Neustadt Sammeln fürs Schlucken
Das kann sich sehen lassen: Beinahe randvoll mit Kunststoffverschlüssen von Getränkeflaschen und -kartons ist der große Mülleimer, den Gerhard Artemeier im Frühjahr 2018 an seinem Arbeitsplatz in der BASF für einen guten Zweck aufgestellt hatte und mit Hilfe seiner Kollegen – und dank eines extrem heißen Sommers – mit Deckeln bestücken konnte. „Knapp 30 Pfund Flaschendeckel sind gleich 90 Impfungen gegen Kinderlähmung“, lautet die Rechnung des Neustadters.
Im April 2018 sei er durch Freundinnen seiner Frau, die als Erzieherinnen arbeiteten, auf die Spendenaktion „500 Deckel für 1 Leben ohne Kinderlähmung“ des Vereins „Deckel drauf“ aufmerksam geworden, berichtet Artemeier von den Anfängen. Seither sammelt der 63-Jährige nicht nur an seinem Arbeitsplatz – unterstützt wird er auch vom Kindergarten in Diedesfeld, der Speyerer „Nordsee“-Filiale, von seinem Freundeskreis und natürlich der eigenen Familie. Keine Frage, dass zudem seine Kirche, die Freien Christengemeinde Neustadt, mitmacht. „Die Marienkirche am Juliusplatz ist die offizielle Sammelstelle für den Neustadter Raum, der Sammelbehälter steht im Gottesdienstraum“, informiert Artemeier. Mit dem bisherigen Verlauf seiner Sammelaktion ist er zwar sehr zufrieden, doch gehe sicher noch mehr: Angesichts der vielen BASF-Beschäftigten in Ludwigshafen sieht er doch noch viel Potenzial. „Poliomyelitis, abgekürzt Polio oder auf Deutsch Kinderlähmung, ist eine durch Viren vor allem im Kindesalter hervorgerufene Infektionskrankheit“, erklärt der Familienvater. „Eine ägyptische Stele aus dem 14. Jahrhundert vor Christus zeigt eine Abbildung eines mutmaßlichen Poliokranken. Und US-Präsident Franklin D. Roosevelt war wohl das bekanntestes Polio-Opfer“, so Artemeier, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam“, erinnert der Neustadter an einen Slogan aus den 1960er Jahren. 1955 wurde der Impfstoff dafür in den USA entwickelt. In der DDR fand bereits 1960 die erste Massenschluckimpfung gegen Polio statt. In Westdeutschland wurde eine solche Schluckimpfung erstmals 1962 in Bayern durchgeführt. Ein Jahr zuvor war in der Bundesrepublik mit der höchsten Polio-Rate in ganz Europa eine schwere Kinderlähmungsepidemie mit 4600 Erkrankten, über 3300 Gelähmten und 272 Toten zu Ende gegangen, wie Artemeier erzählt. „Es ist mehr als nur Sammeln, es geht auch ums Recycling“, sagt er. Würden Flaschen und Deckel gemeinsam geschreddert, wäre dies Schrott, da sie aus unterschiedlichen Plastikmaterialien bestehen. Recyclingunternehmen würden für diesen Mischmasch deutlich weniger bezahlen. „Für ihre Produktion will die Industrie möglichst reines Material erhalten“, so der Chemielaborant. Seit dem Start der Aktion „Deckel gegen Polio“, die vom Rotary-Club maßgeblich unterstützt wird, konnten bundesweit bislang über 301 Millionen Deckel gesammelt und daraus resultierend über 602.000 Impfungen finanziert werden. Aufgrund des Versprechens der Bill & Melinda Gates-Stiftung, jeden gesammelten Beitrag zu verdreifachen, sind es inzwischen sogar mehr als 1,8 Millionen Schluckimpfungen. „Iran und Äthiopien sind heutzutage Länder, die nicht poliofrei sind“, so Artemeier. „Polio ist aber keine Momentaufnahme, sondern eine Dauergeschichte. Kinderlähmung kann nie ein Ende haben, da immer Kinder geboren werden.“ Internet www.deckel-gegen-polio.de