Neustadt
„Theater in der Kurve“ stellt die Weichen für die Zukunft
Was ist, wenn man selbst nicht mehr ist – daran denken viele nicht gerne. Hedda Brockmeyer jedoch hat es getan und jetzt die Weichen für die Zukunft ihres „Theaters in der Kurve“ in Hambach gestellt. Das entscheidende Instrument dabei: die Umwandlung der Bühne in eine gemeinnützige GmbH.
„Wir sind schon seit mehreren Jahren auf der Suche nach einer Rechtsform, die die Existenz des Theaters nachhaltig sichert“, sagt die Schauspielerin und Theaterleiterin, die das „Kurven-Theater“ 2009 mit ihrem Ehemann Heinz Kindler in einem ehemaligen Weingut an der markanten 90 Grad-Abzweigung direkt an der Hambacher Weinstraße eröffnet hat. Die beiden hatten die Immobilie einige Jahre zuvor als Wohnhaus erworben und ein ungenutztes ehemaliges Weinlager mit viel Eigenleistung und Unterstützung von Freunden zu einem kleinen Theater mit rund 50 Plätzen und angeschlossener Ausschankstelle umgebaut. Seitdem hat sich das Haus zu einem der wichtigsten Kreativorte Neustadts entwickelt.
„Im schlimmsten Fall macht eine Immobilienfirma alles platt“
Doch was soll aus all dem werden, wenn Brockmeyer und Kindler einmal nicht mehr sind? Sie ist 61, er 60, Kinder haben die beiden keine. „Im schlimmsten Fall kauft eine Immobilienfirma das Haus und macht alles platt“, mutmaßt die Schauspielerin und Regisseurin. Um das zu verhindern, kamen sie und ihr Partner auf die Idee, die GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts), die bisher für die hauseigenen Theaterproduktionen zuständig ist, in eine gemeinnützige GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Haftung) umzuwandeln. Das biete gleich mehrere Vorteile, unterstreicht die Theaterleiterin. Es gebe so die Möglichkeit, Schritt für Schritt eine Nachfolge-Regelung aufzubauen, „die nicht von jetzt auf gleich alle Menschen rundherum überfordert“, zugleich aber für den Fall der Fälle vorzusorgen: Denn eine gGmbH kann steuerfrei erben. Dass die Immobilie, die ihre Alterssicherung darstellt, nach ihrem Tod als Betriebsvermögen an die neue Gesellschaft geht, haben Kindler und Brockmeyer bereits per Testament geregelt. Das Haus kann so bis zum Schluss Privatbesitz bleiben.
Und auch die Übergabe an den künstlerischen Nachwuchs ist auf den Weg gebracht. Mitgesellschafterin bei der neuen gGmbH ist die junge Neustadter Schauspielerin Anne Ebel, die zusammen mit Partnerin Paulina Sommer vor einigen Monaten die im Kurven-Theater angesiedelte Theaterwerkstatt „Die lila Henne“ gegründet hat. Auch weitere Interessierte, etwa aus dem „Theater- und Kulturförderverein Hambach“ (ThuK), der als Veranstalter der Theaterabende in der „Kurve“ einschließlich des Ausschanks fungiert, seien angefragt und könnten noch einsteigen, so Brockmeyer. Den Geschäftsführer-Posten der gGmbH, der gesetzlich gefordert ist, übernimmt sie bis auf weiteres selbst, weil sie auch den höchsten Anteil hält. Sie müsse jetzt bis zum offiziellen Start der neuen Gesellschaft am 1. Januar 2026 noch einen Arbeitsvertrag mit sich selber machen, schmunzelt sie.
Am 11. September ins Handelsregister eingetragen
Um all das auf den Weg zu bringen, seien „viele kostenintensive Steuerberater- und Notartermine“ nötig gewesen, sagt Brockmeyer, gebürtige Münsteranerin, die ihre Schauspielausbildung in Berlin absolvierte und 1993 in die Pfalz kam. Ins Handelsregister eingetragen wurde das Unternehmen im September. Jetzt, wo die Weichen gestellt sind, überwiege jedoch die Erleichterung. Das Problem, kulturelle Institutionen über die eigene Existenz hinaus zu sichern, kennen viele freie Theater. Brockmeyer war und ist hier deutschlandweit in einem intensiven Austausch mit Kollegen. Eine Bühne aus Augsburg habe mit ihrer Satzung als konkretes Vorbild gedient. Faszinierend findet die Schauspielerin auch die Lösung der Schaubühne Lindenfels in Leipzig, denn die habe sich sogar in eine gemeinnützige Aktiengesellschaft umgewandelt. An die Berichtspflichten mag man da gar nicht denken!
Aber auch für die gGmbH ist Transparenz das oberste Gebot. Es werden keine Gewinnanteile an die Gesellschafter ausgeschüttet, alles, was reinkommt, fließt wieder zurück in den Betrieb. Das war allerdings auch bei der bisherigen Regelung mit dem ThuK schon so, der auch weiter Veranstalter aller Theaterabende im „Theater in der Kurve“ bleibt, dabei als Mieter von Brockmeyer und Kindler auftritt und mit seinen Laien-Ensemble selbst hin und wieder Stücke inszeniert. Die gGmbH ist nur für die eigenen Profi-Produktionen zuständig sowie für den Tournee-Betrieb, falls diese auswärtig spielen.
Echtes Theater oder Eventbude – das ist die Frage
Inhaltlich hat sich die Veränderung übrigens bereits ausgezahlt: Hedda Brockmeyer ließ sie in einen Konzeptionsförderantrag beim Kulturministerium in Mainz einfließen, der auch prompt bewilligt wurde und es nun für drei Jahre ermöglicht, freie Künstlerinnen und Künstler einzuladen, projektbezogen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu Themen von regionaler Bedeutung zu recherchieren. Ein erstes Ergebnis war im Sommer das von Anne Ebel und Figurenspieler Billy Bernhard gemeinsam entwickelte Kinderstück „Elwie & Dritsch“. Weitere Projekte unter anderem zu den Themen Demokratie und Wald werden folgen. Denn, auch das ist für Brockmeyer eine Erkenntnis seit der Pandemie-Zeit, „Theater wie früher funktioniert nicht mehr.“ Es gehe deshalb letztlich um nicht weniger als die Frage, was man für die Zukunft wolle: „echtes Theater oder eine reine Eventbude“.