Neustadt
Theater für den Kinderschutz
Ein verurteilter Sexualstraftäter entführt ein zehnjähriges Mädchen auf dem Schulweg und missbraucht es. Obwohl er gegen Auflagen verstößt, bleibt er in Freiheit und kann sich an dem Kind vergehen. Der Fall, der kürzlich in Edenkoben so passierte, macht „sprachlos, wütend und ängstlich“ und „viele fragen sich, was man tun kann, um seine Kinder zu schützen“, wie Leni Bohrmann es auf den Punkt bringt.
Zunächst müssen sich Eltern und Pädagogen bewusst machen, dass sexueller Missbrauch meistens im Verwandten-, Bekannten-, und Freundeskreis stattfindet. So schrecklich der Fall in Edenkoben auch ist, er ist ein Einzelfall. Größere Gefahr geht leider meistens von Menschen aus, denen das Wohlergehen der Kinder anvertraut ist. Laut Bohrmann sei in Deutschland jedes siebte Kind von sexualisierter Gewalt betroffen und damit „ein bis zwei Kinder pro Schulklasse“. Daher sei es der erste Schritt, die Augen nicht zu verschließen und hellhörig zu sein. Den Kindern aufmerksam zuhören, auf kleinste Anzeichen reagieren, auch wenn es unangenehme Wahrheiten sind.
Grenzen setzen lernen
Aber wie können Kinder lernen sich auszudrücken? Zwischen richtig und falsch zu unterscheiden? Woher wissen sie, an wen sie sich wenden können? Hier beginnt die Arbeit von Leni Bohrmann. Sie arbeitet für die Theaterpädagogische Werkstatt (tpw), die im gesamten deutschsprachigen Raum präventive Theaterprogramme für Kinder und Jugendliche anbietet. Seit 2021 ist sie gemeinsam mit Lothar Däuwel (Diplompädagoge und Schauspieler aus Böbingen) in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Hessen unterwegs. Hier lernen Kinder spielerisch Grenzen zu setzen, sich zu wehren, zu unterscheiden zwischen „guten und schlechten Geheimnissen“, wie Bohrmann erläutert.
Sexueller Missbrauch finde oft unbemerkt über viele Jahre statt, ohne dass es anderen Bezugspersonen auffalle, besonders wenn der Täter „es geschickt anstellt“ und das Kind auch einschüchtert oder bedroht. Bei der präventiven Theaterarbeit lernen die Kinder, ihren Gefühlen uneingeschränkt zu vertrauen und werden ermutigt, sich zu wehren und über ihre Erfahrungen zu sprechen. Dabei werden verschiedene Programme angeboten, die schon bei Vorschulkindern beginnen, also auch schon von Kindertagesstätten angeboten werden können.
Mit Sprache, Musik und Humor
Besonders bekannt ist das Präventionsprogramm des Theaters zu sexualisierter Gewalt „Mein Körper gehört mir“, das für Kinder in der dritten und vierten Klasse konzipiert wurde. Hier kommt ein Spielerpaar insgesamt drei Mal in eine Schulklasse und erzählt in kurzen interaktiven Szenen, mit Sprache, Musik und viel Humor verschiedene Situationen und Geschichten, in denen sich die Kinder wiedererkennen können.
Eigentlich wollte der Nachbar dem Jungen nur zeigen, wie man Tennis spielt. Doch dann fasst er ihm an den Po. In den dargestellten Situationen werden die Grenzen von Kindern überschritten und verletzt und thematisieren auf diese Weise Facetten sexualisierter Gewalt. Dabei werden sie alltagsnah erzählt, sodass die Kinder leicht nachvollziehen können, wie sie ihre Nein-Gefühle erkennen und können beobachten, wie sie sich Hilfe holen können. Dabei gebe es zwar ein Skript zu den Szenen, aber nach jeder Szene werde mit den Kindern über das Gesehene gesprochen und die Gefühle der Menschen in den Szenen werden thematisiert, wie Bohrmann erläutert.
Schüchternheit überwinden
Das Präventionstheater ist also keine Show, sondern eine lebhafte Unterhaltung mit den Kindern. Weil die Kinder mitdenken, mitfühlen und mitreden, verinnerlichen sie die Geschichten und Botschaften langfristig. Oft seien die Kinder zunächst verunsichert und schüchtern, deswegen lernen sie die beiden Schauspieler auch beim ersten Treffen als reale Personen kennen, bevor sie sie in verschiedenen Rollen erleben. Viele kennen auch kein Theater, sodass diesen Kindern erst erklärt werden müsse, dass Däuwel und Bohrmann in verschiedene Rollen schlüpfen. Die Kinder „fassen aber schnell Vertrauen“ und „tauen auf“, sodass eine gute Grundlage für die weitere Arbeit gelegt ist.
Ziel ist es, die Kinder zu stärken und ihnen Werkzeug mitzugeben, wie sie sich in solchen Situationen verhalten sollen. Die wichtigste Botschaft des Präventionstheater lautet: „Wenn du ein Nein-Gefühl hast, geh zu jemandem und erzähl davon!“ Dementsprechend lernen die Kinder, wie sich verhalten können, wenn jemand ihre körperlichen Grenzen überschreitet, aber auch sich Hilfe zu holen. Nach den Treffen werden Kärtchen verteilt mit der Nummer einer Telefonhotline zu sexuellem Missbrauch, bei der betroffene Kinder anrufen können, wenn sie niemanden haben, dem sie sich anvertrauen können.
Unterstützung auch für Lehrer
Aber nicht nur die Kinder werden geschult, sondern auch die Lehrer und die Mitarbeiter der Schule. Auch sie werden mit pädagogischem Begleitmaterial unterstützt und können sich an die Hotline wenden, wenn sie Hilfe brauchen, um weitere Schritte einzuleiten. Denn „leider ist sexueller Missbrauch kein Thema in der Lehrerausbildung“, wie Bohrmann bedauert. Deshalb sei es auch wichtig den Pädagogen Hilfe anzubieten, um mit betroffenen Kindern richtig umgehen zu können. Auch aus diesem Grund wundert sich Bohrmann, dass in Neustadt und Umgebung nicht mehr Schulen an dem Programm teilnehmen. „Eine einzige Schule“ in Neustadt sei im Kontaktpool des Theaters und lade das Präventionstheater regelmäßig ein. Deshalb habe sie auf eigene Initiative in den letzten Wochen Informationsmaterial an die Grundschulen geschickt.
Info und Kontakt
www.tpwerkstatt.de/programme, kontakt@tpwerkstatt.de, Telefon: 0541 5805463-0