Neustadt
Stefan Schaupps wunderbar zu lesende „Pfälzische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert“
Das Buch des Königsbachers, im Hauptberuf Lehrer für Deutsch und Geschichte am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Neustadt, kommt nämlich kein bisschen trocken daher. Ganz im Gegenteil: Schon das Einstiegskapitel, das zwar den sperrigen Titel „Ein Herrscher inspiziert sein neues Land, das ,französisch’ ohne Franzosen sein möchte“ trägt, beginnt fast szenisch: mit der umjubelten Pfalzreise, bei der der bayerische König Max I. Joseph 1816 seiner neuen, linksrheinischen Provinz, die ihm nach dem Wiener Kongress zugefallen ist, erstmals einen Besuch abstattet.
Die „ganz alltägliche Handlungen“ im Blick
Auch im weiteren verbindet Schaupp immer wieder auf sehr gelungene Weise klug, präzise und eingängig formulierte Schilderungen der historischen Vorgänge und Verhältnisse mit dem Griff ins volle Menschenleben. Klar erkennbar (und auch im Vorwort dezidiert angeführt) ist der Grundsatz, nicht nur Jahreszahlen und „Haupt- und Staatsaktionen“ zu referieren, sondern im Sinne des großen französischen Historikers Fernand Braudel „ganz alltägliche Handlungen“ in den Blick zu nehmen. Konzipiert ist das Buch dabei als Überblickswerk für Menschen, die mit dem Thema noch nicht allzu vertraut sind – den Anspruch, neue Forschungsergebnisse zu liefern, erhebt es nicht. Aber sicher wird auch jemand, der bereits über vertieftere Kenntnisse der Pfälzer Geschichte verfügt, noch das ein oder andere überraschende Detail finden. Wer hat – zumindest in der Vorderpfalz – zum Beispiel auf dem Schirm, welche Blüten die Doppelmoral der Kaiserslauterer in der Nachkriegszeit im Bezug auf das Rotlichtviertel in der Steinstraße trieb, ungefilterten Rassismus inklusive, denn die Betreiber der Bars waren oft Überlebende des Holocaust aus Osteuropa und die US-Soldaten, die hier verkehrten, eben manchmal auch dunkelhäutig?
In seinem Aufbau arbeitet das im Verlag Regionalkultur erschienene Buch geschickt mit thematischen Längsschnitten – etwa zur Wirtschaft, zum Sport oder zur Entwicklung einer pfälzischen Identität –, chronologischen Kapiteln zu den einzelnen Epochen und Personenportraits, etwa zu Fritz Walter, dem Sänger Fritz Wunderlich, NS-Gauleiter Josef Bürckel oder Helmut Kohl. Es knüpft dabei an „Freiheitsbäume, Freiheitsträume“ an, den Überblicksband über die Pfälzer Geschichte von 1816 bis 1945, den Schaupp schon 2011 vorgelegt hat, schreibt diesen aber nun bis ins Jahr 2000 fort und liefert auch bei den früheren Epochen eine umfassende Überarbeitung, die neue Forschungsergebnisse, zum Beispiel zur nationalsozialistischen Herrschaft, mit einbezieht. Beibehalten wurden aber viele der Kapitelüberschriften.
Aus der Perspektive des Lesers betrachtet
Bei der Auswahl dessen, was er auf dem knappen Raum von 208 Seiten anreißt oder gar vertiefend beleuchtet, habe er immer versucht, sich in die Rolle der potentiellen Leser zu versetzen, sagt Schaupp im Gespräch. Regionalgeschichtsschreibung bezeichnet der 56-Jährige ganz bescheiden als sein „liebstes Hobby“, ein arges Understatement, wenn man betrachtet, wie professionell und nicht zuletzt auch didaktisch überzeugend er zu Werke geht. Man spürt die ganze Erfahrung, die sich der gebürtige Ludwigshafener unter anderem durch die Mitarbeit bei verschiedenen regionalhistorischen Materialsammlungen für den Unterricht erarbeitet hat, die in den vergangenen Jahre im Auftrag des Bezirksverbands Pfalz erschienen. Auch mehrere Bildbände zur Pfälzer Geschichte der Nachkriegszeit hat er schon veröffentlicht. Seine „Pfälzische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert“ zeichnet ebenfalls eine kluge, aber nie überbordende Bildauswahl aus. Die Begrenzung auf die Zeit von 1816 bis zur Jahrtausendwende erscheint sehr plausibel, denn vor 1816 kann zumindest im politischen Sinn noch nicht von der Pfalz die Rede sein, und auch das Jahr 2000 markiert einen guten Einschnitt.
Aus Siegern und Besatzern wurden Verbündete, Freunde
Das Schlusskapitel behandelt dabei unter der Überschrift „Vom Nato-Hauptquartier zum Truppenabzug“ das Militär. „Wer 1945 als Sieger und Besatzer gekommen war, ging in den Jahren nach 1990 als Verbündeter, wenn nicht sogar als Freund“, so das Schlusswort, dem sich freilich noch ein „Resümee und Ausblick“ anschließt. Dieses endet mit einer Reflexion über ein Zitat des Neustadter Landrats Hanns Haberer von 1946, der im Angesicht seiner in Trümmern liegenden Heimat und der Verbrechen der NS-Zeit von der Notwendigkeit sprach, die Pfalz zu einem Ort der Freiheit und der Demokratie zu machen. „Die Aufgabe wurde bewältigt und stellt sich doch immer wieder aufs Neue“, schreibt Schaupp. „Die Gegenwart lehrt uns, dass wir beide bewahren müssen, um auch in Zukunft zu bestehen.“ Wie wahr!
Lesezeichen
Stefan Schaupp: Pfälzische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Verlag Regionalkultur, Hardcover, 208 Seiten, 24,80 Euro.