Deidesheim
Traumatische Kur: Keine Entschädigung für Verschickungskind
Rückblende: Im Mai berichtete die RHEINPFALZ ausführlich über Becks Schicksal. Sein Drama begann mit einer Asthma-Diagnose 1968, als Beck gerade mal drei Jahre alt war. Knapp zwei Jahre später wurde er erstmals verschickt, um sich zu erholen: Stundenlang saß der knapp Fünfjährige allein im Zug, um sechs Wochen lang fernab von Eltern und Freunden den damaligen Betreuern und Ärzten ausgeliefert zu sein. „Es herrschte Essenszwang und wer erbrochen hatte, musste das Erbrochene aufessen“, erinnert er sich an nur eine der damals gängigen öffentlichen Bestrafungen, die in Bestrafungsbüchern geregelt war. Nächtliche Toilettengänge wurden mit einem Sitzbad in Eiswasser bestraft, mitunter mussten derlei Delinquenten aber auch die Nacht auf einem Stuhl im ungeheizten Flur verbringen. Eingenässte Bett- oder Nachtwäsche wurde nicht ersetzt – in der Folge litt Beck bis zum Alter von 15 Jahren an Bettnässerei.
Die zweite Verschickung erlitt Beck im Alter von knapp sieben Jahren. In Bad Dürrheim im Schwarzwald seien an den Kindern nicht zugelassene Medikamente erprobt worden, sagt Beck. Er erinnert sich an zahlreiche Blutentnahmen und etliche Spritzen, die ihm verabreicht worden seien und nach denen er lange im Bett liegen bleiben musste. Panische Angst vor Spritzen plage ihn noch heute.
Kinder als Versuchskaninchen
Der Südkurier schreibt hierzu: „Es liegen klare Belege dafür vor, dass Ärzte Kinder als Versuchskaninchen für Medikamententests missbraucht haben. Hauptschauplatz in Baden-Württemberg: Das DRK-Kindersolbad in Bad Dürrheim auf der Baar. Frühere Kurkinder, die dort an Versuchen teilnehmen mussten, stellen heute Fragen und warten auf wissenschaftlich fundierte Antworten.“
Auch an die dritte Verschickung nach Oberstdorf in Bayern mit neun Jahren erinnert sich Beck mit Grausen: „Dort herrschte ein ausgiebiger militärischer Ton“, sagt Beck und erklärt, dass in Nachbarorten früher Soldaten der SS ausgebildet worden seien und viele von ihnen nach Kriegsende auf wundersame Weise die Leitung von Verschickungsheimen übertragen worden sei. Die Postkarten, die er an seine Eltern schreiben musste, wurden zensiert, sodass nur positive Nachrichten aus der Kur zu Hause ankamen. Sechs Wochen lang habe er das ertragen, später dann daheim wochenlang nichts oder nur sehr leise geredet, so Beck.
Lungenentzündung auf Langeoog
1976 – Beck war elf Jahre alt – ging es dann auf die Insel Langeoog. Dort verhinderte er den Suizidversuch eines erstverschickten Jungen, der aus dem Fenster springen wollte, weil er sich so ausgeliefert fühlte. Unter anderem weil er ständig nasse Kleidung tragen musste, entwickelte er eine doppelseitige Lungenentzündung und wurde mit über 40 Grad Fieber nach Hause geschickt. Die Heimleitung hatte seine Eltern nicht über den lebensbedrohlichen Zustand ihres Sohnes informiert, sodass deren Hausarzt feststellte, dass der Junge zu schwach zum Transport ins Krankenhaus ist. „Ich wäre fast gestorben“, sagt Beck.
Er überlebte letztlich, trug allerdings so manches Trauma davon, von dem er sich bis heute nicht erholt hat – aber auch den Impetus, anderen Menschen zu helfen, wo er kann. So unterstützt er neben seinem Hauptberuf – Beck ist Wirt der Weinstube Woibauer in Deidesheim – seit mittlerweile acht Jahren ehrenamtlich die Tagesbegegnungsstätte Lichtblick in Neustadt, unter anderem mit dem kostenlosen Weihnachtsessen für Bedürftige.
Kein Einzelschicksal
Erst vor wenigen Jahren erfuhr er, dass er kein Einzelschicksal war, wie er lange glaubte, sondern bis in die 80er Jahre hinweg tausende Kinder ähnlich gelitten haben.
Mittlerweile hat er jede Menge Literatur zum Thema gelesen, sich mit seinem Schicksal auseinandergesetzt – und am 27. April 2023 auf der Internetseite der Krankenkasse DAK eine offizielle Entschuldigung an die Verschickungskinder und die Ankündigung einer Aufarbeitung entdeckt. Seine eigene Geschichte hat er unter anderem dem SWR erzählt, der dem Thema einen Beitrag in der Landesschau gewidmet hat. Die Antwort der DAK hat Beck jedoch enttäuscht: „Es hieß, es gebe zurzeit keine Bewegung in der Sache“, sagt Beck. Er habe sich deshalb entschieden, juristisch gegen die DAK vorzugehen: „Ich will die Sache nicht aussitzen, zumal meine Eltern die Aussagen schriftlich bezeugt haben.“
Auf das Schreiben seiner Anwältin habe mittlerweile das Justiziariat der DAK geantwortet: „ … wir bedauern sehr, dass wir die von Ihrem Mandanten erwartete Gründung eines Opferfonds oder einer angemessenen Entschädigung nicht nachkommen können:“ Rüdiger Beck ist sauer. Und er ist enttäuscht.
Zur Sache: Verschickungskinder
Von den 1950er bis in die 1980er Jahre wurden viele Millionen Kinder ab zwei Jahren ohne Eltern jeweils über mehrere Wochen hinweg in teils weit entfernte Kinderkurheime oder Kinderheilstätten zur Erholung und zum Aufpäppeln – oft war Gewichtszunahme der Hauptzweck der ärztlichen Empfehlung – geschickt. 1963 gab es knapp 900 Kur-, Heil, Genesungs- oder Erholungsheime mit über 56.000 Betten, davon 43 Prozent in privater Trägerschaft. Der Rest verteilte sich auf soziale und kirchliche, auch heute noch bekannte Trägerinstitutionen. Allein für 1963 sind knapp 400.000 Verschickungen dokumentiert. Die unmittelbare Vergangenheit der Mitarbeiter in den Heimen war die Zeit des Nationalsozialismus mit entsprechenden Prägungen. So mancher ärztlicher Leiter der Heime wirkte bereits in der NS-Zeit. Betroffene berichten von institutioneller seelischer und körperlicher, teils sexueller Gewalt in den Heimen und finanziellen Interessen der Pharmaindustrie – Stichwort Medikamententests – und der Beherbergungsbetriebe – Stichwort Auslastung. Geschätzt gibt es mindestens acht Millionen Opfer. Im Netz: verschickungsheime.de.