Neustadt Selbst bei zwei Angreifern gibt es Tricks
Wie kann man sich als Frau gegen einen Angreifer wehren? Diese Frage beschäftigt viele Frauen nicht erst seit den Silvester-Ereignissen in Köln. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Heike Klein hat sich bei einem Trainingsabend der Judo Jiu-Jitsu-Vereinigung in die Turnhalle der Westschule Tipps geholt.
Ein erster Ratschlag von Judotrainer Hans-Joachim Bader: „Eine Armlänge Abstand.“ Ein Tipp, der zuletzt durch die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker bekannt geworden ist. Das sei zunächst richtig, erklärt Bader. Denn dann könne man einem Angriff noch ausweichen. Bader zeigt mir verschiedene Techniken, wie ich kontrolliert den Rückzug antreten kann. Doch der Ratschlag der Kölner Oberbürgermeisterin ist nicht in allen Situationen anwendbar, sagt Bader. Es werde natürlich schwieriger, wenn es sich um mehrere Angreifer handle. Doch selbst bei zwei Aggressoren gibt es noch Tricks. Diese Bewegungsabläufe brauchen vor allem eines: Wiederholung – bis sie so automatisiert ablaufen wie Schuhe binden. Bei großen Menschenmassen helfe der Rückzug allerdings nicht, sagt Bader. Sinnvoll sei es deshalb, sich darum zu bemühen, erst gar nicht in solche Situationen zu geraten. Auch er selbst, Träger des schwarzen Gurtes und somit erfahrener Kampfsportler, sei da eher vorsichtig. So sei er auch schon in ein Taxi gestiegen, nachdem er gewaltbereite Gestalten an einem U-Bahn-Haltepunkt ausgemacht hatte. Dabei strahlten Judoka eine Selbstsicherheit aus, die potenzielle Angreifer abschrecken könne. Genau dieses Selbstbewusstsein möchte Bader vermitteln. „Wir machen das ganz individuell. Es ist sinnvoll, wenn sich Interessierte paarweise anmelden, um dann die Übungen zusammen zu absolvieren. Wir stimmen das Training auf die Personen ab“, betont Bader. Der zweite Tipp an diesem Abend: „Ruhig bleiben. Die Übersicht behalten.“ Das ist in der Realität schwer umzusetzen. „Nicht in die Opferrolle fallen“, sage ich mir. Dann geht es zur Sache. Ernstfall. Bader lässt mich jetzt schwitzen. Der 26-jährige René Ebel greift mich an, und Bader zeigt mir, wie ich den 74 Kilogramm schweren und 1,77 Meter großen Judoka mit Schwung, Technik und Überraschungseffekt zu Boden bringen kann. Ebel spielt mit, lässt sich fallen. Bader ist überzeugt, dass ich einen im Kampfsport ungeübten Angreifer überrumpeln könnte. Doch zuvor müssen bestimmte Übungen verinnerlicht werden. Meine Handknochen schmerzen schon, denn irgendwie mache ich gedanklich „ernst“ bei den Hieben und setze meine gesamte Kraft ein. Hemmungen habe ich keine, den Angreifer „flach zu legen“. Auch das ist wichtig. Diese Scheu zu verlieren, jemandem weh zu tun. „In der Notwehrsituation ist das erlaubt“, sagt Bader. Dennoch entschuldige ich mich bei meinem Gegner, weil ich so fest zugeschlagen habe. Aber René ist hart im Nehmen. Selbst bei einer „Ganzkörperumarmung“ stelle ich fest, bin ich immer noch handlungsfähig. So könnte ich mit den Händen auf die Nieren des Angreifers schlagen, oder meine Füße einsetzen. „Das kann so effektiv sein, dass man den Fuß des Gegners bricht“, erklärt Bader. Und auch sensible Körperteile des Angreifers sind dann kein Tabu. Das Bewusstsein, dass ich nicht wehrlos bin, breitet sich langsam in mir aus. „Judo ist ein Ganzkörpersport. Er umfasst auch den Geist“, sagt Bader. Er lehrt mich, meinen Körper durch bestimmte Armstellungen zu schützen. Denn es wäre schlecht, gleich beim ersten Angriff verletzt zu werden. Fasst mich ein Mann fest an den Armen, kann ich mich durch bestimmte Drehbewegungen befreien. Aber auch das muss mehrfach probiert werden. „Wenn es am Ende nicht klappt, gibt es das Geld zurück“, sagt Bader lachend. Überzeugt davon, dass er in fünf Doppelstunden die notwendigen Grundlagen vermittelt, sich gegen Gewalttäter zu behaupten, wenn das erste Mittel, nämlich Konflikte zu vermeiden, nicht mehr greifen sollte. Stadt-Magazin