Neustadt Sèvres und die Folgen

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Neustadt. Über die Geschichte der Türkei ist hierzulande wenig bekannt. Trotz der schon seit dem 19. Jahrhundert sehr engen Verbindungen zwischen beiden Ländern wird in Deutschland über die tiefen Gräben in der türkischen Politik und Gesellschaft oft berichtet, ohne dass ein Verständnis für die Hintergründe vorhanden wäre. Um dieser Unkenntnis abzuhelfen, empfiehlt sich die Lektüre des Buches des britischen Historikers Perry Anderson, der an der Universität von Kalifornien in Los Angeles lehrt.

Perry Anderson versucht mit kritischem Blick, die Türkei in ihrer Eigenschaft als Beitrittskandidat zur Europäischen Union zu erklären. Den großen Unterschied zu den Beitrittsländern aus Osteuropa sieht er darin, dass die Türkei „ein Abkömmling eines imperialen Staates“ ist, „der lange Zeit eine weit größere Macht darstellte als irgendein Königreich des Westens.“ Daher beginnt das Buch trotz seines Titels nicht bei Mustafa Kemal, genannt Atatürk, sondern mit einer knapp erzählten Geschichte des Osmanischen Reiches und seines Endes als Folge der Niederlage im Ersten Weltkrieg. Das Osmanische Reich wurde im Vertrag von Sèvres 1920 quasi aufgeteilt unter die Siegermächte England, Frankreich, Italien Griechenland sowie Armenien, 1923 entstand dann die Türkei in ihren heutigen Grenzen. Viele heutige Entwicklungen haben hier ihre Wurzeln, nicht nur das aktuelle Streben der Türkei unter Erdogan, an die Traditionen und die Macht des Osmanischen Reiches anzuknüpfen. Auch der Völkermord an den Armeniern ist heute noch ein umstrittenes Thema in der Türkei, ebenso wie die gegenseitigen Vertreibungen von Griechen und Türken aus ihren Siedlungsgebieten im jeweils anderen Land und die Situation der Minderheiten überhaupt. Vieles, was während des Ersten Weltkrieges und als seine Folgen im Raum des früheren Osmanischen Reiches geschah, ist heute in den Konflikten im Nahen Osten noch wirksam. 1923 kam mit der Regierung von Mustafa Kemal das Ende der osmanischen Dynastie. Kemal rief die türkische Republik aus und modernisierte das Land so radikal, dass der Autor diese Reform als einzigartig bezeichnet: 1924 schaffte er das Kalifat ab, ließ religiöse Stätten schließen, schaffte die Derwischorden ab, ersetzte die Scharia durch eine moderne, westlich orientierte Rechtsordnung, die arabische Schrift durch die lateinische und den muslimischen Kalender durch den westlichen, gregorianischen. Auch die alte Kleiderordnung, Fez für Männer, Kopftuch für Frauen, verbot er. Er hielt die Religion für das größte Hindernis einer Modernisierung und sah sie als Grund für Machtverlust und Niederlage. Hier werden die Brüche deutlich, die heute noch in der Türkei zu spüren sind. Kemals Revolution war eine Revolution von oben, getragen von einer gebildeten, meist aus dem europäische Teil des Reiches stammenden Oberschicht. Er stellte die Religion unter die Kontrolle des Staates, eine echte Trennung habe aber, so Anderson, nicht stattgefunden. Religion und Nation bildeten eine Einheit, die „Tradition einer Sakralisierung des Staates“, wie sie im osmanischen Kalifat bestand, setzte sich fort. Ein extremer Nationalismus, getragen vor allem von der Armee, war die Folge. Erst der Aufstieg der anatolischen Unterschicht, verkörpert durch die Partei AKP, beendete die Vorherrschaft der alten säkularen Eliten. Zu den Zielen der AKP Erdogans bemerkt der Autor: „der Gesellschaft insgesamt eine stärker religiös geprägte Gestalt zu geben und jene Teile des Staatsapparats zu erobern, die sich dieser Tendenz widersetzen“. Das Buch zeichnet nur die Verhältnisse bis 2008. Wer die aktuelle Rede Erdogans anlässlich seiner Wahl zum Staatspräsidenten liest, wird auch 2014 vieles wiedererkennen.

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