Neustadt Uralter Mythos mit moderner Botschaft

91-93500574.jpg

Neustadt-Hambach. Diktatur, Gewalt und Missbrauch, Unterdrückung und Angst, aber auch die Sehnsucht nach Frieden und Freundschaft und die Hoffnung auf einen Neubeginn – all diese Themen, die Flüchtlingen nur zu vertraut sind, stecken auch schon im altorientalischen Gilgamesch-Epos. Für den Regisseur Ali Mousa und seine Neustadter „Theatergruppe Hoffnung“ ein guter Grund, sich dieses vielleicht ältesten Stücks Literatur der Menschheit in ihrer neuesten Produktion anzunehmen. Am Sonntag ist das Stück im Hambacher „Theater in der Kurve“ zu sehen.

„Die Legende von Gilgamesch – neu erzählt von syrischen Flüchtlingen“ heißt das Stück, das Mousa mit der Gruppe, der Laiendarsteller unterschiedlicher Nationalität angehören, im letzten Dreivierteljahr erarbeitet hat. Nach einer Aufführung in Mannheim und in Edenkoben ist der Hambacher Termin die dritte komplette Präsentation. Ausschnitte zeigte die Formation bereits beim „Querfälltein“-Festival im Herrenhof im Mai. Haupt- und Titelfigur des Epos, das sich aus verschiedenen Fragmenten zusammensetzt und dessen Entstehung wohl bis ins 3. vorchristliche Jahrtausend zurückreicht, ist Gilgamesch, König von Uruk, einer Stadt im heutigen Südirak, der zu einem Drittel Mensch und zu zwei Dritteln Gott ist und sich auf die Suche nach der Unsterblichkeit begibt. Tatsächlich ist ein Herrscher dieses Namens für die Zeit um 2600 vor Christus in der sumerischen Königsliste belegt. Im Epos ist Gilgamesch zunächst ein Despot, der sich durch die Erfahrung von Liebe und Freundschaft, Trauer und Tod zu einem gerechten Herrscher wandelt, der seinem Volk Frieden und Freiheit gibt. Entscheiden ist dabei die Freundschaft mit dem Waldgeschöpf Enkidu, der – von den Göttern bestraft – vor seinen Augen stirbt. Diese Erfahrung ist für Gilgamesch Anlass, sich auf die abenteuerliche Suche nach dem Geheimnis des ewigen Lebens zu begeben. Anlass für die Auswahl des Themas waren für den syrischen Regisseur Ali Mousa, der die „Theatergruppe Hoffnung“ vor knapp drei Jahren im Haardter Asylbewerberwohnheim ins Leben rief, aktuelle Themen, die Flüchtlinge immer wieder beschäftigen. „Wie gehen wir mit Gewalt und Missbrauch um? Was kann die Menschen stärker machen? Und wie kann es gelingen, eine innere Wandlung zu bewirken, die der Allgemeinheit zugute kommt?“, lauten seine Kernfragen, die er gemeinsam mit den Gruppenmitgliedern im Stück weiterentwickelte. In der Form des Bewegungstheaters werden dabei die Motive Gewalt, Liebe, Freundschaft, Angst, Trauer oder Triumph behandelt. Im Körperausdruck und im Tanz haben die Darsteller weitgehend freie Hand, können sich nach Temperament, Emotion und Intuition entfalten und eigene Impulse setzen. Die musikalische Untermalung passt der künstlerische Leiter entsprechend an. „Die Entwicklung der Darstellung muss man als Prozess betrachten, sowohl vom Ausdruck her als auch in Bezug auf die Integration“, erklärt die Sprecherin der Gruppe, die Neustadterin Jacqueline Krehbiel, die selbst im Stück mitwirkt. „Es freut die Teilnehmer aus Syrien, Afghanistan, Palästina oder Albanien, dass sich immer wieder Einheimische einbringen.“ Auch dies sei ein Zeichen der Integration, meint sie, und lobt neben dem Engagement der schon längere Zeit Mitwirkenden mehrere neuere Zugänge aus den Reihen der Schüler des Kurfürst-Ruprecht-Gymnasiums. „Wir sind keine feststehende Gruppe, es ist auch bei der Zahl der Teilnehmenden stets Bewegung drin, wer möchte, kann sich uns jederzeit anschließen“, so Krehbiel. Der Aufführung hat Ali Mousa sieben fest umrissene Szenen zugrunde gelegt, beginnend mit einer Hochzeit in der Stadt Uruk im alten Zweistromland, bei der sich Gilgamesch als brutaler Despot aufführt. In der nächsten Szene trifft er auf den Waldmenschen Enkido, welcher sein Freund wird. Gilgamesch wächst in sich, entdeckt die Bedeutung von Freundschaft und Zuneigung. So führen alle nachfolgenden Schlüsselerlebnisse der Geschichte schrittweise zur Wandlung Gilgameschs von einem grausamen Tyrannen zur einem gefestigten, gerechten Herrscher. Letztlich geht es dem Regisseur aber nicht um die reine Wiedergabe des alten Epos, sondern um die Symbolik und die Parallelen in der heutigen Zeit. Dabei wurde Mousa, Krehbiel sowie Peter Seidel vom CJD bald klar, dass jede Szene der sprachlichen Erläuterung bedurfte. So schuf man eine Erzählebene in Form eines Dialogs zwischen einer Mutter und einer Tochter, die in Neustadt als Flüchtlinge leben. Im Prolog fragt die Kleine, gespielt von Saya Mousa, verzweifelt, warum es in Syrien Krieg, Tod und Zerstörung gibt, warum man fliehen musste. Die Mutter (Jacqueline Krehbiel) lenkt den Blick auf die Gewaltherrschaft im Heimatland und erklärt, dass es schon sehr viele Diktatoren gegeben habe, auch schon vor Tausenden von Jahren. „Damals herrschte ein König namens Gilgamesch in der Stadt Uruk“, führt sie in das Geschehen ein. So wird jede der sieben Szenen im Mutter-Tochter-Gespräch begleitet und interpretiert, wobei diese Dialoge aktuelle Zeitbezüge schaffen. „Alle anderen Teilnehmer arbeiten ausschließlich mit Körperausdruck, das Gespräch ist der einzige Beitrag auf der Wortebene. Dieser ist sehr wichtig für das Verständnis der Botschaft“, erläutert Krehbiel. Aus Gilgameschs Wandlung schöpfen letztlich auch die Darsteller neue Hoffnung für ihre Zukunft und für ihr Heimatland, bei manchen auch verbunden mit dem Wunsch auf Heimkehr und Neuaufbau. Von syrischer und kurdischer Kultur erzählen auch die drei Tänze, die im Anschluss an das etwa einstündige Epos aufgeführt werden. Termin „Die Legende von Gilgamesch, neu erzählt von syrischen Flüchtlingen“ , Sonntag, 15. Januar, um 17 Uhr im Hambacher „Theater in der Kurve“. Der Eintritt ist frei.

x