Neustadt Vom Freud und Leid der Kandidatur
Politische Koalitionen erfordern politische Rücksichtnahme. Aber wie weit muss diese gehen? Eine Frage, die sich im Vorfeld der Neustadter Oberbürgermeisterwahl 2017 stellt. Die Rede ist davon, ob FDP und Grüne als kleine Partner der CDU ins Rennen starten, statt neutral zu bleiben oder ihr Klientel aufzufordern, CDU-Bewerber Ingo Röthlingshöfer zu unterstützen. Das dürfen sie – schließlich wollen die Freien Wähler der CDU auch deshalb die Freundschaft aufgekündigt haben, weil ihnen ein solches Recht abgesprochen worden sei. An dieser Stelle wollen wir so kühn sein und behaupten, dass die FDP ohnehin kein überbordendes Interesse daran hat, selbst anzutreten. Anders sieht es bei den Grünen aus; zumal sie ihrer Basis vermutlich kaum zumuten kann, den CDU-Mann zu favorisieren. Insofern war es nur logisch, dass am Ende einer Klausur am vergangenen Wochenende am Dienstag ein Name für die OB-Wahl per Pressemitteilung präsentiert wurde. Tatsächlich überraschend war nur der Name als solcher: Waltraud Blarr. Jene ehrenamtliche Beigeordnete, die ganz heiß für die Nachfolge des hauptamtlichen Beigeordneten Georg Krist (FWG) gehandelt wird und auch selbst Interesse daran bekundet. Gesetzt den Fall, sie würde auf Krist folgen, würde sie ihr Amt am 10. September 2017 antreten. Einen Tag später könnte der/die künftige OB gewählt werden, der/die am 1. Januar 2018 die Arbeit beginnt. Blarrs Kandidatur als hauptamtliche Beigeordnete galt bislang als durchaus erfolgversprechend. Wird doch überall hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass der Stadtrat diese Wahl bereits im kommenden Dezember und damit zum frühstmöglichen Zeitpunkt erledigen will. Ein Zeitpunkt, der auch ein Bonbon für den grünen Koalitionspartner sein kann. Als Dankeschön dafür, dass er bei der OB-Wahl darauf verzichtet, die Hand zu heben. Eine wunderbare Idee, doch wollen die Grünen offensichtlich nicht mitspielen. Zumindest sah es von Samstag bis Dienstag so aus: Zunächst einigte sich die Klausurrunde auf die Kandidatur und die Personalie Blarr – wenn auch unter dem Vorbehalt, dass die Mitgliederversammlung Ende August noch zustimmen muss. Eine Pressemitteilung dazu zog Vorstandssprecherin Corinna Kastl-Breitner aber wieder zurück. Es bestand weiterer Gesprächsbedarf. Ob dieser eher dem Einwirken der CDU, wie es die Gerüchteküche vermutet, oder dem Bedürfnis von Waltraud Blarr, alles, wie sie selbst sagte, gründlich zu durchdenken, geschuldet war, muss offen bleiben. Auch wenn die Grünen jede Einflussnahme von Seiten des großen Partners zurückweisen. So nachvollziehbar die grünen Argumente, ein eigenes Profil am besten per OB-Wahl und mit einer erfahrenen Frau transportieren zu können, auch sind: Dass ihre Wunschkandidatin Blarr lieber noch mal gründlich darüber nachdachte, war nicht falsch. Denn es wäre nur schwer zu vermitteln gewesen, hätte sie tatsächlich für beide Positionen den Finger gehoben – und damit ihre hauptamtliche kommunalpolitische Zukunft doppelt abgesichert. Da zieht auch der Vergleich nicht, dass CDU-Bewerber Ingo Röthlingshöfer aus dem Bürgermeister-Sessel heraus antritt. So kam es, wie es kommen musste: Waltraud Blarr fühlt sich durch das Votum bei der Klausurtagung zwar sehr geehrt und ist außerordentlich dankbar für das Vertrauen. Doch nachdem sie Für und Wider in Ruhe abwägen konnte, will sie dann doch auf die Kandidatur verzichten. Ein eigener Start bei der OB-Wahl ist für die Grünen aber beileibe nicht vom Tisch. Die Partei will neu in die Überlegungen einsteigen ...