Neustadt
Tage des Möbelhauses sind gezählt
Die beiden Söhne von Norbert Birke haben andere Berufe als er ergriffen. Sie sind Goldschmied und Informatiker. „Gott sei Dank“, sagt der Vater. „Wenn ich mir die Möbellandschaft in 40 Jahren vorstelle, dann hätte ein Geschäft dieser Größe keine Chance mehr am Markt.“
Sein Vater Heinrich gründete das Unternehmen 1960 in der Hindenburgstraße 70. Er kam als Möbelverkäufer aus Berlin. Dort waren die zunehmenden Einschränkungen durch den Mauerbau für ihn der Grund, nach Neustadt umzusiedeln. Als 1976 in der Chemnitzer Straße 10 die Räume einer Papiergroßhandlung frei wurden, kaufte Heinrich Birke die Immobilie. Damit erfüllte er sich den Wunsch, sich zu vergrößern. Die Anlieferungswege in der engen Hindenburgstraße und der wachsende Umsatz waren die Gründe für die Erweiterung auf rund 1500 Quadratmeter Verkaufsfläche. Bis heute ist das Möbelhaus an diesem Standort geblieben.
Zwischen Discounter und Designer
Für Norbert Birke war damals klar, dass er die Geschäftsführung von seinem Vater übernehmen wird. Nach seiner Ausbildung zum Großhandelskaufmann stieg er bereits mit 18 Jahren in die Leitung ein. „Unser Sortiment liegt zwischen Möbeldiscounter und Designer-Möbel“, beschreibt er sein Angebot. So seien den Kunden die Ausstellungsstücke als Anschauungsmaterial vorgestellt worden, diese hätten dann passgenau ihre Einrichtungsstücke bestellt.
Doch Birke klagt über inzwischen mangelnde Qualität bei den Lieferungen. „Wenn früher 20 Prozent wegen Mängeln zurückgehen mussten, sind es heute 80 Prozent, bei denen etwas nicht in Ordnung ist“, betont er. Der Trend in der Branche gehe langfristig zu großen Möbelhäusern. Die Kunden seien dann aber von den Ausstellungsstücken mengenmäßig überwältigt. „Wir haben unsere Kunden bei der Hand genommen und sie nach ihren Wünschen gefragt, um ihnen passende Vorschläge zu machen“, erzählt der 61-jährige Inhaber.
Seit 25 Jahren keine Reise
Wie lange der Verkauf in den jetzigen Räumen noch läuft, steht noch nicht genau fest. „Solange noch Möbel da sind, ist das Geschäft offen“, sagt Birke. Während seines gesamten Geschäftslebens habe er noch nie mit Rabatten geworben. Jetzt sei die Situation jedoch eine andere. Denn er hat bereits einen Käufer für die Immobilie, also muss alles raus. Haus und Gelände werden von einem Logistik-Unternehmen übernommen. Der Übergang an den neuen Eigentümer erfolgt schrittweise. So verringert Birke den Verkaufsraum, und der Nachfolger kann bereits mit einem Teil der Umbauten beginnen.
„Aber ich bin mir bewusst, dass der Verlust eines weiteren Facheinzelhändlers nicht gut für Neustadt ist. Doch was sollte ich machen, altersbedingt ist jetzt der richtige Zeitpunkt“, so Birke. Mit den Auswirkungen des Corona-Lockdowns hat seine Entscheidung nichts zu tun. Vielmehr habe er schon lange über eine Veränderung nachgedacht. Er habe mit seiner Frau seit über 25 Jahren keine Urlaubsreise unternommen. Die jeweils größte zusammenhängende Freizeitphase sei immer über die Weihnachtsfeiertage gewesen.
Seine fünf Angestellten sind mittlerweile im Ruhestandsalter und beantragen nach dem Ende des Räumungsverkaufs ihre Rente. Seinen eigenen Ruhestand lässt er auf sich zukommen, „ich falle schon nicht in ein Loch“, sagt er und schmunzelt.