Neustadt Schranke auf und rein in die Weingasse

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22,91 Meter ist der Deidesheimer Kerwebaum hoch. Am Samstagmorgen haben die Deidesheimer Kerwebuwe den Baum aus dem Wald geholt. Seit Samstagabend steht er auf dem Marktplatz als Zeichen dafür, dass in Deidesheim zehn Tage Weinkerwe ist und damit Ausnahmezustand herrscht. Der Busverkehr, der die wegen Gleisarbeiten zwischen Deidesheim und Neustadt ausfallenden Züge ersetzt, klappt zumindest am frühen Abend problemlos.

Auch wenn diesmal keine Züge aus Neustadt kommen, sondern Busse: Die Bahnschranke ist zu und versperrt den Zugang zur Woigass, dem Herz der Weinkerwe. Für erfahrene Kerwebesucher ist das Warten an der Schranke, bevor man sich ins Getümmel stürzen kann, so etwas wie ein Stück Deidesheimer Kerwetradition, ebenso die ausgiebige Parkplatzsuche vorher. Während man wartet, überlegt sich eine Gruppe Kerwebesucher, wie die Füße der Frau mit mindestens zehn Zentimeter hohen Absätzen den Abend überstehen werden. Zwar kann man in mehreren Weingütern, am Marktplatz und am Stadtplatz bestens feiern, doch mindestens einmal die Woigass hoch und runter, das muss sein und dafür sind zehn Zentimeter hohe Absätze einfach nicht geeignet. Durch die Woigass bummeln ist so ähnlich wie nach Hause kommen. Fast alle Stände stehen schon ewig da, es gibt Dampfnudeln, Bratwurst, Crepes, Deidesheimer Weine und Sekte. Auch Forster, Ruppertsberger, Meckenheimer und sogar Niederkirchener dürfen einen Ausschank betreiben. Doch auch in der Woigass ändert sich das ein oder andere: So wird an einem Stand vegetarische Gourmetküche angeboten. In der Woigass ist zwar schon Betrieb, es sind aber noch zahlreiche Plätze an den Ständen und im Garten eines Weinguts frei. „Da haben wir voriges Jahr gesessen“, erinnert sich eine Frau aus einer Gruppe und zeigt auf einen Ausschank mit schönen Tischen und Stühlen. Doch auch wer die rustikale Festzeltgarnitur bevorzugt, ist richtig in der Woigass. Zwei Stunden später sind die freien Plätze schon die Ausnahme, und in der Woigass wird es enger. „Um zehn kommt man da nicht mehr durch“, weiß eine erfahrene Kerwebesucherin. Beinahe wäre auch der Kerwebaum am Samstag nicht durchgekommen. Tradition ist ein Umzug durch die Woigass zum Marktplatz, bevor der Kerwebaum dort aufgestellt wird. Vornweg sorgte die Kolpingkapelle für flotte Musik, gefolgt von Weinhoheiten, Politikern und dem Kerwebuwe-Express, dessen Motto in diesem Jahr „alla hopp – trinke mer noch änner“ lautete. Eine Anspielung auf die Alla-Hopp-Anlage, die in Deidesheim gebaut wird. Am Ende des Umzugs der Kerwebaum – 22,91 Meter lang. Während Manfred Dörr sich am Marktplatz schon durch die fast genauso lange Liste der Ehrengäste arbeitete, ereignete sich wenige Meter entfernt eine Beinahe-Katastrophe. Trotz strengsten Verbots parkten direkt vor dem Hotel Deidesheimer Hof zwei große Autos und schränkten so den Platz, den Kerwebaum um die Kurve zu bringen, mächtig ein. Die Kerwebuwe, die sich selbst inzwischen Kerwebursche nennen, leisteten Millimeterarbeit, den Baum ein Stück zurück, vor, wieder zurück. Noch schwieriger und langwieriger war es, den Baum auf dem Marktplatz in die Höhe zu hieven. Unterstützt wurden die Kerwebuwe dabei von zahlreichen Ehemaligen. Manfred Dörr, selbst einst ein Kerwebu, sah aus, als würde er am liebsten auch helfen. Um 19.10 Uhr stand der prachtvolle Baum, Gejohle, Beifall, Böllerschüsse und Musik waren die angemessene akustische Begleitung.„Des kumd davu, wenn mer so en lange Baam hod“, lästerte ein Niederkirchener, während die Kerwebuwe schwer schufteten. Schließlich hatten sich die Niederkirchener kurz zuvor in der Kerwerede des Kerwebu Christian Langhauser einiges an Hohn und Spott anhören müssen. Etwa darüber, dass ihr „Kerwebäumel“ arg mickrig gewesen sei. Der Deidesheimer Stadtrat wurde ebenfalls nicht verschont, da er gegen den Wunsch der Anlieger eine Fußgängerzone auf dem Marktplatz eingerichtet habe. Die Polizei hatte auf der Kerwe zwar viel zu tun, aber sie vermeldete bis gestern Nachmittag keine schwerwiegenden Vorkommnisse. (ann)

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