Neustadt Unvergessliche Begegnungen

NEUSTADT. Für Literaturfreunde aus der Region hat das „Literarische Forum Neustadt“ mit seinen Autorenlesungen seit nunmehr 25 Jahren einen hohen Stellenwert. Am 23. Juni 1989 wurde der Verein von passionierten Literaturvermittlern gegründet. Seitdem profitierte das Publikum von rund 170 Lesungen, teils mit Top-Autoren, teils mit neuen Talenten, die noch eine große Karriere vor sich hatten, oder auch „Eintagsfliegen“.
Wer wie die Verfasserin dieser Zeilen die Entwicklung des „Litfo“ von Anfang an miterlebte, blickt in einer Mischung aus Faszination, Begeisterung und Anerkennung zurück. Denn wer realisierte die Begegnungen mit Peter Härtling, Edgar Hilsenrath, Sten Nadolny, Christoph Ransmayr und Luise Rinser, um nur einige zu nennen? Wer zog einen damals völlig unbekannten jungen Autor aus Palästina an Land, der danach fast jedes Jahr vor wachsender Zuhörerschar seine exotischen Geschichten aus der Negev-Wüste frei erzählend vortrug, so dass alle den nächsten Abend mit Salim Alafenisch kaum erwarten konnten? Wer holte erst kürzlich in kurzem Abstand zwei aktuelle Trägerinnen des Deutschen Buchpreises, Melinda Nadj Abonji und Ursula Krechel, nach Neustadt? Na klar, das „Litfo“! Mit diesen Begegnungen sorg(t)en die Veranstalter für eine Erweiterung des Horizonts und eine Öffnung für andere Meinungen und fremde Kulturen. Angefangen hatte alles mit einer Abspaltung. Nach längeren Querelen mit dem Vorstand des „Literarischen Vereins der Pfalz“ entschied sich der damalige Leiter des „Ortsrings Neustadt“, Wolfgang Merkel, für eine Ablösung vom Dachverband. Gründe für eine Neuorientierung gab es genug. So ging es dem Rebellen unter anderem um Modernisierung der Organisation, mehr Eigenständigkeit, Beanstandungen im finanziellen Bereich und um die Abschaffung NS-lastiger Begriffe wie „Schrifttum“ und „Ortsring“. Auch distanzierte sich Merkel vehement von jedweder Pfalztümelei. Sein ehrgeiziges Ziel war, Neustadt zu einem „Zentrum der Literatur im Bereich der Vorderpfalz“ werden zu lassen, eine avantgardistische Gruppe zu bilden, die „das Beste vom Besten bietet, das auf dem Literaturmarkt zu haben ist“ und „den Autorenstamm zu hegen und zu pflegen“. Mit beispielhaftem Enthusiasmus und Elan setzte er die meisten dieser Ziele tatsächlich um. Ein Mann der ersten Stunde war auch Frank Schwarz, der noch heute zusammen mit seiner Frau Angelika Hesse, Kai Scharffenberger und Guido Dieckmann Vorstandsmitglied ist. Am Gespräch rund ums „Litfo“ mit Hesse und Schwarz wollten die 2003 enttäuscht ausgeschiedenen Vereinsgründer Irena und Wolfgang Merkel nicht teilnehmen, da sie nichts „Neues oder Profundes“ beizutragen hätten. Zum Stichwort „Zentrum der Literatur im Bereich der Vorderpfalz“ erklären Hesse und Schwarz übereinstimmend: „Diesen Anspruch hätten wir so nicht formuliert.“ Dennoch sei unbestritten, dass das „Litfo“ unter Merkel damals diesem Anspruch gerecht wurde. Organisierte er doch unter anderem unvergessliche Lesungen mit ehemaligen DDR-Autoren wie Wolfgang Hilbig, der später mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet wurde, Erich Loest und Gerhard Zwerenz, Peter Kurzeck, Monika Maron und Reiner Kunze. Bis auf die beiden letztgenannten sind übrigens all diese Autoren leider bereits verstorben. In Erinnerung bleibt auch die Reihe „Russland erzählt“ mit Ljudmila Ulitzkaja, Viktor Pelewin und Alexander Askoldow. Das heutige „Litfo“ hat seinen Anspruch im Vergleich zu damals etwas heruntergefahren. Vermehrt werden Autoren historischer Romane und Kriminalgeschichten eingeladen, was in der Ära Merkel eine Ausnahme darstellte. Zu den Highlights des Angebots gehörten in letzter Zeit die Lesungen mit den beiden Buchpreisträgerinnen und anderen hochkarätigen Autoren wie Zsuzsa Bánk, David Wagner und Sherko Fatah. Veranstaltete der Verein früher jährlich zirka neun Autorenlesungen, zu denen durchschnittlich etwa 60 Zuhörer kamen, so sieht das heute anders aus. Durchschnittlich werden sechs Lesungen angeboten, und die Publikumsresonanz ist höchst unterschiedlich. Zu diesem Wandel erklärt Schwarz: „Das war damals eine Generation, für die Literatur und Autoren eine andere Rolle spielten. Heute erleben die Leute Schriftsteller lieber in Talk-Shows.“ Dennoch sei das Publikum – zum Glück – interessiert. „Und Autoren bestätigen uns: Macht weiter, sie loben das Publikum für seine Aufmerksamkeit und die guten Fragen, die gestellt werden.“ Klassische Lesungen gebe es übrigens kaum mehr. „Heute ist die durchgeplante Lesung angesagt, in der Autoren das Konzept ihres Buches erklären und Verständnis für die Figuren wecken“, so Schwarz. Bei der Programmgestaltung werden ihre „Wunschkandidaten“ eingeladen, versichern Hesse und Schwarz, und immer wieder erhalten sie wertvolle Hinweise von Autoren auf Kollegen und besonders lesenswerte Bücher. Enttäuschungen oder gar Misserfolge gab es nach Einschätzung der beiden nicht. „Sonst hätten wir das nicht so lange gemacht“, erklärt Hesse schmunzelnd. Immer wieder lassen Schwarz und Hesse Anekdoten um Autoren einfließen, mit denen sie sich nach der Veranstaltung regelmäßig zusammensetzten. Eine Lesung wäre fast ins Wasser gefallen, weil die Autorin unter den zahlreichen Neustadts nicht das an der Weinstraße angepeilt hatte. Doch dann landete sie, außer Atem zwar, doch noch rechtzeitig in der Stadtbücherei ... Erklärtes Ziel für den Vorstand ist es, „die Leselust der Zuhörer durch die Begegnung mit den Autoren und Autorinnen und ihrer Arbeit zu fördern. Die Essenz der Lesung ist es, den Zuhörern die Möglichkeit zur persönlichen Begegnung mit den Autoren zu schaffen.“ Zwei derartige Begegnungen können Literaturfreunde sich bereits für das zweite Halbjahr 2014 vormerken: Die lange in St. Martin wohnhafte und heute in Berlin lebende Schriftstellerin Gabriele Weingartner stellt am 14. November ihren druckfrischen Roman „Die Hunde im Souterrain“ vor. Und der deutsch-isländische Autor Kristof Magnusson, schon einmal 2010 mit einem rasanten Roman zur Finanzkrise beim „Litfo“ zu Gast war, liest am 8. Dezember aus seinem neuen Buch „Arztroman“.