Neustadt Steile Thesen

Fragen an Luther: Helmut Aßmann gibt in seinem szenischen Vortrag die Antworten.
Fragen an Luther: Helmut Aßmann gibt in seinem szenischen Vortrag die Antworten.

DEIDESHEIM. Heiteres, Lustiges, aber auch Nachdenkliches lieferten die „Luthersprüche“, die der Hannoveraner Oberkirchenrat Helmut Aßmann am Montag auf Einladung des „Freundeskreis der ehemaligen Synagoge“ in der Spitalkapelle in Deidesheim präsentierte. In der von Aßmann erdachten und gespielten Inszenierung erinnerte er immer wieder an das Revolutionäre im Gedankengut Luthers, sparte aber auch Schwieriges und Skurriles nicht aus.

Auf den Mund sind beziehungsweise waren weder Aßmann noch Luther gefallen. Der Abend spannte in Form eines fiktiven Interviews gleichsam einen Bogen von 1517 bis heute, wobei Luthers Aussagen aus Zitaten aus Schriften, Predigten und anderen Veröffentlichungen kompiliert und somit durchaus authentisch waren. Dazu stellte Aßmann Fragen, die sich uns heute aufdrängen, und es zeigte sich: Ob zu den Türken, Bauern oder Juden, Luther hatte zu allen Themen eine klare Haltung – manchmal mehr, als einem heute lieb ist. Witzig dagegen sein ambivalentes Denken zur Rolle der Frau: „Sie haben ja das Zölibat abgeschafft. Ganze Klöster haben nach diesem Vorbild gehandelt und ihren Laden dicht gemacht, wenn ich das mal so salopp ausdrücken darf. Kamen Sie mit dem Klosterleben in Sachen Enthaltsamkeit nicht zurecht?“, wurde Luther da aus heutiger Sicht gefragt. Zur Antwort setzte Aßmann dann die Mütze auf, stieg eine Stufe höher und sprach: „Wenn nicht mehr Werke geboren wären als die Keuschheit allein, hätten wir alle genug daran zu schaffen, so ein gefährlich und wütend Laster ist das. Denn es tobt in allen Gliedmaßen, im Herzen mit Gedanken, in den Augen mit dem Sehen, in den Ohren mit dem Hören, in dem Mund mit den Worten, in den Händen, Füßen und im ganzen Leib mit den Werken.“ Da kam schon der nächste Einwand aus heutiger Sicht: „Und die Ehe haut es nun heraus? Wenn ich mir so anschaue, was aus den Eheidealen ihrer Nachfolger geworden ist. Da ist kaum einer nicht geschieden, und da stand das Zölibat ja nun wirklich nicht im Wege.“ Da entgegnete Luther: „Ach Gott bewahre! Der Fall Adams hat unsere Natur verderbt, dass sie ganz unbeständig geworden sind. Denn es heißt: Hast Du mich genommen, so muss du mich behalten, es sei dir lieb und leid.“. Das sorgte für manches Schmunzeln unter den Zuhörern. „Wie stehen Sie überhaupt zum weiblichen Geschlecht?“ Da schien Luther ebenfalls mit seinen handfesten Sprüchen nicht auf den Mund gefallen sein. Aßmann trug gekonnt seine Texte vor, hatte zu jeder Situation die passende Gestik und Mimik parat, ohne dabei seine Begeisterung für den Reformator zu verleugnen. Da folgten schon die nächsten Sprüche: „Die größte Ehre, die das hat, allzumal, dass die Männer durch sie geboren werden, Weiber haben glatte Mäuler, wie die Heuchelprediger. Es ist kein Rock noch Kleid, das einer Frau oder Jungfrau übler ansteht, wenn sie klug sein will. Männer haben eine breite Brust und kleine Hüften, darum haben sie auch mehr Verstand als die Weiber, welche enge Brüste haben und breite Hüften und ein Gesäß, das sie sollen daheim bleiben, im Hause sitzen, haushalten, Kinder tragen und ziehen. Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben. Es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen“, überraschte Luther mit seinen steilen Thesen über das weibliche Geschlecht. Da schüttelten manche doch den Kopf. Auch bei seiner Antwort auf die Frage der Kindererziehung, dass neben dem Apfel die Rute liegen müsse, fand nicht gerade Zustimmung – und manches ließ einem fast das Blut in den Adern gefrieren. „Ein junger Mann ist wie Most, der lässt sich nicht halten, er muss gären. Wir essen und trinken uns zu Tode, schlafen, feisten und furzen uns zu Tode. Ja, wir haben feine gute Ursache, hochmütig zu sein! Und manchmal, so bestürzend es sich anhört, ist ein toter Sohn besser ein als ungehorsamer.“ Auch das ist Luther! Wie gut daher, dass man heute historisch-kritisch an solche Aussagen herangeht und sie nicht eins zu eins für bare Münze nimmt.

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