Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Stimmen zum Dreyer-Abschied: Stolz aufs „Neustadter Mädchen“

2017: Stadtfest in Branchweiler. Malu Dreyer eröffnet mit großem Spaß eine Schatzsuche in einem Sandkasten.
2017: Stadtfest in Branchweiler. Malu Dreyer eröffnet mit großem Spaß eine Schatzsuche in einem Sandkasten.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat ihren Rückzug angekündigt. Das wurde in ihrer Heimatstadt ganz besonders intensiv verfolgt. Für die SPD-Politikerin gibt es sehr viel Lob und eine Einladung ans Käthe-Kollwitz-Gymnasium.

Die Neustadter SPD sei immer ein wenig stolz gewesen, dass es mit Malu Dreyer „ein Neustadter Mädchen“ in die Staatskanzlei geschafft habe, sagt Pascal Bender. Der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion will ihr ein „großes Dankeschön für ihr langjähriges Engagement“ mit auf den Weg geben. Bender hebt die empathische Art der 63-Jährigen hervor. Dreyer, die weiterhin familiäre Bindungen nach Neustadt hat, sei auch mit schwierigen Situationen konfrontiert gewesen, habe aber alle Aufgaben gemeistert.

Dreyer, die seit 2013 Regierungschefin ist, hat am Mittwoch verkündet, dass sie das Amt Mitte Juli aufgeben werde. Ihr gehe die Kraft aus, erklärte die gebürtige Neustadterin in Mainz. „Meine Akkus laden sich nicht mehr so schnell auf“, sagte die 63-Jährige, die an Multipler Sklerose erkrankt ist.

Dass Alexander Schweitzer nachfolgen soll, hält Bender für die richtige Entscheidung. Als Lokalpatriot freue es ihn, dass ein Pfälzer Ministerpräsident werde, sagt Bender, ergänzt aber, dass entscheidend sei, dass der bisherige Sozialminister auch das Zeug dazu habe. Schweitzer könne anpacken und die Leute mitnehmen. Der 50-Jährige habe zudem den nötigen Rückhalt in der Partei.

2018: Malu Dreyer bei der Eröffnung des Demokratiefestivals auf dem Hambacher Schloss, rechts neben ihr OB Weigel.
2018: Malu Dreyer bei der Eröffnung des Demokratiefestivals auf dem Hambacher Schloss, rechts neben ihr OB Weigel.

Den Zeitpunkt des Wechsels hält Bender für richtig. So könne sich Schweitzer einarbeiten und sich noch bekannter machen, damit er die 2026 anstehende Landtagswahl erfolgreich bestreiten könne.

„Ein gern gesehener Gast“ in Neustadt

Oberbürgermeister Marc Weigel (FWG) betont, dass er Dreyers „Leistung und hohen Krafteinsatz“ respektiere, da sie „dieses anstrengende Amt trotz Krankheit und heftiger Krisen in den vergangenen Jahren so zuverlässig und pflichtbewusst ausgefüllt“ habe. Mit Blick auf den „Wahlkalender“ sei der Zeitpunkt nicht überraschend: Der Rückzug habe jetzt passieren müssen oder gar nicht mehr in dieser Legislaturperiode. Er sei dennoch überrascht, da er bei verschiedenen Begegnungen mit Dreyer in diesem Jahr eher das Gefühl hatte, dass die Ministerpräsidentin weitermachen und noch einmal antreten könnte. Auch wenn er beim Thema kommunale Finanzausstattung sicher eine andere Meinung habe, so habe er „Frau Dreyer als freundliche und zugewandte Ministerpräsidentin erlebt“. Sie habe immer Interesse an ihrer Heimatstadt Neustadt gezeigt und „hatte auch für mich als OB ein offenes Ohr“. Er habe mit Blick auf die Landesgartenschau 2027 und den Rheinland-Pfalz-Tag 2025 eng mit Dreyer zusammengearbeitet: Bei beiden Veranstaltungen sei sie „ein gern gesehener Gast“, so Weigel. Er habe großes Verständnis für ihre Entscheidung und wünsche ihr „vor allem eine stabile Gesundheit, aber auch sonst persönlich alles Gute“.

„Phänomenales Gedächtnis“

Der Neustadter Nahverkehrsexperte Werner Schreiner war am Mittwoch direkt in Mainz, um Gespräche zu führen. Das SPD-Stadtratsmitglied hat eine lange Verbindung zu Malu Dreyer, schließlich ist er seit 1. Januar 2014 der Beauftragte der Ministerpräsidentin für grenzüberschreitende Zusammenarbeit. In diesem Ehrenamt habe er häufig mit Dreyer zu tun gehabt. „Nach einer so langen Zeit weiß man, auf wen man zählen kann“, betont Schreiner. Die Zusammenarbeit sei „persönlich bereichernd“ und von „Zuverlässigkeit“ geprägt gewesen. Besonders habe ihn Dreyers „phänomenales Gedächtnis“ beeindruckt. Dass sie nun aufhöre, „muss man so akzeptieren“. Schreiner: „Wer ein Amt ohne Wochenende ausübt und noch dazu mit dieser Krankheit hat jedes Recht zu sagen: Jetzt ist es genug.“ Nachfolger Alexander Schweitzer habe angekündigt, an den aktuellen Strukturen nichts zu ändern. Daher bleibe Schreiner Beauftragter. Er freue sich drauf und ergänzt: „Ich kenne ihn noch aus seinen Staatssekretärszeiten, da haben wir Verträge rund um die S-Bahn ausgehandelt. Ich werde also nicht fremdeln.“

2004: Malu Dreyer besucht die Neustadter Genossen – von links Wolfgang Ressmann, Gisela Brantl und Werner Schreiner.
2004: Malu Dreyer besucht die Neustadter Genossen – von links Wolfgang Ressmann, Gisela Brantl und Werner Schreiner.

Eine ganz besondere Beziehung zur scheidenden Ministerpräsidentin hat Stefan Vogt, Schulleiter des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums in Neustadt. Dort hat Malu Dreyer 1980 ihr Abitur gemacht. „Immer wieder gab es Anknüpfungspunkte und eine herzliche Verbundenheit“, sagt Vogt. Zuletzt habe Dreyer das „Käthe“ 2015 besucht: „Zu ihrem 35-jährigen Abiturjubiläum war sie zu Gast bei der Abiturzeugnisverleihung.“ Als Vogt 2020 die Schulleitung am „Käthe“ übernommen hat, „kamen Glückwünsche aus Mainz“. Umgekehrt erhalte Malu Dreyer zu Weihnachten und zu runden Geburtstagen Post von ihrer alten Schule. Vogt: „Sie ist unsere bekannteste Absolventin in der 188-jährigen Tradition des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums. Wir würden uns freuen, sie zum 45-jährigen oder 50-jährigen Abiturjubiläum wieder begrüßen zu dürfen.“

Claus Schick, SPD-Landtagsabgeordneter aus Lachen-Speyerdorf, hat Dreyers Entscheidung mit gemischten Gefühlen aufgenommen, wie er sagt. Einerseits halte er den Rückzug für sehr schade, weil „ich die Art, wie sie ihr Amt geführt hat, sehr bewundert habe“. Er habe selten jemanden erlebt, der so geradlinig gehandelt habe. Ihre Lebensleistung sei enorm. Andererseits habe er großes Verständnis dafür, dass sie sich den Belastungen als Ministerpräsidentin nicht mehr aussetze.

„Kann ein großer Ministerpräsident werden“

Zufrieden zeigt sich Schick mit der Regelung der Amtsnachfolge. Schweitzer sei „ein leidenschaftlicher Sozialdemokrat, ein absoluter Kümmerer, der eine Sprache spricht, die die Leute verstehen.“ Der Südpfälzer habe in verschiedenen Ämtern seine Kompetenz unter Beweis gestellt. „Er kann, man verzeihe den Wortwitz, ein großer Ministerpräsident werden“, sagt Schick mit Anspielung auf Schweitzers Körpergröße von 2,06 Meter.

Weniger euphorische Töne kommen erwartungsgemäß von der Opposition: Der Mußbacher CDU-Landtagsabgeordnete Dirk Herber drückt seinen Respekt aus, dass die Ministerpräsidentin erkenne, dass sie es gesundheitlich nicht mehr schaffe, dem Amt gerecht zu werden. Er wünsche ihr hier alles Gute. Für die CDU sei aber auch erkennbar, dass die Entscheidung in einem zeitlichen Zusammenhang zu den herben Verlusten der SPD bei den Kommunal- und den Europawahlen verkündet worden sei.

Dass Schweitzer nichts an der Zielrichtung der bisherigen Politik ändern wolle, zeige, dass die SPD nicht erkannt habe, dass „sie Politik an den Realitäten in unserem Land vorbei machen wird“. Dafür stehe dann auch ein Ministerpräsident Schweitzer.

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