Neustadt Stärken und Schwächen

Neustadt. Damit hatten nur die wenigsten gerechnet: Zu einer waschechten Swot-Analyse, wie sie vor allem in der strategischen Planung von Unternehmen zum Einsatz kommt, wurden am Dienstagabend die Teilnehmer des „1. Neustadter Kulturforums“ gebeten. Unter Leitung der selbständigen Unternehmensberaterin Karin Henneke mühten sich die etwa 130 Vertreter von Kulturvereinen und -initiativen also über drei Stunden lang, die Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats (Risiken) der Kultur in Neustadt zu bestimmen.
„Ich möchte heute Abend vor allem lernen“, hatte Kulturdezernent Ingo Röthlingshöfer zuvor in der Aula des Leibniz-Gymnasiums im Einführungstalk mit Henneke gesagt, und als Ziel ausgegeben, einen Rahmen für die Kulturentwicklung der nächsten fünf Jahre zu finden. Dabei gelte es auch, Veränderungen in der Gesellschaft, wie sie sich etwa aus demografischem Wandel und Migration ergäben, zu berücksichtigen und den Versuch zu unternehmen, auch Menschen für Kultur zu interessieren, die dieser bislang eher fern stünden. Besondere Bedeutung komme da der Jugendarbeit zu, so der Bürgermeister. Der Nachwuchsaspekt war dann auch einer der Punkte, der von den Teilnehmern bei der anstehenden Analyse besonders häufig bei den Schwächen und Risiken genannt wurden. Fehlende Kommunikation und Koordination, zu hohe Kosten für Werbung und Veranstaltungsräume, mangelnde Einbindung der Ortsteile, zu wenig Innovationsfreude und Bereitschaft für Großveranstaltungen sowie Kritik an der altertümlichen Homepage der Stadt waren neben Anmerkungen zu den Finanzen weitere Gedanken, die – verewigt auf vielen bunten Merkzetteln – in der „Schwächen“-Ecke recht schnell zwei ganze Stellwände füllten. Aber auch prinzipielle Kritik kam zur Sprache: „Kultur wird zu sehr als nettes, kostenloses Beiwerk betrachtet“, schrieb eine Neustadter Künstlerin. Zwischen Schwächen und Risiken gab es naturgemäß viele Überschneidungen: Ein eventuell drohender Rückzug der Stadt aus der Kultur, Überstrapazierung der Ehrenamtlichen, Überalterung in den Vereinen, aber auch Selbstüberschätzung und Neustadter Nabelschau wurden hier genannt. Bei den Stärken wurden die Vielfalt der Angebote und der Locations, die kurzen Wege, das große Engagement der Ehrenamtlichen und die bereits geknüpften Kooperationen hervorgehoben. In der „Chancen“-Ecke schließlich waren unter anderem die Erschließung neuer Zielgruppen, die Ausstrahlung in die Region und das „Neustadter Kulturfest“ als Muster für Künftiges zu lesen. In einem zweiten Schritt fanden sich die Teilnehmer danach aufgerufen, kurz-, mittel- und langfristige Pläne und Vorschläge einzubringen. Verbesserungen bei der Nutzung des Internets und der sozialen Netzwerke, ein Festival der E-Musik, ein gemeinsames Fest mit den Partnerstädten, die Einsetzung eines Kulturkoordinators als Ansprechpartner für Organisatorisches und ein Abholservice für ältere „Kulturnutzer“ waren hier einige der Beiträge aus dem mittlerweile allerdings schon deutlich geschrumpften Plenum. In der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass viele der Anwesenden offenkundig wenig mit den Verwaltungsstrukturen der Stadt – etwa den Ansprechpartnern im Kulturamt – vertraut sind. Röthlingshöfer nannte daher „Mehr Transparenz schaffen“ als eine der wichtigsten Anregungen, die er aus dem Abend mitnehme. Der Ausbau der Angebote für Kinder und Jugendliche war ein weiteres allgemeines Ziel, das er formulierte. Konkreter wurde er, als er zwei alte Vorschläge Gustav-Adolf Bährs, des Vorsitzenden der Fördergemeinschaft Herrenhof aufgriff: Demnach könnte es 2016 eine Neustadter Kinder-Documenta geben und 2017 eine Neuauflage des „Festivals der Heiterkeit“ aus den 90er Jahren. Zu beiden Themen sollen nach den Osterferien Arbeitsgruppen gebildet werden. „Wir beginnen, Kulturarbeit neu zu entdecken“, lautete Röthlingshöfers Resümee des Abends. (hpö)