Neustadt
Sind wir doch alle irgendwie Rassisten? Die Schriftstellerin Yandé Seck kommt mit ihrem Roman „Weiße Wolken“ zum Literarischen Forum
Um es gleich vorweg zu nehmen: Yandé Secks Roman ist kein einfaches Buch, das man mal eben so in einem Rutsch liest. Das hat einerseits mit dem Thema zu tun, denn es geht ganz wesentlich darum, wie „People of Color“, Menschen also, die keine ganz so rosa Hautfarbe wie die Angehörigen der deutschen Mehrheitsgesellschaft haben, dieses Land erleben, Rassismus und, da es sich um Frauen handelt, Sexismus inklusive. Zum anderen ist die innere Struktur nicht eben leichtgängig: Es gibt ständige Perspektivwechsel und ein so großes Personal- und Thementableau, dass man leicht den Überblick verliert. Im Grunde versteht man erst ganz zum Schluss, worauf es hinausläuft – aber das ist im Leben ja oft genauso.
Eine nicht ganz einfache familiäre Konstellation
Die beiden Protagonistinnen sind Dieynaba, genannt Dieo, und Zazie, Töchter einer deutschen Über-Mutter und eines eigenwilligen Nietzsche-Fans, der vor 40 Jahren aus dem Senegal nach Deutschland kam, von der Mutter seiner Kinder aber ziemlich auf Distanz gehalten wurde – nur ein Element einer auch sonst nicht ganz einfachen Familienkonstellation, die insbesondere bei Dieo, einer angehenden Psychoanalytikerin, einige Traumata hinterlassen hat: So überrascht es nicht, dass sie auch selbst viermal die Woche Platz auf der Couch eines Kollegen nimmt.
Mit ihrer Identität und ihrer Rolle in der Gesellschaft hadern beide Schwestern: Dieo, die Ältere, die mit ihrem Mann Simon und drei Söhnen im angesagten Frankfurter Nordend lebt, fühlt sich überlastet durch die Care-Arbeit in der Familie und dem „Sisyphos’schen Zusammensuchen von Socken, Brotboxen und Turnbeutelinhalten“. Zazie, die gerade ihren Masterabschluss gemacht hat und in einem Offenbacher Jugendzentrum arbeitet, sieht sich dagegen als Rebellin gegen „das System“. Sie sei „auf der Suche nach einem Style, der unapologetically African, lässig und zeitgemäß war“, einem, der „verriet, dass sie mit der Gesamtsituation der Welt unzufrieden war und trotzdem in Clubs reinkommen wollte“, wie es gleich zu Beginn heißt, womit dann auch schon der sprachliche Stil des Buchs gut charakterisiert wäre.
Vom Aufbau her besteht der Roman aus 44 jeweils recht kurzen, szenenhaften Kapiteln, die zu Beginn fast ein wenig zu locker dahinplätschern. Neben Dieo und Zazie kommt dabei als dritter Akteur, aus dessen Perspektive erzählt wird, noch Dieos Ehemann Simon hinzu, weiß, mittelalt, der als gutbezahlter Angestellter eines Finanz-Startups, alles verkörpert, was Zazie hasst – und trotzdem ihr wichtigster Vertrauter in allen Lebenslagen ist, besonders den kritischen, und von denen gibt es viele.
Die Spuren, die die Identität bei uns hinterlässt
Um dieses Trio herum entfaltet der Roman ein ganzes Panoptikum an gesellschaftlichen Typen, darunter eine schwer zu überblickende Verwandtschaft, die bis zur über 90-jährigen Großmutter Rose reicht, einer Schlesierin von ziemlich zupackender Direktheit. Zu verstehen, was der Roman will, macht diese bunte Vielfalt nicht unbedingt leichter - aber vielleicht ist ja auch genau dies das Ziel. Es steckt jedenfalls jede Menge drin an gesellschaftspolitischen Diskursen, wobei allerdings das Problem der Zugehörigkeit als Mensch mit dunklerer Hautfarbe zweifelsfrei den Kern bildet. Darauf weist auch der Titel hin: Weiße Wolken sind die kleinen weißen Flecken auf den Fingernägeln, die nach Verletzungen zurückbleiben und die, wie Zazie auf ihre ureigene Art doziert, ein Symbol bilden für „die Spuren, die unsere sogenannte Identität bei uns hinterlässt“.
Empathietest und Einfühlungshilfe
Für die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft wird die Lektüre des Romans deshalb fast zwangsläufig zu einem Empathietest, zu einer Einfühlungshilfe in die Situation derer, die eben ein bisschen anders aussehen als gewöhnliche „Bio-Deutsche“. Dabei kann man aber an Grenzen stoßen. Dass es einer schwarzen Frau bitter aufstößt, wenn auf einer wissenschaftlichen Tagung in Leipzig ungeniert das N-Wort benutzt wird oder man am Spielplatz auch mit fast 30 noch ganz selbstverständlich als Au-Pair-Mädchen „gelesen“ wird, das können sicher viele gut nachvollziehen. Schwieriger wird es, wenn die rassistische Haltung der „Weißen“ wie eine Art Prädestinationslehre erscheint, wenn vermittelt wird, man könne wegen der Erblast der kolonialen Geschichte und der bis heute vorherrschenden Privilegierung der Weißen gar nicht anders als Rassist sein. Es ist Zazie, die diese Haltung im Roman wie ein Monstranz vor sich herträgt. „Ich bin einfach zu müde. Ich kann nicht jeden Tag diskutieren“, sagt Dieo, als sie von ihrer Schwester wieder einmal diesbezüglich traktiert wird. Dem Leser/der Leserin dürfte es vielleicht ähnlich ergehen.
Zu erwähnen wäre auch noch, dass es gewisse biografische Parallelen zwischen der Autorin und ihren beiden Protagonistinnen gibt: Auch ihr Vater stammt aus dem Senegal. Sie selbst wurde 1986 in Heidelberg geboren, wuchs aber in Frankfurt auf – ihre intime Kenntnis der Stadt prägt den Roman ebenfalls ganz maßgeblich – und lebt mit Ehemann und zwei Kindern in Offenbach. Sie arbeitet – wie Dieo – als Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche. Außerdem lehrt sie an der Universität Frankfurt und promoviert zu Mutterschaft, Migration und Psychoanalyse.
Termin/Lesezeichen
Yandé Seck stellt ihren Roman „Weiße Wolken“ als Gast des „Literarischen Forums“ am nächsten Montag, 18. November, um 19 Uhr in der Stadtbücherei Neustadt vor. Karten (10 Euro) in der Buchhandlung Quodlibet in Neustadt oder unter 06321 88930. „Weiße Wolken“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, gebunden, hat 352 Seiten und kostet 23 Euro.