Neustadt Schlagzeuger aus Leidenschaft

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Hassloch. In der Musikschule Haßloch kennt man den Schotten Colin Jamieson seit vielen Jahren als versierten Schlagzeuglehrer. Nur wenige außerhalb des Schulbetriebes ahnen allerdings, dass der in der Öffentlichkeit so unauffällig auftretende 69-Jährige in seiner Vergangenheit als international gefeierter Rockstar durch ganz Europa gezogen ist und vorher, zu Anfang der 1970er Jahre, der damals noch nicht sehr ausgeprägten pfälzischen Coverbandszene maßgebliche Impulse verliehen hat.

Jamieson kam 1947 in der südwestlich von Glasgow gelegenen schottischen Stadt Ayr zur Welt. Anfang der 1960er Jahre machte er tagsüber eine Lehre zum Modeausstatter, mittwochs bis sonntags schlug er sich daneben, meist in der Tanzhalle von Ayr, die „Pavillion“ hieß, als Drummer der Gruppe „The Corsairs“ die Nächte um die Ohren. Sängerin dieser Band war Helen Cowan, die später seine Frau werden sollte. Die „Corsairs“ träumten wie so viele hoffnungsvolle Nachwuchsgruppen dieser Zeit davon, berühmt zu werden, und versuchten dafür, genau wie es die damals schon legendären „Beatles“ vorgemacht hatten, ihr Glück zunächst in Deutschland. Sie traten in Kiel, Düsseldorf, Lübeck und Essen auf, spielten, wie sich Jamieson erinnert, jede Nacht von acht Uhr bis fünf Uhr morgens, bis die Hände bluteten, und waren doch glücklich bei ihrer Arbeit. Dabei lernten die Musikkorsaren auch andere interessante Künstler aus Großbritannien kennen, die ebenfalls am Anfang ihrer Laufbahn standen, darunter in Kiel zum Beispiel Paul Francis Gadd, der bald darauf als Gary Glitter zu Ruhm kommen sollte, und in Lübeck ihren Landsmann, den schottischen Gitarristen Allan Murdoch. Das Repertoire der „Corsairs“ bestand aus gängigen Titeln der aktuellen Charts. Wieder zurück in England nahmen Cowan und Jamieson dann das Angebot zum Einstieg in eine Kapelle an, die sich „Nemesis“ nannte, einen guten Ruf genoss und bereits eine Buchung einer Wiesbadener Agentur für eine Tournee durch die Türkei in der Tasche hatte. Kurzentschlossen wechselten daraufhin alle Mitglieder ins Profilager über, reisten über Dover und Calais direkt in die hessische Landeshauptstadt, um hier zu ihrem großen Schrecken erfahren zu müssen, dass die geplante Tour nicht stattfinden könne. Stattdessen wurden „Nemesis“ an Nato-Clubs in der Region vermittelt, wo sie jeden Abend für Militärangehörige und deren Familien spielten. Nachts jagte ein Auftritt den nächsten, tagsüber wohnten die Musiker dicht zusammengedrängt in den Räumlichkeiten direkt über der Agentur. Eines Tages im Jahr 1972 kam die Band auf diese Weise auch nach Germersheim in den dortigen NCO-Club, das Unteroffizierskasino also, wo die Musiker den Musikmanager Peter Poth kennenlernten, der dem Quintett eine Wohnung in Germersheim besorgte und Auftritte in Mannheim vermittelte. Nach und nach fühlten sich „Nemesis“ in der Pfalz immer mehr zuhause. Ihre musikalische Qualität sprach sich schnell herum, und bald waren sie aus der hiesigen Szene nicht mehr wegzudenken. Sie bespielten alle namhaften Tanzsäle und gehörten schon bald neben „Anti Tank Gun“ aus dem Landauer Raum und den „Skyriders“ aus Germersheim zu den großen Drei der angesagtesten Gruppen der Region. Im Unterschied zu den genannten Combos setzte sich ihre Setliste aber nicht nur vorwiegend aus dem zusammen, was gerade im Radio gespielt wurde. „Nemesis“ bevorzugten ein Programm, das auch viele in Deutschland nicht so bekannte Titel bot, was seinen Grund darin hatte, dass die Band während ihrer Zeit in den Amiclubs vorwiegend ein US-Publikum bedient hatte, das hauptsächlich Rock und Country hören wollte. Mit ihrer Musik und ihrem Auftreten waren „Nemesis“ in der immer noch ländlich-konservativen Pfalz ihrer Zeit weit voraus. So scheiterte, wie sich Jamieson heute belustigt erinnert, der Versuch, den Gitarristen Tom Stewart in die Gruppe aufzunehmen, daran, dass von den etablierten Tanzpalästen niemand eine Kapelle buchte, die „so einen Langhaarigen“ in ihren Reihen hatte. Ihre Fans sahen das allerdings lockerer, und so konnten „Nemesis“, bestehend aus Sängerin Helen Cowan, Gitarrist Ronnie Shankland, Bassist Bobby Colquhoun, Keyboarder Jim Barr und Colin Jamieson am Schlagzeug, ihr Publikum in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Österreich zehn Jahre lang begeistern. Als Begleitband von Tom Cunningham traten sie während dieser Zeit sogar in Ilja Richters TV-Musikshow „Disco 77“ auf. 1981 aber kam aufgrund der nachlassenden Live-Auftrittsmöglichkeiten das Aus. Jamieson und Helen Cowan, aus der inzwischen Helen Jamieson geworden war, zogen um nach Pleisweiler-Oberhofen bei Bad Bergzabern, wo sie heute noch leben. Die ehemalige „Nemesis“-Frontfrau nahm noch eine CD mit der deutschen Countryband „Stampede“ auf, bevor sie sich ganz aus dem Musikgeschäft zurückzog. Ihr Ehemann Colin startete dagegen noch einmal richtig durch. Durch Zufall kam er wieder mit dem Gitarristen Allan Murdoch in Kontakt, der mit der Krautrockband „Message“ erfolgreich war und dafür gerade einen neuen Drummer suchte. Jamieson stieg ein und fand sogar noch die Zeit, zusammen mit Murdoch unter der Firmierung „Rockets“ als Begleitband des bekannten Rock’n’Roll-Sängers Ted Herold („Moonlight“) aufzutreten. Schnell zeigte sich jedoch, dass Jamiesons und Murdochs gemeinsamer Musikgeschmack sich mittlerweile in eine ganz andere Richtung entwickelte. Zusammen mit dem Bassisten Drew Ross gründeten sie „The Overseas Project“, schrieben Songs und nahmen die Langspielplatte „Highlander“ auf. Nachdem sich aber herausstellte, dass das Übersee-Projekt, dass sich so nannte weil Ross in den USA lebte, auf Dauer wegen der so weit voneinander entfernt liegenden Wohnorte der Mitglieder nicht weiter fortzusetzen war, heuerten Murdoch und Jamieson den Bassisten Peter Campbell und den Ex-„Beggar´s Opera“-Sänger Martin Griffith an und nannten ihre Band von nun an „Highlander“. Griffith stieg zwar schnell wieder aus, das verbleibende Trio, jetzt mit Murdoch am Mikrophon, erreichte aber eine ungeheuere Popularität. Besonders in der Biker-Szene war die hart rockende Band schwer angesagt. „Highlander“ standen nun auf Plakaten gleichberechtigt neben Acts wie „Huey Lewis & The News“, „Saxon“ „Lynyrd Skynyrd“ oder „Molly Hatchet“. Zur Jahrtausendwende allerdings legte Jamieson nach 15 Jahren und neun Albumveröffentlichungen seine Arbeit für „Highlander“ auf Eis und begann als Schlagzeuglehrer an der Musikschule Haßloch. Heute unterrichtet er von montags bis donnerstags rund 55 Schüler und freut sich über deren Erfolge. Der Job sei manchmal anstrengend, sagt er, mache aber viel Spaß, besonders wenn er merke, dass die von ihm Unterrichteten ihn mit ihrem Können fast zu überflügeln drohten. Auf der Bühne ist er aber auch noch zu erleben und das sogar gleich dreifach: als Schlagzeuger der Bluesrockgruppe „Dynamite Daze“, des Jazzensembles „Dr. Blue Trio“ und der Tango- und Bossa-Gruppe „Paradise Club“.

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