Neustadt Schwebende Klänge, geflüsterter Sprechgesang

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Deidesheim. Kontrastierend und doch harmonisch passend war das geistliche Jubiläumskonzert „170 Jahre MGV Liederkranz“ am Samstag in der Stadtkirche St. Ulrich. Das Abschlusskonzert der diesjährigen Reihe Deidesheimer Musikherbst, seit 18 Jahren organisiert von Organistin Elke Voelker, die selbst mit zwei solistischen Parts aufwartete, wurde abwechselnd vom Chor und dem Barbershop-Quartett „New Life“ gestaltet.

Es sind keine originär geistlichen Lieder, die der 23-köpfige Männerchor MGV Liederkranz unter Leitung von Alfred Hirsch, seit 43 am Dirigentenpult des Chors, ausgewählt hat. Denn diese Werke der Romantik verehren zwar Gottes Schöpfung, ohne aber textlich auf Glaubensinhalte einzugehen. Anspruchsvoll sind alle Werke, entstanden um die Zeit, in der der MGV gegründet wurde, durch ihre komplexe Kompositionsweise im Stile des romantischen Kunstliedes. Die „Trösterin Musik“ besingt der Chor eingangs im gleichnamigen Lied von Anton Bruckner (1824-1896) mit einfühlsamer Textausdeutung und Dynamik, am Klavier von Hartmut Weisbrod begleitet. „Widerspruch“ von Franz Schubert (1797-1820) beschreibt die innere Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach Waldabenteuer und Unendlichkeit. Dem gegenüber steht die Angst, durch chromatische Figuren verdeutlicht, und der Wunsch, sich in die schützende Umgebung der eigenen vier Wände zurückzuziehen. Einen ganz anderen Musikstil, entstanden vor rund hundert Jahren im Süden Amerikas, bietet das pfälzische Barbershop-Quartett „New Life“. Der Reiz des A-Capella-Gesangs liegt in speziellen Arrangements, einer eng gesetzten Vierstimmigkeit, durch die ein besonders obertonreicher Klang entsteht. Meist erklingt die Melodie in der Leadstimme, umgesetzt von John Warner. Die Akkorde und Melodieverzierungen ergänzen Marci Warner (Tenor), Susanne Christensen (Baritone) und Rainer Hartwig (Bass) in kunstvoller Weise. „When I Lift up My Head“ von Dottie Rambo beeindruckt durch schwebende Klänge und eingeschobenen, fast geflüsterten Sprechgesang. Ohne Pause gleitet die Weise über zum ausdrucksstarken „If I Ruled the World“ von Leslie Bricusse, gefolgt von „What a Wonderful World“ (George David Weiss). Das Quartett steigt mit Akkordtönen ein, aus denen sich die Leadstimme auch solistisch hervorhebt. Ein Schwerpunkt gilt meist den Schlussformeln, die sich oft als Akkorde in prickelnden Dissonanzen mit einem Glissando nach oben schrauben, treffsicher in einer neuen Tonart mündend. Der Wechsel von Barbershop- und westlicher Chortradition beißt sich nicht, sondern belebt vielmehr das Konzert. Gleich ist beiden Gruppierungen der musikalische Anspruch, Modulationen in anderen Tonarten zu bewältigen und sauber gesungene Dissonanzen in harmonischen Klängen aufzulösen. Nach dem Lied „Träumender See“ von Robert Schumann (1810-1856) fordert das mehrstrophig komplett durchkomponierte Schubertlied „Nachtgesang im Walde“ den MGV heraus, was dieser unter souveränem Dirigat von Alfred Hirsch mit differenziertem Ausdruck meistert. Hartmut Weisbrod am Klavier geleitet den Chor mit präzisem Spiel durch den Wechsel von Dreier- und Viertakten, während „säuselnde Lüfte“ und „brausende Baumeswipfel“ hörbar werden. Ein Schlaflied in ganz anderem Stil bringt „New Life“ mit seinem zarten „Lullabye“ von Billy Joel, gefolgt vom selbstbewussten, rhythmisierten „I`m Sitting on Top of the World“ (Ray Henderson) und „As Time Goes by“ (Herman Hupfeld, mit Motiven aus dem Bogart-Film „Casablanca“). Nach dem „O Schutzgeist alles Schönen“ von Mozart (1756-1791) und der „Landerkennung“ von Edvard Grieg (1843-1907) mit einem eindrucksvollen Solo des Bassisten Emmerich Pilz setzt die Orgel einen ersten, imposanten Schlusspunkt. Voelker, die eingangs eine Ouvertüre des kanadischen Komponisten Denis Bédard (Jahrgang 1950) spielte, interpretiert nun mit vielseitiger Registratur das Werk „Gebet“ des Dessauer Hoforganisten Richard Bartmuß (1859-1910). Vor dem Schlusslied begeistert das Barbershop-Quartett die rund hundert Zuhörer mit „Always“ (Irving Berlin) und verabschiedet sich mit „From the First Hello to the Last Goodbye“. Gemeinsam gestalten der MGV Liederkranz und „New Life“ das sechsstimmige „Abendlied“ von Josef G. Rheinberger (1839-1901), vom Publikum mit anhaltendem Beifall belohnt.

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