Neustadt Schwergewicht in der Schwebe
„Die Röhre liegt“ hieß es gestern Vormittag um 11.35 Uhr in Frankeneck, was bei Volker Neumann, Leiter der Bauabteilung der Verbandsgemeindeverwaltung Lambrecht, und Michael Frech, Geschäftsführer der Lambrechter Stadtwerke, sichtlich Erleichterung auslöste. „Die Röhre“ ist das 16 Meter lange und 3,50 Meter hohe neue Stahlprofil der Brücke in der Bahnhofstraße. Bis es soweit war, dass „die Röhre“ in der Brückentrasse lag, verging manche Schrecksekunde.
Dabei hatte es zunächst ganz einfach ausgesehen. An dem 15 Tonnen schweren und 5,80 Meter breiten Profil aus feuerverzinktem Stahl wurden Stahlketten befestigt, mit deren Hilfe das Profil von einem Spezialkran in die Höhe gehoben wurde. Um kurz nach 9 Uhr schwebte die Röhre von einem Platz auf dem Gelände, wo sie seit rund drei Wochen gelagert war, in eine ausgebaggerte Grube neben der Brückentrasse. Bis das Schwergewicht aber die wenigen Meter bis zu seinem Standort vorgeschoben war, vergingen zweieinhalb teils aufregende Stunden. Aufregend besonders für Frech sowie für Stefan Herter und Michael Flach, die Meister der Stadtwerke. Denn die Röhre musste unter einer Gashochdruckleitung hindurch geschoben werden, die wegen der Erneuerung der Brücke auf einen Stahlträger verlegt worden war. „Die Leitung hat 64 Bar, das sind genau so viel, wie die Leitung in Oppau hatte, die 2014 bei Bauarbeiten explodiert ist“, informierte Hermann Bernstorff, der die Brückensanierung geplant hatte. Das mit der Gasleitung schien Bernstorff, der auch Bauleiter der Brückensanierung ist, nicht so ganz geheuer, jedenfalls zog er es vor, das weitere Geschehen aus etlichen Metern Abstand zu beobachten. So scheinbar leicht, wie das Brückenprofil eben noch durch die Luft schwebte, so leicht ging es erst einmal weiter. Mitarbeiter des beauftragten Bauunternehmens zogen die Stahlketten aus den Kuhmäuler genannten Befestigungen, die eigens an dem Brückenprofil angebracht worden waren, verkürzten das Stahlgehänge und befestigten es erneut an den Kuhmäulern. Alsdann hob der Kran das Profil zwei bis drei Zentimeter in die Höhe und schob es in Richtung Brückentrasse. Dazu bekam der Kranführer von einem am Boden stehenden Kollegen Anweisungen über Funk. Dann wurde es kompliziert. Denn das Brückenprofil musste zunächst unter einem Stahlträger, an dem Telekom-Leitungen befestigt sind, und anschließend unter dem Stahlträger mit der Gashochdruckleitung hindurch bugsiert werden. Dabei mussten die Stahlseile so an dem Profil befestigt sein, dass die Zugkraft reichte, um die Röhre zu bewegen, das Stahlgehänge aber nicht die Leitungen und die Stahlträger berührte. „Das funktioniert so nicht, das ist zu lang. Der Winkel passt nicht“, stellte Hans Seiberth, Beigeordneter der Verbandsgemeinde, fachmännisch fest, als die Mitarbeiter der Baufirma das Gehänge neu an den Kuhmäulern befestigten und der Kran die Röhre wieder in Bewegung setzte. Seiberth hatte Recht, nach wenigen Zentimetern kam das Gehänge gefährlich nahe an den Stahlträger mit den Leitungen. Ein neuer Versuch wurde gestartet, doch nach wenigen Zentimetern war wieder Schluss. „Wenn es nicht geht, heben wir den Stahlträger ’runter“, brüllte einer der Bauarbeiter. Also wurde der Träger, auf dem die Leitungen lagen, mit Hilfe eines Baggers weggerissen. Was gar nicht so einfach war, denn der Stahlträger lag auf der einen Seite auf einem Betonklotz, der von der alten Brücke übrig und nicht mehr richtig mit dem Untergrund verbunden war. Also wurde der Stahlträger knirschend über Steine gezogen, wobei die Telekom-Leitungen auf das Brückenprofil fielen. „Wenn du da herunterfällst, das tut weh“, prophezeite Herter einem Bauarbeiter, der auf dem Profil stehend die Leitungen in die Höhe heben wollte, während das Profil weiter in seine Richtung gezogen werden sollte. Der Arbeiter wollte das nicht ausprobieren, und so schepperten die Leitungen lose über das Profil, während dieses vom Kran weitergezogen wurde. Es dauerte wenige Sekunden, dann brüllten Frech, Neumann, Flach und Herter gleichzeitig „Stopp“. Nur wenige Millimeter vor der Gasleitung stoppte das Stahlgehänge. „Da braucht man ja Herztabletten“, stöhnte Flach. „Der Kranführer soll das Profil nicht so hoch heben, dann geht es“, kommandierten Neumann und Frech. Doch noch zwei weitere Male musste in letzter Sekunde „Stopp“ geschrien werden, bevor das Brückenprofil endlich dort war, wo es sein soll. (ann)