Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Sommerinterview mit Marc Dressler vom Weincampus: „Wein braucht eine Story“

Marc Dressler an einem seiner Neustadter Lieblingsorte: dem Café der Kaffeerösterei Blank Roast in der Mußbacher Landstraße.
Marc Dressler an einem seiner Neustadter Lieblingsorte: dem Café der Kaffeerösterei Blank Roast in der Mußbacher Landstraße.

Ein lockeres Gespräch in entspannter Atmosphäre. Dazu haben wir uns wieder Interviewpartner für die Ferienzeit gesucht. So wie Professor Marc Dressler, einer der Antreiber am Mußbacher Weincampus.

Sie haben Betriebswirtschaftslehre studiert, waren viele Jahre Unternehmensberater. Nach einem klassischen Weinexperten sieht ihre Biografie eher weniger aus?
Ich bin aber immerhin im Rheingau aufgewachsen. Da kann man dem Wein schlecht entkommen.

In welcher Form?
Ich habe in Geisenheim das Gymnasium besucht. Eine Zeit, in der junge Menschen Geld verdienen wollen, wenn sie sich mit 15 ein Leichtkraftrad wünschen. Diese Jobs gibt es vor allem bei der Weinlese. Aber auch danach im Ausschank und bei Weinproben. Das war nicht schlecht bezahlt und hat Spaß gemacht. Aber die Welt der Finanzen hat mich damals auch begeistert. Daher dann die Lehre bei der Deutschen Bank in Wiesbaden.

Betriebswirtschaftslehre haben Sie dann in Nürnberg studiert?
Das hatte ich der ZVS zu verdanken. Das Kürzel stand für Zentrale Vergabestelle für Studienplätze. Nürnberg ist sicherlich keine klassische Studentenstadt, aber fachlich habe ich mich dort sehr wohlgefühlt. Deshalb habe ich ja auch im Anschluss den MBA-Abschluss und die Promotion angestrebt. Dafür dann an zwei wunderschönen Orten.

Wo denn?
In Vermont im Osten der USA, eingebettet in die Green Mountains und den herrlichen Lake Champlain, das waren zwei wunderbare Jahre. Schon in den USA und dann auch bei der Promotion in Wien konnte ich über eine Assistentenstelle Geld verdienen und die ersten Schritte in der Wissenschaft realisieren. Ich liebe Musik und vor allem den Jazz. Da ist Wien ein genialer Wohnort. Drei Jahre haben wir dort verbracht, ehe es mich in die Wirtschaft gezogen hat.

In welchen Bereich?
Unternehmensberatung. Der Klassiker. Ganz viel gereist, weltweit unterwegs für ein französisches Unternehmen. Zu den Kunden gehörten Fluggesellschaften, Banken, Chemie-Firmen aber auch Krankenhäuser. Wohnort der Familie war mal Frankfurt, dann Köln und Berlin. Ein Flughafen musste eben in der Nähe sein. Sehr frühzeitig habe ich mich als Berater mit einem Partner selbstständig gemacht.

Jetzt sind wir aber noch weit weg von der Hochschule und vor allem von dem Wein?
Beides war immer im Kopf. Wir haben zum Beispiel eine Strategieberatung für einen australischen Brauereikonzern vorgenommen, der einen globalen Einstieg in die Weinwelt überlegt hat und dann auch realisierte. Ich durfte Luxusgüterhersteller ebenso wie französische Finanzinstitute bei Ihren Strategien zum Kauf von Premiumweingütern beraten. Aber auch kleinere Getränkeanbieter waren im Portfolio, zum Beispiel die Restrukturierung eines Apfelweinherstellers.

Und die Hochschule?
Ich hatte während der Unternehmertätigkeit permanent Anschluss an internationale Hochschulen und war als Dozent willkommen und in Forschungsprojekte integriert. Wenn sie 15 Jahre als Berater unterwegs sind und eine Familie mit zwei Söhnen haben, dann entsteht irgendwann das Bedürfnis, ein zu Hause zu finden. Das haben wir im Rheingau gefunden. Dass an der Hochschule in Geisenheim eine Dozentenvertretung zu besetzen war, kam als glücklicher Zufall hinzu.

Der Sie dann später in die Pfalz führte?
Ich habe in Geisenheim schnell gemerkt, dass mein Wissen über Unternehmensführung und Marketing gefragt ist. Das Angebot von Neustadt kam dann 2010. Mir hat die Pionieratmosphäre in Mußbach von Beginn an gefallen, die kurzen Wege, die offenen Türen. Sprechstunden gibt es bei uns nur in der Theorie. Studierende schauen einfach vorbei.

Wie war ihr erster Eindruck vor Ort?
Na ja, einen Campus stellt man sich vielleicht anders vor. So prickelnd war das nicht. Aber daran arbeiten wir ja. Mir waren da andere Dinge wichtig. Ich bin ein Fan der dualen Ausbildung. Und ich glaube, in dem Bereich konnten wir ganz schnell am Weincampus Akzente setzen.

Und der erste Eindruck von der Pfalz?
Mein Großvater hatte ein Ferienhaus bei Kirchheimbolanden. Da habe ich als Kind oft die Ferien verbracht. So gesehen war mir die Sprache nicht unbekannt. Klar war aber immer, dass wir in Eltville wohnen bleiben. Ich habe eine kleine Wohnung in Neustadt und bin am Wochenende im Rheingau.

Erst der Bachelor mit mittlerweile 200 Studierenden, dann der englischsprachige Master of Business, nun die Kooperation mit der französischen Hochschule in Colmar. Was ist das Erfolgsrezept am Weincampus?
Wir sind ein Team von Experten, aus den unterschiedlichsten Bereichen, die sich gegenseitig befruchten. Da ist ein Drive und eine Motivation zu spüren, die die Basis dieser Entwicklung ist. Der Reiz, da mitgestalten zu dürfen, macht viel aus. Bei mir kommt noch dazu, dass ich es als Berater gelernt habe, mich ganz schnell in fremde Fachbereiche einzuarbeiten. Das nützt mir sehr bei meiner Aufgabe hier.

Wo sehen Sie die weiteren Entwicklungsschritte?
Wir haben sicherlich bei der Infrastruktur noch Nachholbedarf. Stichwort Campus-Feeling. Unser Anbau am DLR war ein Schritt in die richtige Richtung. Technologisch geht es natürlich in Richtung Digitalisierung. Wir brauchen ein Gründerzentrum, müssen jungen Menschen, die wir ausbilden, auch die Chance geben, sich im Umfeld selbstständig zu machen. Davon könnten die Branche und die Region profitieren. Nur noch 30 Prozent der Studierenden kommen aus einem elterlichen Weingut.

Gibt es so etwas schon?
Ja schauen Sie mal nach Geisenheim, was dort gerade entsteht. Übrigens mit Unterstützung der Stadt. Sie können aber sicher sein, dass wir schon seit längerem aktiv sind. Wir haben erste Schritte zu einer Smart Winery gemacht und sehr motivierte Praxispartner gewonnen. Zudem erfahren wir im Ministerium Aufmerksamkeit und Unterstützung bei der Realisation von praxisorientierter Technologieforschung und beim Innovationsmanagement. Gerade starten mehrere Forschungsprojekte zur Digitalisierung. Alle diese Aktivitäten verzahnen wir und wollen eine moderne Infrastruktur zur Realisation von Start-ups bieten. Junge Menschen werden wir bei Ihren Schritten ins Unternehmertum aktiv unterstützen. Sowohl die weinbauliche Kompetenz als auch die nun schon häufig zitierte Erfahrung in der Beratung bei strategischen Projekten und deren Umsetzung soll jungen Unternehmern zu Gute kommen.

Wo sehen sie in Neustadt denn fachübergreifendes Wachstumspotenzial?
Vom Wein ist es nicht weit zum Tourismus. Der Gartenbau ist am DLR bereits verankert. Auch dort ließe sich eine betriebswirtschaftliche Komponente einbauen. Und es gibt neben dem Wein auch noch andere Lifestyle-Produkte, die wissenschaftlich unterlegt werden können. Wir sitzen hier gerade in einer Kaffee-Rösterei. Kaffee hat als Genussmittel ungeahntes Potenzial, das bislang so gut wie nicht von Hochschulen begleitet wird. In der Schweiz gibt es dazu bereits erste Ansätze.

Werden auch Betriebswirtschaftslehre und Marketing zu sehr vernachlässigt?
Wenn ich Ihnen zehn Flaschen Wein auf den Tisch stelle, lässt sich trefflich darüber streiten, welcher der Beste ist. Wein braucht eine Story, wenn er erfolgreich vermarktet werden soll. Erfolgreiche Unternehmer müssen das Unternehmen strategisch richtig aufstellen und dann auch führen. Da sehe ich viele beeindruckende Vorreiter, aber oftmals auch noch Nachholbedarf. Es ist unsere Aufgabe, die Winzerbetriebe hierbei zu unterstützen.

Und welche Trends machen Sie als Marketing-Spezialist aus?
Die steigende Nachfrage nach Bio-Produkten ist nur der Anfang. Globale Herausforderungen wie Klimawandel, Rohstoffknappheit, Gesundheitsbewusstsein und wachsende Weltbevölkerung rücken die Nachhaltigkeit immer mehr in den Vordergrund. Nachhaltigkeitsmanagement ist komplex, und da können wir Orientierung geben. Ebenso steigt die Bedeutung von vertrieblicher Kompetenz. Hierzu haben wir mit dem MBA ja ein maßgeschneidertes und höchst innovatives Programm zur Fortbildung entwickelt.

Das Sommerinterview schließt mit einer Frage, die der Gesprächspartner dem Journalisten stellen darf?
Wie sehen Sie denn die Rolle des Weincampus in der Stadt?

Man ist bemüht, aber mir fehlen die konkreten Umsetzungsschritte. Da sehe ich noch deutlich Luft nach oben. Ein Gründerzentrum wäre ideal. Schauen Sie, wie Landau und Speyer von der Entwicklung der Hochschulen profitiert haben. In Zweibrücken ist es ähnlich gewesen.

Zur Person

Der 53-jährige Marc Dressler kommt aus Walluf im Rheingau, war über rund 15 Jahren als Unternehmensberater weltweit unterwegs und ist seit 2010 Professor der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. In dieser Funktion hat er den Studiengang „Weinbau und Önologie“ am Weincampus als Leiter aufgebaut. Seit 2015 ist er für den MBA-Studiengang „Wine, Sustainability & Sales“ verantwortlich.

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