Neustadt Vieles steht im Weg

Fahrräder im Weg: Gerhard Hartmann mit Blindenführhund Oleg beim Überqueren der Maximilianstraße.
Fahrräder im Weg: Gerhard Hartmann mit Blindenführhund Oleg beim Überqueren der Maximilianstraße.

Einkaufen in der Speyerer Maximilianstraße ist für blinde und sehbehinderte Menschen kein Vergnügen. Es gibt kein Leitsystem, die Bürgersteige sind zugestellt, Straßenquerungen werden oft unnötig erschwert. Hindernisse gibt es einige, wie eine Begehung mit dem blinden Speyerer Gerhard Hartmann und seinem Blindenführhund Oleg zeigt.

Abgesenkte Bordsteine sind ein zweischneidiges Schwert: Für Rollstuhlfahrer ein Segen, für Blinde und Sehbehinderte ein Fluch. „Drei bis sechs Zentimeter hoch sollte ein Bordstein für Blinde sein“, erklärt Gerhard Hartmann. Warum, zeigt sich an der Einmündung zur Heydenreichstraße: Mit seinem Blindenstock kann Hartmann nicht ertasten, wo der Gehweg endet und die Straße beginnt. Auch Blindenführhund Oleg scheint nicht sicher, ob er stehen bleiben oder weitergehen soll. Hartmann vermisst ein blindengerechtes Leitsystem in der Maximilianstraße. Bodenindikatoren – geriffelte, meist weiße Platten – würden ihm das Leben leichter machen. „Die könnten zum Beispiel anzeigen, wo es in die Geschäfte reingeht“, erklärt er. Auf dem Gehweg hilft ihm die Mischung aus glatten Platten in der Mitte und Kopfsteinpflaster an den Seiten bei der Orientierung – allerdings nur bedingt. Die glatten Platten sind an einigen Stellen unterbrochen. An einer solchen Stelle bleibt Hartmann an ein paar höher herausragenden Pflastersteinen stehen. „Was ist denn hier?“, fragt er verdutzt und fährt mit dem Blindenstock an den Steinen entlang. Am Stadthaus ist dann endgültig Schluss. „Von hier bis zum Domplatz ist alles flach. Der Blinde läuft hier quasi ins freie Feld“, erklärt er. Überhaupt sei der Gehweg zwar breit, aber mit Hindernissen gespickt. „Bei manchen Geschäften ragen die Auslagen weit in den Gehweg hinaus, vor allem im Sommer ist das schlimm.“ Zudem erschweren Hartmann Fahrräder am Gehwegrand das Überqueren der Straße – Oleg muss einiges an Manövrierarbeit leisten. „Am besten wären ein paar Sammelplätze für Fahrräder“, sagt Hartmann. Blindenführhund Oleg begleitet Hartmann überall hin. „Ohne ihn geht außerhalb meiner Wohnung nichts“, sagt der 61-Jährige, der sein Augenlicht wegen einer Erbkrankheit verlor, über den dreijährigen Labrador. Rechtliche Vorgaben erlauben es Hartmann, Oleg in öffentliche Gebäude und Geschäfte mitzunehmen, denn er gilt als medizinisches Hilfsmittel. „In 95 Prozent der Geschäfte gibt es keine Probleme. Manche Geschäftsleute wollen den Hund nicht und berufen sich auf ihr Hausrecht. Dann gehe ich eben“, sagt Hartmann. Im Kaufhof in der Maximilianstraße stört sich niemand an dem Blindenführhund. „Oleg, such Lift!“, sagt Hartmann zu seinem Helfer, der ihn zielsicher zum Aufzug führt. Der Aufzug ist geräumig, hat aber keine Sprachansage. „Such Ausgang!“, sagt Hartmann. Die Glastüren erweisen sich als etwas schwierig. Eine Kundin hat den Laden gerade verlassen, die Tür schwingt noch, während sich Hartmann mit ausgestrecktem Arm vorantastet. In der Maximilianstraße suche er meist die Geschäfte auf, die er kenne, sagt Hartmann. Oft komme er nicht mehr, lieber gehe er in seinem Viertel in Speyer-West einkaufen. „Hier ist zu viel Trubel. Das bedeutet Stress für mich und den Hund“, erklärt er. Generell seien Blinde in Speyer selten anzutreffen, sagt Hartmann, der sich ehrenamtlich unter anderem im Blindenverband als Delegierter für den Bereich Speyer/Germersheim engagiert. „Viele Blinde hier bleiben zu Hause oder fahren höchstens zur Arbeit und zurück“, sagt er. Ein leuchtendes Beispiel für blindengerechte Barrierefreiheit sei Marburg. „Da gibt es überall taktile Ampeln, Leitsysteme, Fahrstühle mit Sprachausgabe, und, und, und“, erzählt er. Von alldem habe Speyer zu wenig. „Hier gibt es zehn Ampeln mit akustischem Signal. Kaiserslautern hat 172.“ Auch sprechende Aufzüge seien noch Mangelware. Hartmann nennt das Ärztehaus Cura Center in der Iggelheimer Straße als Negativbeispiel. „Ich weiß dort nie, ob ich im richtigen Stockwerk aussteige. Da bleibt mir nur: fragen, fragen, fragen.“

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