Neustadt Vom Gespür, was die Leute hören wollen
Johannes Steiniger (30) steht mit hochgekrempelten Ärmel im Hof der Gaststätte Winzerverein in Deidesheim und baut ein lebensgroßes Wahlplakat von sich auf. Auf dem Foto hat er ebenfalls die Ärmel hochgekrempelt. Das Bild passt, auch wenn er beteuert, beim Fototermin gar nicht daran gedacht zu haben. Politik ist auch Kärnerarbeit, erst recht in Wahlkampfzeiten. Der Bundestagsabgeordnete, 2013 über seinen Listenplatz als Landesvorsitzender der Jungen Union gewählt, tritt erstmals als Direktkandidat für den Wahlkreis Neustadt-Speyer an. Er kommt gerade aus Schifferstadt, wo er zweieinhalb Stunden Haustürwahlkampf gemacht hat. Am Abend stehen Kerwebesuche in Lachen-Speyerdorf und Diedesfeld an. Eine Gelegenheit sich zu zeigen. Die Chance, für Bürger, Probleme nach Berlin zu transportieren. So wie eine ältere Dame im Hof der Winzerstube, die Steiniger ihr Leid klagt. Der schnappt sich einen Bestellzettel der Bedienung, macht sich Notizen und verspricht, zurückzurufen. Der Abgeordnete als Kümmerer. Alle warten auf einen Politi-Promi aus Berlin, Jens Spahn (37), den Staatssekretär im Finanzministerium, eine der großen Nachwuchshoffnungen der CDU. Steiniger hat öffentlich zum wirtschaftspolitischen Mittagstreff geladen. Gekommen sind rund 80 Gäste: Unternehmer, Parteifreunde, Sympathisanten, aber auch Neugierige, die offen sagen, noch nicht zu wissen, an welcher Stelle sie am 24. September das Kreuz machen. Gut die Hälfte kennt Steiniger persönlich. Wer als Netzwerker ständig in der Pfalz unterwegs ist, ist kein Unbekannter. Der Kandidat Steiniger gibt sich als Allrounder: Er beweist Smalltalk-Qualitäten, kann sekundenschnell umschalten und handfeste Argumente liefern, wenn er begründen will, warum Deutschland 15.000 zusätzliche Polizisten braucht. Kritik steckt er mit Sportsgeist und Humor weg, zum Beispiel, als ihn eine Parteigängerin dafür rügt, dass er bei der Abstimmung im Bundestag für die „Ehe für alle“ war. Erst spricht Steiniger. Der Fachkräfte-Mangel, die zu starren Arbeitszeitgesetze und die schlechte Infrastruktur im Bezug auf die Straßen und das Internet sind Themen, die im Publikum ankommen. Spahn greift den Ball auf, redet von dem historisch einmaligen Problem, dass ein Staat auf Grund der guten Konjunktur Geld ausgeben wolle, aber nicht könne, weil Planverfahren viel zu lange dauern würden. „Will Deutschland Wirtschaftsstandort bleiben oder machen wir ein Naturkundemuseum daraus, um Frösche zu beschützen“, sagt Spahn provokant. Steiniger fängt an zu klatschen, das Publikum zieht nach. Das Duo schein eingespielt. Beide haben ein Gespür dafür, was die Leute hören wollen. Der Münsterländer Spahn und der Pfälzer Steiniger kennen sich gut von Kongressen und Parteitagen. Die U 35 der CDU-Bundestagsfraktion geht in den Sitzungswochen donnerstags in der parlamentarischen Gesellschaft gemeinsam essen. Spahn, obwohl der rund 25-köpfigen Nachwuchstruppe entwachsen, ist oft noch dabei. Auch so ein Netzwerk, das zum Beispiel die jüngst eingeführte Flexi-Rente auf den Weg brachte, wie Steiniger betont. Es wird hochpolitisch. Fragen zum Brexit und zum Euro kommen auf. Es wird emotional, als ein Vertreter eines Schützenvereins die vorübergehende Praxis der Finanzbehörden moniert, Vereinen, die aus historischen Gründen keine Frauen aufnehmen, die Gemeinnützigkeit zu streichen. Noch sechs Wochen bis zur Wahl. Steiniger will sich bis dahin keinen freien Tag gönnen. Auch wenn die Prognosen gut sind, will er den Wahlkampf nicht auf die leichte Schulter nehmen. „Auch bei der Landtagswahl und bei der Bürgermeisterwahl in Bad Dürkheim sprach alles für die CDU“, sieht er sich als gebranntes Kind. Politik als Kärnerarbeit.