Neustadt
So funktioniert das System hinter dem Secondhandladen
Der Secondhandladen „SecondPlus“ liegt etwas versteckt in der Landauer Straße. Wer den Weg dorthin findet, den erwarten Kleider, Schuhe, Koffer, alles geordnet auf Bügeln hängend oder in Regalen liegend. Haushaltskittel, wie die Jüngeren vielleicht noch von ihrer Großmutter kennen, oder auch Armeebekleidung: Sie sind genauso zu finden wie Alltagsklamotten, nach Größen sortiert. Eine schick angezogene Frau stöbert dort zwischen den Kleiderständern. Seit 20 Jahren kauft sie ausschließlich aus zweiter Hand ein, besucht auch öfter Flohmärkte. „Ich kaufe alles gebraucht, außer Unterwäsche und Schuhe, das macht mehr Spaß“, erzählt sie. Etwa fünf Mal im Jahr besuche sie den Neustadter Laden. Eine Aushilfe berichtet, dass viele Menschen kommen, um Geld zu sparen und weil sie es schätzen, dass Klamotten nicht weggeworfen werden. Gerade bei jüngeren Menschen sei der Nachhaltigkeitsgedanke im Vordergrund – aber auch bei vielen älteren.
Zentrale in Germersheim
14 Filialen in Rheinland-Pfalz und im Badischen gehören zur SecondPlus GmbH, dessen Zentrale in Germersheim sitzt. Die Läden brummen. Das hat mitunter auch damit zu tun, dass viele Verbraucher umdenken. Während die einen gleich auf nachhaltig produzierte Ware setzen, wählen andere den Weg, bereits getragene Kleidung für kleines Geld zu kaufen. Was dahingehend Ressourcen schont, da das Kleidungsstück Herstellung und Transport ja schon einmal hinter sich hat. Darüber hinaus wird zunächst textiler Abfall reduziert, der „ansonsten in der Verbrennung gelandet wäre“, wie SecondPlus-Geschäftsführer Michael Mischon mitteilt.
An Nachschub mangelt es laut Mischon nicht. Kein Wunder, hat doch nahezu jeder Kleidung im Schrank, die ein Fehlkauf war oder die er nicht mehr mag. Oder Klamotten, die ihm nicht mehr passen. Sie über einen Secondhandladen oder über Kleiderbörsen im Internet loszuwerden, ist eine Möglichkeit, einen kleinen Obolus zu verdienen. Im besten Fall macht man jemand anderem eine Freude, der sich das Kleidungsstück neu vielleicht nicht hätte leisten können.
Auch Retouren aus Onlineshops
SecondPlus aber bezieht die gebrauchte Kleidung nicht direkt von Privatleuten, sondern laut Mischon von zertifizierten Textilrecyclingunternehmen, die die Textilien „hauptsächlich aus Überhang von karitativen oder städtischen Sammlungen gegen Vergütung erhalten“. Mit der Vergütung könnten zum Beispiel karitative Unternehmen Projekte finanzieren. Eine weitere Quelle ist laut Mischon die Retourenware aus Onlineshops.
In den Textilrecyclingunternehmen werden die Kleider sortiert. „Die beste Qualität wird eingekauft“, sagt Mischon. Dann werde die Ware noch einmal überprüft, mit Preisen versehen, nach Größen und Kategorien eingeteilt und an die Läden verteilt – so, dass „ungefähr die gleiche Menge von jeder Kategorie vorhanden ist“.
Eigene Designerinnen
Auf ihrer Webseite wirbt die Firma mit einem wöchentlich wechselnden Sortiment. Tauschen die 14 Läden etwa die nicht verkauften Klamotten untereinander aus? Nach Angaben des Geschäftsführers wird ein Großteil der Kleidung verkauft. Kleidung, die jedoch schon länger hängt, werde vom Verkaufspersonal aussortiert und zurück in die Zentrale geschickt. Die wiederum gebe die Klamotten an die Textilrecyclingfirmen zurück. Die Firmen verkaufen die Ware an Märkte, die auch geringere Qualitäten wiederverwenden, berichtet Mischon. „Neue“ Ware wird einsortiert.
Besonders stolz ist Mischon auf die Upcycling-Abteilung, mit der „wir noch einmal eine Stufe Nachhaltigen obendrauf setzen“. Defekte oder verschmutzte Kleidung, die eigentlich im Müll oder als Putzlappen geendet wäre, wird kurzerhand in etwas Neues verwandelt: „Unsere Designerinnen entfernen die Fehler durch kreative Designs und machen die Kleidung somit wieder tragbar.“ Die zwei Modedesignerinnen haben laut Mischon an der Modeschule in Mannheim gelernt. Sie liefern den vier Näherinnen, die in einer unternehmenseigenen kleinen Modewerkstatt in Germersheim angestellt sind, Ideen, wie die alten Kleider „aufgemotzt“ werden können. „Die Kleidung ist mehrheitlich im Vintage-Stil, das Angebot kommt deshalb vor allem bei jüngerem Publikum sehr gut an“, sagt Mischon. Unter www.vintagespirit.shop können die Einzelstücke auch online bestellt werden.
Zahlen brachen ein
Corona hat auch im Secondhandgeschäft seine Spuren hinterlassen. Vor der Pandemie lagen die Kundenzahlen in Neustadt pro Jahr im mittleren fünfstelligen Bereich, von denen viele Stammkunden waren. Etwa 100.000 Artikel gingen im Schnitt über die Ladentheke. 2020 dann brachen die Zahlen jeweils um etwa 33 Prozent ein, so der Geschäftsführer. Stattdessen haben Onlinehändler das große Los gezogen.