Neustadt Volle Lager: Bethel sagt Brockensammlung ab
„Sammelt die übrigen Brocken, auf dass nichts umkomme“, heißt es im Johannesevangelium. Mit diesem Leitspruch wurde die Brockensammlung der „v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel“ im Jahr 1890 ins Leben gerufen. In ganz Deutschland ist die Bethelsammlung ein Begriff.
Doch volle Lager, ein eingebrochener Markt und eine sinkende Qualität der Spenden erzwingen eine Pause: „Wir wollen unsere Sammlungen fortführen. Aber jetzt müssen wir Luft holen und wieder Lagerkapazitäten gewinnen“, erklärt Elke Zebrowski von der Brockensammlung Bethel. Deshalb gibt es dieses Jahr in der Pfalz keine Sammlung. Die Pfarrbüros seien umgehend informiert worden.
Bereits Spenden gesammelt
Die pfälzischen Kirchengemeinden hätten zu 99 Prozent viel Verständnis für die Absage gezeigt, so Zebrowski: „Die Probleme sind bekannt.“ Auch Oliver Jaehn, Pfarrer in Hambach, zeigt sich verständnisvoll. Er kritisiert jedoch die kurzfristige Absage. Für die Sammlung sei bereits geworben worden.
Zwar sei mit Aushängen, Newslettern und im Gottesdienst informiert worden, dass die Sammlung ausfällt. Da jedoch in der Vergangenheit viel Material gesammelt wurde, stehe er nun vor dem Problem, dass eventuell abgegebene Säcke nicht unterzubringen seien.
Ähnlich äußert sich auch Judith Geib, Pfarrerin in Edenkoben. Die Absage sei sehr kurzfristig gekommen. Viele Gemeindemitglieder fragten jetzt, wo sie Kleidung abgeben können. Das Spendenaufkommen sei in Edenkoben in der Vergangenheit hoch gewesen. 2024 habe sie der Rückmeldung entnommen, dass man mit den gespendeten Kleidungsstücken zufrieden gewesen sei und sie gut habe verwenden können.
Werbung und Sammlung angelaufen
Dekan Andreas Rummel betont, dass die Sammlung stets Sache der Gemeinden gewesen sei. Er sieht die kurzfristige Absage ebenfalls kritisch. Die Werbung sei bereits angelaufen, teilweise seien schon Säcke abgegeben worden. Er weist darauf hin, dass auch beim Lichtblick schon längere Zeit minderwertige Kleidung abgegeben wurde.
Laut Zebrowski sind die Probleme vielfältig. Der Altkleidermarkt stehe unter Druck. Die gewerblichen Sammler hätten sich aber schon vor Monaten zurückgezogen: „Wir waren im karitativen Bereich die letzten, die sammelten.“ Problematisch sei neben der Neuregelung der Altkleiderentsorgung, dass die Leute viel „Fast Fashion“ spendeten – also Mode minderer Qualität, die billig produziert und verkauft werde.
Qualität der Spenden sinkt
Die Devise müsse eigentlich sein: Was ich meinem Nachbarn weitergeben kann, das kann ich spenden, so Zebrowski. Aber daran würden sich viele nicht mehr halten. 60 bis 70 Prozent der Menschen wollten mit ihren Spenden etwas Gutes tun. Seit geraumer Zeit seien viele Menschen aber hemmungsloser geworden und würden die Altkleidersammlung als Müllentsorgung missbrauchen.
„Wir erhalten viele dreckige und defekte Sachen. Die Qualität bestimmt den Preis, und der Verkauf gestaltet sich schwierig“, erzählt Zebrowski. „Es ist aber – wie gesagt – nur ein ,Luft holen’, und wir hoffen auf Besserung. Da, wo wir noch sammeln, haben wir die Aufrufe angepasst. Wir nehmen nur noch gut erhaltene Oberbekleidung.“ Defekte Waren würden aussortiert und als Textilstreifen zu Putzlappen, Malervlies oder Armaturenbrettern verarbeitet. Allerdings sei auch hier der Markt eingebrochen.
Konkurrenz aus China
Hinzu kämen internationale Einflüsse: Der Krieg in der Ukraine habe den osteuropäischen Markt zusammenbrechen lassen. In Afrika verdränge billige Neuware aus China die Second-Hand-Kleidung, die vorher einen ganzen Wirtschaftszweig darstellte.
„Wichtig ist, dass die Menschen sich darauf besinnen, hochwertige Kleidung zu kaufen, die wegen besserer Qualität länger hält“, mahnt Zebrowski – getreu dem alten Leitspruch, nichts umkommen zu lassen.
Stichwort: Bethel und die Brockensammlung
Bethel zählt zu den größten sozialen und diakonischen Einrichtungen Europas. Sie wurde 1867 bei Bielefeld als Pflegehaus für epilepsiekranke Jungen und Männer gegründet und nach Friedrich von Bodelschwingh benannt, der ab 1872 die Leitung übernahm und die Einrichtung stark erweiterte. Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel haben heute etwa 24.000 Mitarbeitende an 300 Standorten in acht Bundesländern. Bethel ist bekannt für die Brockensammlung in Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden deutschlandweit. Jährlich werden etwa 9000 Tonnen Oberbekleidung, Schuhe, Handtaschen, Federbetten und -kissen für soziale Zwecke und Verkauf genutzt. Bethel kümmert sich um die Betreuung und Förderung von Menschen mit Behinderung, Kranken, Senioren und sozial Benachteiligten. Ferner um Assistenz im Alltag, medizinische Versorgung, klinische und schulische Angebote, Wohn- und Arbeitsangebote, Rehabilitation, unterstützende Gemeinschaftsstrukturen sowie Stiftungsprojekte und Aus-, Fort- und Weiterbildung. Auch in der Hospizarbeit ist man aktiv.