zahlreiche Reaktionen nicht nur bei Facebook, sondern auch in weiteren sozialen Medien – allerdings nicht im Sinne der Kundin, die mit ihrem Post einfach nur „Gefällt mir“ ausdrücken wollte. Sondern ganz im Gegenteil: Ein Shitstorm traf Mehling mit voller Wucht. Über Tage weg ergoss sich eine Welle von Anfeindungen, Beleidigungen und Drohungen über das Deidesheimer Weingut. Auf vielen Plattformen, neben Facebook auch auf Instagram, X und Reddit, machten manche Nutzer ihrer Wut und Empörung Luft, „auch in sozialen Medien, in denen wir gar nicht aktiv sind“, so Mehling. „Das reichte von beleidigenden Kommentaren unter Bildern über Hass-Mails und wüste Beschimpfungen bis zu Drohanrufen“, berichtet sie. Zudem tauchten plötzlich zahlreiche negative Google-Bewertungen des Weinguts im Netz auf, „offenbar von Leuten, die noch nie einen unserer Weine probiert haben“, sagt Kathrin Mehling.
„Rückhalt stärker als Hasskommentare“
Was für eine Lawine an Hass und Beleidigungen da auf sozialen Plattformen losgetreten wurde, hat die Familie zwar zunächst unvorbereitet getroffen. „Das ist schon heftig gewesen“, sagt sie. „Aber auf der anderen Seite ist der Rückhalt, den wir bekommen haben, größer gewesen als die negativen Kommentare.“ Viele Menschen hätten sich gemeldet und ihre Unterstützung signalisiert. „Wir fühlen uns gestärkt durch die vielen positiven Reaktionen von Demokratiefreunden, die wir bekommen haben.“ Auch zahlreiche positive Google-Bewertungen des Weinguts hätten in den letzten Tagen dazu beigetragen, die negativen Kommentare auszugleichen.
Das Weingut hat sich auch an die Polizei gewandt und gegen Personen Anzeigen erstattet, die Drohungen ausgesprochen haben. Die Polizei und auch der Staatsschutz, der sich eingeschaltet habe, hätten „ein Auge darauf“. Es tue gut zu wissen, dass „die Behörden hinter uns stehen und solche Leute kein leichtes Spiel haben“, meint die Winzerin.
Was sagt sie zum im Netz kursierenden Vorwurf, das Ganze sei eine „Marketing-Aktion“, um das Weingut bekannter zu machen? Kathrin Mehling hat eine Gegenfrage: „Wer würde schon, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen, an Weihnachten so viel Hass ertragen wollen?“