Neustadt System des Miteinanders

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Neustadt wartet auf weitere Flüchtlinge. Größte Sorge ist wieder fehlender Wohnraum. Deshalb soll auch improvisiert werden – in Hallen oder mit mobilen Häusern. Am Samstag aber war erst mal Feiern angesagt – beim Dankeschön-Fest für alle Helfer.

„Allerdings, so war das“, ruft Eva Kamenetzky (80) und gibt damit Bürgermeister und Sozialdezernent Ingo Röthlingshöfer recht. Dass das einmal passieren könnte, hätte sich die Altvordere im Arbeitskreis Humanitäre Hilfe für Asylbewerber vermutlich nicht träumen lassen, als die Initiative sich vor Jahrzehnten in Neustadt gründete. Damals, so hat es Röthlingshöfer gerade beschrieben, sei die Situation zwischen den Hauptamtlichen der Verwaltung und den ehrenamtlich engagierten Neustadtern ein System des Gegeneinanders gewesen. Heute sei es eines des Miteinanders. Was darunter zu verstehen ist, wird am Samstag in der Kindertagesstätte Landwehrstraße deutlich. Dorthin hat die Sozialabteilung Menschen eingeladen, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe einsetzen. Es soll ein Dankeschön-Fest sein – und die Gelegenheit geben, sich kennenzulernen. Sabine Grabowsky zum Beispiel, Vorstandsmitglied des Arbeitskreises und vielen Helfern zwar vom Namen bekannt, aber nicht persönlich. Liebevoll hat das Kindergartenteam alles vorbereitet, das Wetter spielt mit, das kalt-warme Buffet ist ein Hingucker, die Neustadter Nachwuchssängerinnen Alina und Ally unterhalten mit Herz und über all dem schenkt Weinprinzessin Julia aus Duttweiler Secco aus.Er sei dankbar, dass sich so viele Menschen in Neustadt zugunsten der Flüchtlinge engagieren, sagt Röthlingshöfer. Er bezeichnet die aktuelle Situation als größte Herausforderung seit der Wiedervereinigung, die helfenden Hände als „größte Bürgerinitiative, die wir aktuell in Deutschland haben“. Sein Dank gilt aber auch dem toleranten Umgang miteinander. Denn vieles bei der jetzigen Arbeit sei neu, Fehler seien nicht zu vermeiden. Dann zitiert er Rosalia Michel vom Nachbarschaftsladen, den er als Erfolgsgeschichte beschreibt, auch wenn einige dem Projekt Asylbewerberheim in Haardt keine Chance geben wollten. In einem Rundfunkinterview habe Michel gesagt, dass die Ehrenamtlichen mit dieser Arbeit die Politik in allen Bereichen antreiben würden. „Das“, meint Röthlingshöfer, „ist richtig und gut so.“ Rund 380 Asylsuchende zählt Neustadt im Moment, gut doppelt so viele könnten es bis Ende des Jahres werden. Täglich wartet die Stadt auf den Ansturm, der mit dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland verbunden sein muss. Allein am vergangenen Wochenende sollten es 40.000 Menschen sein. Wie berichtet, drückt deshalb erneut vor allem die Wohnungsfrage. Diese Woche will die Verwaltung die Bevölkerung noch einmal aufrufen, privaten Wohnraum bereitzustellen. Zudem sollen Anfang Oktober zehn mobile Häuschen kommen und auf Plätzen aufgestellt werden, die über Infrastruktur wie Strom und Wasser verfügen. Wo genau, sagt Röthlingshöfer nicht, bis die Betroffenen informiert sind. Auch das soll diese Woche geschehen. Städtische Wohnungen sind belegt, weitere Projekte, wie die Gemeinschaftsunterkunft in der Landwehrstraße, erst 2016 verfügbar. Aber selbst wenn es noch Gebäude geben würde, wären diese nicht sofort verfügbar, wie die Leiterin der Fachabteilung Familie, Jugend und Soziales, Marion Walz, es beschreibt. Das größte Hindernis beim Umbau: der Brandschutz. Beispiel Gästehaus in Hambach: Morgen sollten dort die ersten Bewohner einziehen, dank einer etwas gelockerten Brandschutzauflage. Das aber wurde jetzt rückgängig gemacht, ein neuer Termin steht in den Sternen. Ähnlich die Lage beim Ausbau des Heims auf der Haardt. Die Krux ist, dass Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge beim Brandschutz als Sondereinrichtung eingestuft werden, ähnlich wie ein Krankenhaus oder Seniorenheim. Entsprechend streng sind die Vorschriften. Zwar haben Bund und Land versprochen, Hürden abzubauen, bislang aber ist nichts passiert. „Das nervt“, sagt Walz in aller Deutlichkeit. Weit mehr noch aber nerve, „dass wir nicht wissen, wohin mit den Menschen“. „Wir werden vorübergehend improvisieren müssen“, erklärt der Bürgermeister. Außer an „Homemobile“ denkt er an kurzzeitige Hallenbelegungen. Zudem prüft die Verwaltung, ob weitere Container am Markt sind. Die Hilfe der Ehrenamtlichen werde noch stärker gebraucht, so Röthlingshöfers Botschaft – „und wir werden noch mehr Helfer brauchen“. Um ein Anliegen der Verwaltung kümmern sich derweil Petra Reiser und Martina Müller direkt am Eingang: Jeder Gast wird gebeten, einen Fragebogen auszufüllen: Name, Adresse, wo man sich engagiert oder engagieren will, welche Ideen man hat. Damit sollen Strukturen aufgebaut, die Ehrenamtlichen mit der Verwaltung, aber auch untereinander vernetzt werden. Walz ist sich sicher: „2016 gibt es wieder ein solches Fest – mit noch mehr Beteiligten.“ (ahb)

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