Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Verweigerung ist kein Heldentum: Landestheater Detmold spielt Ionescos „Die Nashörner“ im Saalbau

Am Schluss ist fast alles nashorngrau: Bérenger (Adrian Thomser) und Daisy (Alexandra Riemann) verschanzen sich in ihrer letzten
Am Schluss ist fast alles nashorngrau: Bérenger (Adrian Thomser) und Daisy (Alexandra Riemann) verschanzen sich in ihrer letzten, farbigen Bastion, dem Privaten.

Das Stück ist keine Parabel von gestern, sondern ein Seismograf für heute.

Erst ein fernes Trampeln, dann kippt der Alltag: Mit Eugène Ionescos „Die Nashörner“ gastierte das Landestheater Detmold am Donnerstag im Saalbau in Neustadt. Die Zuschauerreihen blieben mäßig besetzt, der Stoff aber erwies sich als umso aktueller und eindringlicher, denn er entlarvt die Mechanismen von Populismus und Gruppendruck.

Ionescos Parabel, 1959 geschrieben, entfaltet sich an vertrauten Orten: auf dem Stadtplatz im Café, in Wohnräumen, im Büro – bis sich alles auf die letzte isolierte Innenwelt des Protagonisten Bérenger zuspitzt. Regisseur Jan Steinbach verbindet diese Schauplätze mit einem reduzierten Bühnenbild aus grauer Mauer und verschiebbaren Würfeln. Was anfangs noch Beweglichkeit verspricht, wird im Verlauf zur Enge. Die Kostüme von Carla Nele Friedrich erzählen die Geschichte mit: Zunächst bunt, individuell, werden sie mit jeder Verwandlung grau und die Anpassung so sichtbar gemacht.

Der Schrecken liegt in der Bereitschaft zur Anpassung

„Die Nashörner“ zählt zu den bekanntesten Stücken des Absurden Theaters. Der Autor verarbeitete darin Erfahrungen mit Totalitarismus und Massenbewegungen. Das Stück spielt irgendwo in der französischen Provinz und erzählt von einer Stadt, deren Bewohner sich einer nach dem anderen in Nashörner verwandeln. Nicht aus Zwang, sondern aus Bequemlichkeit, Überzeugung oder Angst, allein zu bleiben. Der Schrecken liegt nicht im Tier, sondern in der Bereitschaft zur Anpassung. Eugène Ionesco, Ikone des Absurden Theaters, entlarvt die Mechanik der Masse: Wie Vernunft kippt, Sprache verroht, Moral verdampft. „Die Nashörner“ ist keine Parabel von gestern, sondern ein Seismograf für heute – Populismus, Gruppendruck, digitale Echokammern inklusive. Genau darin liegt die bleibende Brisanz des Stücks.

Im Zentrum steht Bérenger, gespielt von Adrian Thomser. Anfangs lethargisch, unsortiert, fast lebensmüde, ein wankelmütiger Außenseiter mit Clochard-Attitüde, gewinnt die Figur mit der Zeit an Kontur. Thomser zeichnet diese Entwicklung ruhig und nachvollziehbar: Aus dem Zauderer wird einer, der stehen bleibt, als alle anderen losrennen. Seine Verweigerung ist kein Heldentum, sondern eine Entscheidung – leise, erschütternd. Hartmut Thomas gibt seinen Freund Jean als selbstgewissen Moralisten, dessen Verwandlung besonders eindringlich wirkt. Alexandra Riemann als Daisy verkörpert Nähe und Sehnsucht nach Harmonie – und das schmerzhafte Wegkippen dieser Beziehung.

Auch die weiteren Akteure des zehnköpfigen Ensembles überzeugen mit großer Wandelbarkeit: Manuela Stüßer als Hausfrau und Madame Boeuf, Eva Noack als Lebensmittelhändlerin und Madame Papillon, Leonard Lange (Feuerwehrmann/Caféwirt) und Elias Nagel (kleiner Alter). Maja Granert spielt mit leiser Wärme die Kellnerin und Frau des Alten, während Emanuel Weber als Dudard die gefährliche Logik des Relativierens verkörpert. Gernot Schmidt setzt als Logiker und Botard markante Akzente.

Universale Gesetze menschlichen Handelns

Die Inszenierung entwickelt in 100 Minuten, ohne Pause durchgespielt, ein straffes Tempo. Das ließ keine Distanz entstehen, steigerte vielmehr den Druck, mit dem sich das Absurde als neue Normalität durchsetzt. Auch Jahrzehnte nach seiner Uraufführung wirkt das Stück des französisch-rumänischen Autors so erschreckend nah: Gruppendruck, Vereinfachung, der Wunsch dazuzugehören – all das ist keine historische Erfahrung, sondern verweist eher auf universale Gesetze menschlichen Handelns. Steinbachs Inszenierung verzichtet dabei aber auf platte Aktualisierungen und vertraut dem Text.

Die Darbietung, gespielt nach der Neuübersetzung von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, war ein konzentriertes Gastspiel, das nicht gefallen wollte, sondern wachrütteln. Und genau deshalb trifft, denn es zeigt, wie zeitlos politisch Theater sein kann. Das Stück erinnert daran, dass Widerstand oft unspektakulär beginnt – mit dem Entschluss, nicht mitzulaufen. Bérengers Schlussworte „Ich bin der letzte Mensch. Ich werde es bis zum Ende bleiben. Ich gebe nicht auf“ geben zu denken.

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