Neustadt Tag der Kulturvereine lässt Besucher staunen

Zeigt „Brenn-Art“: Emil Walker vom Kunstverein.
Zeigt »Brenn-Art«: Emil Walker vom Kunstverein.

Ein etwas anderes Straßenfest hat die Stadt Neustadt am Samstag organisiert: Beim Tag der Kulturvereine in der Altstadt gibt es allerlei anregende Begegnungen. Ein Rundgang voller Tanz, Kunst, Musik und kulinarischer Überraschungen.

Vielleicht war es von der Stadt Neustadt etwas riskant, den von ihr geförderten Tag der Kulturvereine in den unbeständigen Oktober zu legen. Aber frei nach dem Motto, dem Mutigen winkt das Glück, ermöglichte strahlender Sonnenschein eindrucksvolle Aufführungen, Mitmachaktionen und Informationsangebote.

In der Lautergasse tanzt das junge Funkenmariechen vom Karnevalsverein 1840 beschwingt. Die Begeisterung des Mädchens und die ausgelassene Stimmung der erstaunlich vielen jugendlichen Mitglieder springen über. „Wir haben vier Kinder- und Jugend- und eine erwachsene Tanzgruppe“, berichtet Sandra Kessler, die selbst den Showtanz ab 16 Jahren betreut.

Holzkunst und Historisches

Nebenan fertigt Kunstlehrer Emil Walker vom Kunstverein mit Heißluft-Branding-Technik ein eindrucksvolles Porträt auf Holz an. Zum Nachahmen erscheint das allerdings schwierig, Walker ist doch in jeder Hinsicht ein Meister seines Faches. Direkt daneben verschenken Wolfgang Glass und Frank Armbruster vom Kunstverein gut gelaunt Bildbände an Interessierte, wie auch der Verein der Weinfreunde Lachen-Speyerdorf zur Feier des Tages kostenlos beste Weine anbietet.

Lina Miszori vom Förderverein des Stadtmuseums versetzt Passanten ins Jahr 1689.
Lina Miszori vom Förderverein des Stadtmuseums versetzt Passanten ins Jahr 1689.

Mit einer tollen Performance beweist der Förderverein des Stadtmuseums Villa Böhm, der regelmäßig historische Vorträge veranstaltet, dass Geschichte durchaus erfrischend daherkommen kann. Dazu schlüpft die schauspielbegeisterte Lina Miszori unbekümmert und sehr überzeugend in die Rolle der Kunigunde Barbara Kirchner. Kenntnisreich und lebendig versetzt die junge Frau mit spontanen Schauspiel Passanten in das Jahr 1689, als Kunigunde der Legende nach die Stadt gerettet haben soll.

Trachten und Elektronik

Begleitet vom Akkordeonspiel zeigt sich nebenan die Neustadter Trachtengruppe. „Bei uns steht Gemeinsamkeit im Vordergrund wie bei der diesjährigen Fahrt nach Lindau am Bodensee“, sagt die stellvertretende Vorsitzende Diana Melzer, gleichzeitig bewahren die Akteure jahrhundertaltes Volksbrauchtum, das sonst sicherlich verloren gehen würde.

Bewahrt Traditionen: die Neustadter Trachtengruppe.
Bewahrt Traditionen: die Neustadter Trachtengruppe.

Am Kriegerdenkmal zeigen sich Tim Kosack, Jochen Harms und Roderick Haas vom neuen Verein SoCu guter Dinge, nach der Umbauphase der Diskothek Suite im nächsten Jahr dort wieder Veranstaltungen anbieten zu können. Denn so vielfältig das Kulturangebot vor Ort ist, gibt es doch Lücken. Vielleicht lockt der SoCu ja sogar mal eine Punk- oder Metalband in die Stadt?

Eine trinkfreudige Reblaus

Im Innenhof des Rathauses stellt sich der mit der Jugendphilharmonie zusammenarbeitende Völkerverständigung -und Kulturförderverein Selino vor. Hier ist der Name Programm, denn im Verein lernen sich überwiegend, aber nicht nur, ursprünglich russisch sprechende Jugendliche als Individuen kennen und schätzen – die beste Basis gegen Hass und Vorurteile.

Stefan Keller vom Offenen Kanal zeigt Interessierten einen modernen TV-Übertragungswagen und Equipment, das eher Profi- als Hobbyfilmern zugerechnet werden muss. Der außer in Neustadt auch in Landau und Haßloch angesiedelte Verein bietet seit 1987 allen die Möglichkeit, eigene Filme zu drehen und zu veröffentlichen. Ebenfalls im Rathaushof beginnt Markus Dorner plötzlich eine sensationelle Puppenspiel-Adaption von Hans Moser. Es geht um eine Reblaus, die gar zu gerne Rotwein schlürft.

Puppenspiel, das begeistert: Das Puppenspieler-Ehepaar Dorner erzählt von einer Reblasu, dei gern Wein schlürft.
Puppenspiel, das begeistert: Das Puppenspieler-Ehepaar Dorner erzählt von einer Reblasu, dei gern Wein schlürft.

Das Puppenspiel-Ehepaar Dorner agiert vom natürlich auch vertretenen Mußbacher Herrenhof aus, der elf Sparten in sich vereinigt. Markus Lichti, der spätestens seit dem Neustadter Querfälltein-Festival von Mai 2016 als Koordinator in der Kulturszene nicht mehr wegzudenken ist, meint: „Eigentlich sind wir ein Bürgerkulturverein“ und hadert etwas mit dem aus dem Mittelalter stammenden Namen, der das aktuelle Geschehen vielleicht nicht ganz einfangen würde. Jedenfalls sei das ehrenamtliche Engagement riesig, sagt Lichti, das gelte natürlich auch für andere Neustadter Vereine wie den Kunstverein oder den THUK mit dem Hambacher Theater in der Kurve, die weit über die Region hinaus ausstrahlen.

„Himmlische Klänge“

Auch Letzteres ist mit einem liebevoll mit Requisiten ausgestatten Stand vor Ort. Andrea C. Baur und Heinz Kindler geben breitwillig Auskunft über die Freuden, aber auch Untiefen des Schauspielens, das ihr Verein regelmäßig in großer Vielfalt anbietet.

Das Konzert von Perpetuum Cantabile in der Stiftskirche ist gut besucht – und das abwechslungsreiche Programm des Chores begeistert. Mal gibt es ein Beatles-Stück, mal ein Lied über Robin Hood oder über einen Jäger. Immer zieht der Gesang die Zuhörer mitten hinein ins Geschehen, die schönen Stimmen sind so gut abgestimmt, da trifft die Bezeichnung „himmlische Klänge“ tatsächlich zu. Und „Viva la Vida“ von Coldplay ist einfach nur eine Wucht.

Straßenmusik und Schnupperkunst

Am Eingang in die Zwerchgasse erwartet die Besucher noch mehr Musik, darunter gefühlvoll gespielte Versionen von Metallicas „Nothing Else Matters“ und Led Zeppelins „Stairway To Heaven“, mit denen E-Gitarrist Richard Steinlechner und Bassist Fabian Egger viele Passanten anlocken. Kein Wunder, die jungen Männer machen häufiger Straßenmusik, gleichzeitig haben die beiden als Hälfte der Rockband Rock 4 bereits mehrere Auftritte hinter und angesichts der gekonnten Interpretationen wohl noch sehr viel mehr vor sich.

Währenddessen probieren im lichtdurchfluteten Atelier von Alena Steinlechner mehrere Mütter mit ihren Kindern das Zeichnen aus, alle Schnupperkünstlerinnen wirken wie in einer wunderbaren Parallelwelt versunken, nur manchmal wenden sie sich mit Fragen an die Künstlerin. Diese fungiert als herzliche Gastgeberin zwischen ihren hier ausgestellten Bildern, mit denen ihr das eigentlich fast Unmögliche gelingt, Bewegungen intensiv auf Leinwand einzufangen.

Bewegt ist das Geschehen auch insgesamt, dazu tragen die insgesamt 17 Vereine genauso bei wie der Wochenmarkt und die freudige Stimmung einer im Rathaus stattfinden Hochzeit. Deutlich wird zudem: Viele Kulturschaffende sind über Vereinsgrenzen hinweg befreundet, es ist neben der Unterstützung durch die Stadt auch diese gegenseitige Hilfe, die ihnen ihre Aktivitäten ermöglicht.

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