Neustadt
Schwelgen in Schwarz-Rot-Gold: Die Ausstellung „Mut zur Freiheit“ in der Villa Böhm
Freiheit und alles, was dazu gehört, wird in dieser Ausstellung groß geschrieben – ganz wortwörtlich sogar: Vor allem die Plastiken und Installationen nehmen ordentlich Raum ein. „Ramsch-Laden mit Kaputt-Bar“ von Tine Duffing zum Beispiel, eine Arbeit, bei der die vor allem als Performance-Künstlerin bekannte Neustadterin kräftig ihren Fundus geplündert hat: Schwarze Hüte, rote Tücher und gelbe Schuhe quellen da aus drei improvisierten Automaten heraus und gruppieren sich auf dem Boder zu einer schwarz-rot-goldenen Gesamtinstallation. Was aber die mit Wasser, Kohle und zerbrochenen Spiegeln befüllten Stahleimer oben damit zu tun haben, muss man wohl selbst erraten – oder man fragt die Künstlerin bei der Vernissage einfach persönlich.
Die deutschen Farben werden heute viel unverkrampfter benutzt
Dass die deutschen Nationalfarben, die bekanntlich beim Hambacher Fest von 1832 „aus der Taufe“ gehoben wurden, heute (wieder) viel unverkrampfter benutzt werden, als noch vor einigen Jahren, zeigen auch etliche andere Werke: Manfred Plathe zum Beispiel unterzieht in seinem Acryl-Spray-Bild die barbusig stürmende Marianne aus Delacroix’ ikonischem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ kurzerhand einem schwarz-rot-goldenen Farbbad und kombiniert dabei gleichsam zwei Revolutionen zu einem aufwühlenden dynamischen Arrangement – oder, wenn man noch das beigefügte Janis-Joplin-Zitat einbezieht, sogar drei. Ein ähnlich dichtes Bild in den deutschen Farben hat Fotograf Peter Hofmeister mit einer Montage geschaffen, bei der er mehrere Fotos vom Hambacher Schwarz-Rot-Gold-Fest mit vielen im Stil des frühen 19. Jahrhunderts Kostümierten (darunter Kurven-Theater-Leiter Heinz Kindler als Fahnenträger!) zu einer dichten Komposition verbindet.
Günter Seel schließlich erinnert in einer Assemblage daran, dass die deutsche Geschichte in der Auseinandersetzung mit den „Hambacher Farben“ auch auf Abwege geraten ist: Seine hintersinnige Arbeit besteht aus einer mit Schraubzwingen fixierten Original-DDR-Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz sowie Kinderpuppenärmchen und einer Sonnenbrille, wie man sie vielleicht einst bei der Stasi geschätzt hat. Das Perikles-Zitat „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut“ unten deutet aber zumindest an, dass das SED-Regime nicht das letzte Wort hatte, was in Kombination mit Harald Jeschkes massiger Kettensprenger-Plastik aus Styrodur gleich nebenan ein ziemlich starkes Bild abgibt.
Aber es geht natürlich auch kritischer und globaler: Norbert Ernst Herrmanns Atomtod-Plakat im gleichen Raum wäre ein Beispiel dafür, die Acyrl-Gemälde „Verhüllung“ von Anne Janoschka oder „Odysseus und Gefährten“ von Petra Hübel im angrenzenden Ost-Salon zwei weitere. Die in Ottersheim bei Landau lebende Janoschka spielt mit ihrer in orientalische Ornamentik gepackten Schleier-Gestalt vielleicht auf die Burkas an, die in islamistischen Kreisen als letzter Schrei der Frauenmode gelten, die aus der Westpfalz stammende Hübel erinnert mit ihrem Bild an das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer, wo die Freiheit für viele ebenfalls an ihre Grenzen stößt. Rainer Landua wiederum greift in „The missing word“ die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Grundgesetzes auf: Bei Artikel 1 „Die Würde des Menschen ist ...“ deckt er das entscheidende Wort halb ab, so dass es nur noch zur erahnen ist.
Ein „Frauengipfel“ als fröhlicher Gegenentwurf zu ewigen Männerrunden
Das zentrale Werk der Ausstellung, das im mittleren Salon alle Blicke auf sich zieht, ist die Figurengruppe „Frauengipfel“ von Gabriele Köbler. Die Haßlocher Bildhauerin verbindet hier neun zwischen 2018 und 2022 entstandene Frauenbüsten aus Feinbeton auf Sockeln zu einer halbkreisförmigen Installation, die wie ein fröhlicher Gegenentwurf zu den vielen Runden alter Männer wirkt, die so lange die Weltgeschichte prägten. Eine geradezu jugendstilhaft-hymnische Feier des Freiheitsgefühls bietet dagegen Emil Walker mit seinem Brandingart-Diptychon, bei dem zwei Flügelwesen vor der Kulisse von Hambacher Schloss und Stiftskirche zur Sonne aufsteigen. Den Symbolort Hambacher Schloss greift gleichfalls Cordula Wagner in einem impressionistisch anmutenden Ölbild auf.
Während all diese Arbeiten ganz dezidiert dem Ausstellungsmotto folgen und zum Teil auch eigens für die Schau geschaffen wurden, ist der Bezug bei anderen deutlich schwächer. Das gilt per se für die abstrakten oder stark abstrahierten Arbeiten von Bärbel Haag, Judith Boy, Petra Neumahr, Meike Steger und Heike Wiggers, die allenfalls über das Spiel mit Farben und Formen Assoziationsräume öffnen – die einen mehr, die anderen weniger. Ein paar hermeneutische Umwege sind auch bei Klaus Dieter Litzels Schwarz-Weiß-Fotoserie zu Relikten des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs gefragt, die er auch noch mit einem Flugblatt des Alliierten Oberkommandos kombiniert, das 1945 über der Rhein-Main-Neckar-Region abgeworfen wurde. Auch Gerhard Lämmlin erinnert in einer bereits älteren Arbeit an den Krieg. Dass der das Gegenmodell zur Freiheit darstellt, ist zwar nicht gerade eine ganz neue Erkenntnis, aber angesichts des russischen Wütens in der Ukraine vielleicht aktueller denn je.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Mut zur Freiheit“ wird am Freitag, 27. Mai, um 18 Uhr von Oberbürgermeister Marc Weigel in der Villa Böhm in Neustadt eröffnet. Die städtische Kulturkoordinatorin Heike Hinkelmann führt ein. Für Musik sorgt DJ Hardy Heller mit seinem Ohral-Sound-Mix. Die Schau ist danach bis 5. Juni jeweils freitags 15–18 Uhr, samstags 13–18 Uhr und sonntags 13-18 Uhr zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.