Neustadt
Schreckliche Bilder – ein Zeitzeuge erinnert sich an den Brand des jüdischen Altenheims
Rummel erinnert sich, dass er an diesem Tag „morgens früh um halb 4“ von seinem Vater, der als Arbeiter bei der BASF ohnehin immer früh aufstand, geweckt wurde und sie gemeinsam mit dem Fahrrad vom Elternhaus in der Gutleuthausstraße zur Realschule, dem heutigen Leibniz-Gymnasium, fuhren, weil der Vater erklärt hatte, „dass wir da heute etwas sehr Bedeutendes sehen werden“. Ob der Vater vorab über das Kommende informiert war oder in der Ferne den Feuerschein der Synagoge in der Ludwigstraße gesehen hatte, die zu dem Zeitpunkt schon brannte, kann der gelernte Buchdrucker heute nicht mehr sagen. Sein Vater sei immer „sehr hellhörig“ gewesen, was das Politische anbelangt.
Bei der Schule, von der man einen guten Blick auf die Stadt hat, angelangt, sei ihre Aufmerksamkeit dann aber sehr schnell auf das Altenheim gelenkt worden. „Da waren Leute in Uniform, die haben Benzin reingespritzt und Wasser auf die Nachbarhäuser, damit die nicht in Brand geraten“, erinnert sich der damals Achtjährige. Die Bilder, deren Zeuge er danach wurde, hätten ihn seitdem sein ganzes Leben lang verfolgt, berichtet er: „Die alten Damen haben geschrien und sind in Nachthemden herumgerannt.“ Später seien sie „wie Viehzeug“ in Richtung Bahnhof getrieben worden. Von den Tätern habe er niemanden gekannt, berichtet Rummel weiter. Sein Vater sei danach aber sehr nachdenklich gewesen und habe gesagt, dass hier ein „bitteres Unrecht“ geschehe, „für das wir einmal büßen müssen“.
Wie der Historiker Stefan Jamin 2012 ermittelt hatte, lebten damals 76 Frauen und Männer im Alter zwischen 70 und 96 in dem jüdischen Altersheim. Fanny Bender und Camilla Haas, beide 83, kamen in den Flammen um. Für Hugo Rummel, der nicht am Neustadter Zeitzeugen-Projekt teilgenommen hat, weil er keine Kenntnis davon hatte, ist die Botschaft klar: „Es ist eine Warnung, dass man heutzutage den Nazis nicht das Feld überlassen darf.“